Full text: Lübeckische Blätter. 1957 (117)

Im Oktober beginnt die Arbeit unseres Lesekreises. Wer Absichten zugrunde liegen, die sich notwendig auch anderer teilnehmen möchte, melde sich bei Frau M. Creydt. zeichnerischer Mittel bedienen. Die Norddeutschen ent- Alle Mitglieder. die Freude an Basteln, Handarbeiten wickeln keine neue zeichnerische Form, sondern verwenden und Feste gestalten haben, melden sich bitte bei Frau die Manier der Kopenhagener Akademie, die sie mit neuem M. Peter oder bei Frau Grubel. Geist füllen. Ihr Hauptrverdienst liegt, bei aller Groß- Leider sind wir gezwungen unseren Jahresbeitrag von artigkeit der Rungeschen Bildniszeichnungen, auf anderem 12,17 DM auf 15,0 DA zu erhöhen. Gebiet. Bei Schnorr v. Carolsfeld kommen wir zum erstenmal der eigentlich romantischen Form auf die Spur. Spätere Auslktellungen Beobachtungen schon jetzt verwertend, darf man vielleicht St.- Annen-Museum: Die Bildniszeiehnung der Hit alrr Vorsieht Burst: il gespannt (auch beim deutschen Romantik. Halbprotil!), der ornamental flächenfüllend ist. Die Die eigenständigsten Leistungen der deutschen bildenden HKehraffur ist dem gegenüber untergeordnet. Sie geht der Kunst tinden wir auf dem Gebiet der Graphik. Die Dürer. plastischen Obertlächenform durch den Linienverlaut nach, zeit und der Expressionismus bilden zwei Höhepunkte der ohne Lichtwirkungen zu beachten. Auf Grund ihrer Dichte graphischen Produktion, zwischen denen der dritte der und Zartheit ergibt sie feinste Tonwerte. Die ornamentale romantischen Zeichnung liegt, formal oft zurück zur Dürer. Linie wiederholt sich im Detail (Haare, Augenbrauen, zeit orientiert, gedanklich aber vieles vorwegnehmend, Mundpartie usw.). Größere Tonunterschiede bedeuten was ein Jahrhundert später zu einer entscheidenden Kunst. HFarbunterschiede und nicht verschieden starkes Licht, wie wende führen sollte. bei Runge oder den Klassizisten. Um das zu sehen, erinnere So ermöglicht diese von Dr. Schmalenbach eingerichtete man sich an Friedrichs und Runges Malerei, die wesentlich Ausstellung Kontrolle und evtl. Revision des eigenen vom Erlebnis des Lichtes her zu erklären ist, während das Standpunktes, sowohl in künstlerischer als auch in mensch. malerische Vorbild der Nazarener die schliehte beleuch- licher Hinsicht, abgesehen von dem reinen Genuß der tungslose Lokalfarbigkeit mittelalterlicher Tafeln war. schönen Blätter. Selbst das Bildnis eines jungen Mannes von Scheffer v. Bevor wir uns mit ihnen beschäftigen, müssen wir aller Leonhardshoff, nieht mit spitzem Stift oder Feder ge- dings fragen, ob diese Fülle thematisch gleicher Blätter zeichnet, sondern mit Kohle, bestätigt unsere Theorie, dem Laien zumutbar ist. Oder sollte es eine Ausstellumm während das besonders schöne Selbstbildnis von Franz im wesentlichen für Fachleute sein ? Dann wäre sie nieht Pforr beinahe dogmatisch den ornamentalen Umriß zeigt, als repräsentative Sommerausstellung geeignet. Auch umunit einer Ausdrucksintensität, die das Blatt weit über den leidet die Ausstellung unter den Raum- und Lichtverhält. Durchschnitt der gezeigten Beispiele erhebt. nissen des St.. Annen-Museums. Sie war fürs Behnhaus Overbeck wünschte man sich besser vertreten. Die geplant, konnte aber wegen der Bauarbeiten nicht gehängt beiden frühen Arbeiten aus seiner Wiener Zeit besagen werden. wenig, denn hier hat der Maler seine Form noch nicht ge- Wir machen uns mit Hilfe des von Dr. J. Chr. Jensen funden, die beim Bildnis des Malers Colombo besonders außerordentlich sorgfältig bearbeiteten Kataloges auf den klar wird. Auch Cornelius, Ramboux, Führich, Ph. Veit Weg. Die im Vorwort dieses Kataloges von Dr. Schmalen- u. a. erhärten unsere Meinung über die romantische Form, bach angeschnittene Frage, ob es eine spezifisch romantische wobei die Blätter des Cornelius durch ihre elegante Präzi- Form gäbe, soll der Leitgedanke sein. sion bestechen, während Ph. Veit weniger durch zeich- Mag beim ersten flüchtigen Rundgang uns der Unter- nerische