Full text: Lübeckische Blätter. 1957 (117)

falten. Selbst der ängstliche Schneider Jetter wird zu so ausreichte. Kein Wunder; die Prominenz hat sich nämlich etwas wie einer Persönlichkeit hinaufgesteigert – Bern- schon so an den Wahlkampt gewöhnt, daß sie ihn auch im hard Danneil hätte ihn von sich aus wahrscheinlich Kabarett nicht missen möchte. Sie kam auf ihre Rechnung; anders gegeben - er steht so bedeutend da, daß die anderen die Rechte, die Linke und auch die Mitte, auf die es be. Bürger daneben verblassen. Dann allerdings wundert man kanntlich ankommt (zum mindestens noch, d. h. am 1I5. sich, daß ein mutiger Bürger sich findet, der diesen würdi- September vormittags!), bekamen einige geistvolle Reaktio- gen Mann wegen der Beschlagnahme seines Ehebettes nen auf ihre nicht immer geistvolle Propaganda zu spüren. grausam zu verulken wagt. Eindrucksvoll war es anderer. Die beste Nummer war vielleicht „Die Gleichgewichtskrise seits, wie der Spielleiter dafür gesorgt hatte, daß Jetters eines politischen Seiltänzers“’. 1 Worte wider den Krieg in Spiel und Sprache stark heraus- Eine Fehlreaktion auf die Re-Aktoren wäre jeder Ver- gehoben wurden. Zwar verschmähte die Inszenierung die such zu erzählen, was auf der Bühne (Größe: gutbürger- Farbe nicht ganz. Um so auffallender, daß Egmonts Ge- licher Eßtisch um 1890) zu sehen und von ihr aus zu hören wandung, als er seinem Klärchen , spanisch kommt“. war. Was hätten Sie z. B. davon, wenn ich Ihnen erzählen darauf verzichtet. Was Klärchen an dieser einfarbigen wollte, daß da ein Mann war, der Streichhölzer verkaufen Gewandung begeistert, können außer dem Goldenen Vlies wollte, die garantiert nicht zündeten. Das käme Ihnen eigentlich nur ein paar Quetschfalten sein. natürlich blöd vor. Das war's aber nicht. Hinter jeder Die Inszenierung war sehr sorgfältig, manchmal fast zu Nummer steckte eben eine tiefe oder noch tiefere Bedeu- deutlich zu spüren; doch das erklärt sich vielleicht dadureh, tung. Bei den Zündhölzchen z. B. eröffnete sich ein tiefer daß Ottokar Panning mit einem ihm noch nicht bekannten Blick in die wirtschaftliche Struktur und die tiefenpsycholo- Ensemble, dem gerade in wichtigen Rollen mehrere neue gischen Komponenten des Wirtschaftswunders unserer Mitwirkende angehören, zu arbeiten hatte. Die Bewegun- leider immer noch so ernsten Zeit. gen der Volksmenge waren eindrucksvall gestaltet, Vansen Selbstverständlich kommt es auf auch das künstlerische auch in seiner Stellung und Bewegung auf der Bühne gut Personal an. Es ist nicht nur Ritterlichkeit, wenn ich die hervorgehoben. Nur einmal wurde die Grenze des Komi. einzige Dame des Ensembles besonders hervorhebe. Über schen zum mindesten gestreift: Als die dumpfen Trommeln diese Eigenschaft hinaus war sie stark eingesetzt, kann der spanischen Soldaten ertönen, nimmt das ganze Volk mit sehr gut spielen, kann sehr gut singen, kann sehr gut zeich- einer Exaktheit ,„volle Deekung‘‘, die das Herz jedes Feld. nen, kann sehr gut aussehen – und wer das kann, der tut’s webels höher schlagen lassen muß. auch gern (womit das Spielen und Singen und Zeichnen Mit großer Spannung sah man dem Auftreten unserer auch gemeint ist!). „Neuen“ entgegen. An Robert Casapiccola mulite man So etwas wie die Re-Aktoren existiert nun schon ein Jahr. sich erst ein wenig gewöhnen, da seine Erscheinung nicht Der Rezensent schiebt es auf die ewig ernste Atmosphäre ganz der Vorstellung entspricht, die man von Egmont in dertraditionsgesättigtenaltehrwürdigen Hansestadt Lübeck sich trägt. Dann aber zeigte sich, daß er die Rolle des Eg. an der Zonengrenze, daß er jetzt zum ersten Male bei den