Full text: Lübeckische Blätter. 1957 (117)

ist als für den Druck, zeigt sich, daß bei ihr der aber dürfte der Grundsatz, Neues nur mit einem Ankauf von nicht bodenständigen Ersatzstücken, ausbaufähigen Grundstock zu beginnen, dort seine den wir für Inkunabeln im allgemeinen ja ver- Berechtigung haben, wo es sich um einen abso- worfen hatten, möglich und unter Umständen ge- luten Neubeginn handelt. In dieser Lage befand boten ist. Das hängt mit der Rigenschaft der sich die Stadtbibliothek Lübeck in bezug auf den Handschrift als Unikum zusammen. Sobald von heute berühmtesten Sohn der Stadt, Thomas Mann. einer Handschrift, deren Inhalt Quellenwert ber Die zwei Dutzend Autographen von seiner Hand, sitzt und die im Druck nicht erschienen ist, Abo- welche die Bibliothek besessen hatte, waren als schriften oder Auszüge zum Kauf angeboten wer- Zufallserwerbungen ohne inneren Zusammenhang den, kommt man, wenn die Handschrift selber gewesen. Es gab also nichts, woran der verständ- verloren ist, kaum umhin, solche Surrogate zu liche Wunsch, in diesem Falle nicht abseits zu erwerben. So wurde im Jahre 1955 vom Arkiv bleiben, hätte anknüpfen können. Abgesehen da- för Svensk Släktforskning in Malmö eine in der von, daß durch den Ankauf von Einzelstücken Mitte des 17. Jahrhunderts geschriebene Chronik niemals der Grund für eine organische Sammlung „Die alte Stadt Lübeck“ gekauft, welehe inhalt- gelegt werden könnte, verbot sich solches Vor- lich Kaum mehr als die auszugsweise hochdeutsche gehen auch wegen der hohen Preise, welche heute Übersetzung von bekannten älteren niederdeut- schon wenig inhaltsreiche Autographen . dieses schen Quellen ist, die aber eben deshalb, weil diese Schriftstellers im Handel und auf den Auktionen Originale verloren sind, jetzt selber Quellenwert erreichen. Es hieß also zunächst, sich stille zu erlangte. Glücklicherweise sind solche häßlichen halten und aut eine Gelegenheit zu warten. Diese Ersatzkäufe, da es sich bei ihnen nicht um Pre- ergab sich, als der in der literarischen Welt nicht tiosen zu handeln pflegt, jedenfalls finanziell unbekannte, früher in Österreich, heute in Amerika meistens keine sehr starke Belastung des Etats, lebende Schriftsteller Paul Amann der Stadt- aus dem sie erworben werden müssen. Aber sie bibliothek seinen über mehr als drei Jahrzehnte spielen eine nicht unerhebliche Rolle bei den Nach- hinwegreichenden Briefwechsel mit Thomas Mann läüssen, denn ob und auf welche Weise man die Be: zum Kaufe anbot. Der Schwerpunkt dieser treuung eines verlorenen Nachlasses fortsetzt,kann Briefe liegt quantitativ und qualitativ in den kaum durch grundsätzliche Erwägungen im vor- Jahren des ersten Weltkrieges. Sie begleiten aus ermittelt und festgelegt werden, sondern er- Stück für Stück die Entstehung der „Betrach- gibt sich zwangsläufig und unter Umständen wider tungen eines Unpolitischen“ und sind für die, wie die persönlichen Wünsche des Bibliothekars aus man heute übersieht, nicht eben gradlinige Ent- den Gelegenheiten, die sich anbieten. So war nach wicklung der politischen Ansichten ihres Autors dem Verlust des sehr reichhaltigen Geibelarchivs ein außerordentlich aufschlußreiches ! Quellen- unsere Neigung, durch den Ankauf einzelner material, indem sie sein Ringen um die Gewinnung Stücke, wie sie zahlreich und wohlfeil im Handel seines ersten entschiedenen Standpunktes doku- und auf Auktionen erscheinen, eine neue Sammlung mentarisch belegen. Freilich, DM 6300,- kür 36 anzulegen, anfangs sehr gering. Immerhin konnte und einige Stücke war eine Summe, die, wenn das im Jahre 1947 erfolgte Angebot des Geibel. überhaupt, so nur von der Possehl-Stiftung zu er- biographen Georg Kleibömer, seine Auszüge aus hoffen war. Und glücklicherweise versagte sich den dramatischen Fragmenten Geibels von ihm das in vielen Fällen bewährte Verständnis des zu erwerben, nicht wohl ungenutzt gelassen wer- Vorstandes für die Anliegen der Bibliothek auch den. Später folgten die Auszüge desselben For- dieses Mal nicht. Die Stiftung kaufte die Briefe schers aus den Tagebüchern als Geschenk und Für die Bibliothek, womit ein tragfähiges Funda- im Jahre 1950 der Ankauf eines wichtigen Original. ment für eine planvolle Thomas-Mann-Sammlung manuskripts, nämlich des ersten Entwurfes zum gelegt war. Welchen Anforderungen, welcher I. und 2. Akt der Sophonisbe. Nach solehen An- Konkurrenz aber die Stadtbibliothek gerade bei fängen wurden dann auch Einzelstücke der oben der Erfüllung dieser Aufgabe gegenühersteht, möge erwähnten Art häufiger erworben, sofern sie be- schließlich noch ein letztes Beispiel zeigen. Im sonders charakteristisch für Geibel waren oder in Herbst 1956 gelangten bei Stargardt in Marburg deutlicher Beziehung zu Lübeck standen. Ent- mehrere Briefe Thomas Manns zur Versteigerung, sprechend verlief aueh die Entwicklung im Falle unter ihnen einer an den Literarhistoriker Harry Friedrich Overbecks. Hofmanns These: man soll Mayne, in welchem Thomas Mann bekennt, daß niehts Neues anfangen, wenn nicht eine finanziell die Novelle „Tonio Kröger“ ihm trotz allem, was besonders günstige Gelegenheit dazu vorliegt und noch kommen möge, wohl immer das liebste seiner nieht gleich ein in sich geschlossener und leistungs- Produkte bleiben werde. Man wird es begreiflich fähiger Grundstock erworben werden kann finden, daß die Stadtbibliothek auf den Erwerb scheint auf das Problem des verlorenen Nachlasses gerade dieses Briefes ganz besonderen Wert legte, nicht zuzutreffen. Auch der verlorene Reichtum steht doch im Mittelpunkt dieser Novelle das sehr behält seine verpflichtende Kraft, und niemals verzwickte Verhältnis des Heimkehrers „Tonio darf ja auch bei allen diesen Erwägungen die zu seiner Vaterstadt Lübeck. Die Possehl-Stiftung Möglichkeit einer Rückkehr des Ausgelagerten stellte DM 3000,- für die Ersteigerung zur Ver- gänzlich außer Betracht gelassen werden. Wohl fügung. Aber im Kampfe mit einem unbegrenzten 125
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