Delikatesse, als durch seine sympatische Mensch- schied von Klassizismus, Romantik und Biedermeier nicht lichkeit in Erinnerung bleibt. Zwei spätere, akademisch allzu deutlich werden, da wir vielleicht von der Moderne gewordene Arbeiten dürften fehlen. gröberes Geschütz gewohnt sind, so zeigen sich doch sehr Höhepunkt der Ausstellung ist zweifellos der Raum mit bald bei genauerem Schauen beträchtliche Differenzen der den Zeichnungen des jungen genialen Carl Fohr. Was bei Auffassung und der künstlerischen Mittel, die die Beant.. Schnorr, Overbeck, Cornelius u. a. schon meisterlich sich wortung der Frage scheinbar leicht machen, wenn nicht ueigt, ist, besonders bei den Studien zum Gruppenbildnis immer wieder Außenseiter das System zu sprengen drohten. der Künstler des Café Greco, im Ausdruck gesteigert und Allerdings stellt sich auch bald heraus, daß diese meistens mit großartiger Konsequenz durchgeführt, so daß man Randerscheinungen der romantischen Bewegung waren von hier die Maßstäbe für die oben versuchte Definition und so letzlich unseren Versuch einer Antwort nicht beein. beziehen muß. Das Selbstbildnis von Fohr, ist ähnlich wie trächtigen. das von Pforr, das Selbstbildnis des romantischen Jüng- Die Klassizisten Carstens und Schadow geben den Grund, lings überhaupt. von dem sich die Romantiker abheben werden. (Der Von hier aus erscheinen die Zeichnungen von Oesterley, „romantische Klassizist“ Genelli ist hier fremd, eher aut Ph. und G. Schmitt, Hübner u. a. bei aller Liebensytrdu Feuerbach voraus- als auf Carstens zurückweisend.) Man keit vergleichsweise schwach und daher in dieser Fülle mul) häufiger zurückgehen, um sich den Unterschied wohl nieht notwendig. Auch Wasmann, dessen Farb- deutlich zu machen. Ihre Zeichenweise, malerisch-plastischn studien so verblüffend , impressionistiseh“ sind (Kunst- mit Hell-Dunkel.Werten arbeitend (Schadows lesendes halle Hamburg), wird als Zeichner häufig überschätzt. Mädchen, Carstens’ Selbstbildnis), gibt den Menschen ver. Hlier erscheint sein Umriß manchmal leer und die Model- gleichsweise objektiv. Es liegt ein Abstand zwischen Ber lierung allzu glatt und summarisch. trachter und Modell, der kein intimes Gespräch aufkommen Ein neues Problem taucht auf bei der Abgrenzung der läßt. Sehr deutlich wird das im Vergleich von Carstens. Romantik gegen das Biedermeier. Es wird deutlich, daß und Runges Selbstbildnis und dem Bildnis seines Bruders Übergänge selten sind. Schwind, Rethel, . Richter sind Daniel. lier ist der Abstand aufgehoben, der Betrachter Spätlinge, die die romantische Form, manchmal sehr ver- wird persönlich angesprochen. Seelenlage und Schicksal dùünnt, ausklingen lassen. des Dargestellten sind nach außen gelegt + allerdings Kobell, Joh. A. Klein, L. E. Grimm, Spekter und noch in der akademischen ,„Kreidemanier“, in der auch HOldach aber zeigen etwas Neues: Die Form bleibt präzise, C. D. Friedrich seine Bildnisse zeichnet. Leider fehlen das aber das Ornamentale geht verloren. Realismus entsteht Kopenhagener und das Berliner Selbstbildnis, so daß seine durch Einbeziehung von Licht, Schatten und Hintergrund. Bedeutung im Zusammenhang dieser Ausstellung nicht Schadows Realismus war aus barocker Tradition summa- deutlich wird. rischer, hier jedoch herrscht die Liebe zum Detail. Die Sehr deutlich aber wird, daß die norddeutschen Roman- Dargestellten scheinen stärker vom Milieu bedingt. Der tiker, im wesentlichen malerisch bestimmt, nicht ohne Bildraum wird eng, während er vorher unendlich war, weiteres mit dem weitgefaßten Kreis der Nazarener und selbst bei kleinstem Format. ihrer Nachfolger als „Die Romantiker‘! bezeichnet werden Das vorzügliche Selbstbildnis Follenweiders gehört hier- können da, wie bald die schönen Blätter der folgenden her, ebenso wie die Zeichnungen von Kaltenmoser und Räume zeigen werden, hier ganz andere künstlerische HSandhaas. Es fehlt ihnen die freundschaftliche Intimität 164
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