mont wirklich erfüllte. In Spiel und Ton war er der jugend. Re-Aktoren eingekehrt ist. liche Grandseigneur, der von allem lästigen Druck gelöste Jeder anständige Aufsatz greift zum Schluß noch einmal Liebhaber, der im Glück der Stunde sich verliert, der ge- auf den Anfang zurück, auf daß ein wohlgerundetes Etwas wandte Verhandlungspartner und der große Charakter, der entstehe. Die Re-Aktoren sind natürlich keineswegs pin- sein eigenes Selbst mit Sicherheit wahrt, und der Held, der selig, aber im ,„Pinsel‘““ in der Marienstraße lassen sie ihre dem Tode ins Angesicht zu blicken weil. Sehr erfreulich HSprengsätze knallen. Wenn wir ihnen außer dem Spreng. auch Enzia Pircher in der Rolle des Klärchen, deren satz noch ein symbolisches Arbeitsgerät zusprechen wollen, Schwierigkeit wohl darin liegt, daß sie das liebende Mäd- so wäre dies statt eines Pinsels ein scharf gespitzter Stift. chen und die Kämpferin zugleich ist. In lebendiger Ge- Da die Re-Aktoren auch noch einen sogenannten Haupt- schlossenheit stand diese herrlich-schöne Mädchengestalt beruf haben oder sich einem Studium widmen, legen sie Goethes vor uns. Brackenburg wird auf der Bühne nur zu jetzt eine Pause ein. ~ Schade!! Be leicht zum larmoyanten Schwärmer. In Werner Eng- lerts Darstellung war davon nichts zu spüren. Lola Chluds vornehmes Spiel gab der Regentin und der Frau in Margarete von Parma ihr Recht. Selten haben wir einen so guten Oranien gesehen wie Ulrich Matschoß. Die herbe Verhaltenheit wirkte nicht steinern kalt, hinter den Kleine Lübeeker Chronik kaum bewegten Lippen, den gestrafften Gesichtszügen spürte man das heile Herz und das warme Gefühl, das dann 3. September am Ende der Unterredung mit Egmont so erschütternd 20 Eigenheime für heimatvertriebene Fischer werden in durchbricht. Ahnlich war es mit der Unerschütterlichkeit Travemünde An der Bäk gerichtet. des Herzogs von Alba. Julius Kandels ließ hinter dem kalten Staatsmann spüren, daß dieser Herzog nicht nur §. Vaptonb eine gefühllose Staatsräson, sondern eine fremde Glaubens- b o! eptembvor .. welt, eine wirkliche Überzeugung verkörpert. Günter Das Seemannsheim begeht am Tage der Inneren Mission Schulz in der doch sehr. wichtigen Rolle des Ferdinand sein S0jähriges Jubiläum. i ; ] erfreute durch sein sicheres und seiner Aufgabe vollkom- Nach Abschluß der Restaurierungsarbeiten wird das men gerecht werdendes Spiel. Daß Günter Witte aus der Behnhaus wieder eröffnet. dankbaren Rolle des Vansen alles herauszuholen wußte, braucht his erwähnt zu Fern. Auch die kleineren Rol: 9. September len waren durchweg in guten Händen. . T:; § EEccéè ce iE t nen wir uns nicht einverstanden erklären. Nicht etwa, weil ßung ] sie „abstrakt“ wäre, sondern weil sie dem Grundcharakter schen Industrie statt. der Dichtung nicht gerecht wird. Die darstellerischen Lei- stungen standen auf einer sehr erfreulichen Höhe. Dement- 14. September sprach auch der starke Beifall eines dankbaren Publikums. Die Städtischen Bühnen eröffnen die Spielzeit 1957/58 Be git Bizets „Carmen“ im Großen Haus. Das Konkursverfahren gegen die „„Vorwerker Hafen- Von den pinseligen Re-Aktoren Industrie-Werke GmbH. & Co. (Vorindus)“ wird eröffnet. Als ich diese Überschrift kreierte ~ die Re-Aktoren sagen krei-erte , wollte ich meinen Leser nur in die folgenden Zeilen hineinlocken. Hoffentlich ist mir dies geglückt. 15. September ; Die Lübecker Prominenz (und auch einige Exminenz) war Die Wahlen zum Bundestag verlaufen ohne Störung. Ge- übrigens bereits vorhanden, soweit _ der knappe Raum wählt wird Helmut Wendelborn aus Travemünde (CDU). 178
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