Full text: Lübeckische Blätter. 1957 (117)

banalen Vielfalt schildern. Oft sind es Darstellungen aus ginn der Vorstellung in der Beckergrube berichtet, so dal} lem Leben Yoshiwaras, des alten Vergnügungsviertels von wir uns an dieser Stelle gleich dem Gastspiel selbst, der ra (Tokio), mit seinem bunten Menschengewimmel. Die Aufführung des Rusalka-Märchens von Antonin Dvoräk, zahlreichen Bildnisse der z. T. hochgebildeten und sorg- zuwenden dürfen. Y ö Y fältig erzogenen Freudenmädchen spielen gleichzeitig als Erwin Bu gge hatte sich bei der Inszenierung des E für Kleider- und Frisurmoden eine erhebliche Märchens weitgehend auf die Wirkung der musikalischen Rolle und dienen, ebenso wie die überaus populären Schau. Substanz und der romantischen Bühnenbilder Kurt Jpielerbildnisse nicht zuletzt als Reklame für die Dar- Froeses verlassen. Von dort her erreichten ihn (und den ILstellien. Zeugen der Aufführung) in der Tat märchenhafte Stim- Auch die Menschenfigur wird einer Stilisierung unter. mungen und Anregungen zur Ausgestaltung Iyrischer worfen und gleichsam in Zeichen aufgelöst. Die mitunter Szenen. Sie spannungsvoll miteinander zu verbinden und zcharf zugespitzte Charakteristik gilt aber weniger dem den Glanz und Zauber des Märchens über ihre Geschlossen- Individuum + das würde eine Störung der Harmonie be- heit hinweg zu erhalten, wäre dann die gewiß schwierige, leuten – als vielmehr dem Typus, und augenscheinlich von einer erfindungsreichen Phantasie nur zu lösende, führt jede Abweichung von der Norm denn auch unweiger- Aufgabe der Regie gewesen. Es war nicht zu übersehen, lich zur Karikatur. daß ihr die Details besser gelangen als deren Verknüpfung. Von den ausgestellten drei Meistern vertritt der älteste, Die energische musikalische Leitung von Dr. Karl Utamaro (1753-1806) noch am reinsten die altjapanische Schubert zwang Bühne und Orchester in den Strahlkreis Tradition. Großen Ruhm erwarb er sich als der unüber. seiner suggestiven Persönlichkeit. Seine Zeichengebung treffliche Schilderer der Halbwelt Yoshiwaras, wenngleich war durch stürmisches Temperament und minutiöse De- zeine naturkundlichen Bilderbücher künstlerisch einen taillierung bestimmt, auf die auch das Mecklenburgische höheren Rang beanspruchen. In der Feinheit seines kalli- Staatsorchester zuverlässig und präzise reagierte. graphischen Linienstils, in der Eleganz seines etwas Gute bis ausgezeichnete gesangliche Leistungen, be- Schematischen Frauentypus sowie in der betonten Zart. sonders der weiblichen Darsteller, verhalfen der Auf- heit auch seiner männlichen Figuren spiegelt sich eine Führung zu einem beachtlichen Erfolg. Evelyn Schild- dekadente und morbide Welt, die auffällig an das euro. bach, die nach Kiel gehende Sopranistin des Staats- päische Rokoko, etwa Boucher, erinnert. theaters, stattete die von ihr empfindungsstark angelegte Von gänzlich anderer Wesensart ist der bei uns wohl litelgestalt mit fraulich warmen, in der Höhe auch drama- populärste japanische Meister, der „geniale Kuli“ Hokusai tischer Entladung fähigen Tönen aus. Hermann Runge (1760-1849), der als Kind des einfachen Volkes sein ganzes gefiel in der Rolle des liebenden Prinzen. Das gesunde und Leben im armseligen Honjo- Quartier Edos verbrachte. gute Material seines Tenors scheint in sich die Anlage zu Ebenso unvorstellbar wie seine Produktivität (mehr als heldischem Glanz zu bergen und ist in der + manchmal 500 illustrierte Bücher, 1000 Gemälde und 30000 Holz- noch beengten + Höhe gewiß ausbaufähig. Ingeborg schnitte) bleibt die Vielseitigkeit seiner Themen, die vom Zobel beeindruckte als ,. fremde Fürstin“ durch ihren Andachtsbild bis zur Bordellszene, von der zierlichsten kräftigen Mezzosopran und ihre Erscheinung. Die Ge- Pflanze bis zur heroischen Landschaft, von der Tabaks. stalt des Wassermanns fand bei Gerhard Hotftmann pfeife bis zum Tempelentwurt reicht. Mag ein nicht ge. eine nahezu ideale Verkörperung. Sein - in der Mittellage ringer Teil seines Werks auch geschickt die Vorstellungen besonders klangvoller – Baß und seine in der Klage wie anderer varüeren und altes chinesisches oder japanisches im Zorn gleichermaßen strahlkräftige Gestaltung sicherten Gut ausmünzen, mag vielfach die Wendung zum Betrachter, ihm ausgezeichnete Resonanz. Das stimmlich homogen die Pose dominieren, so bedeutet sein neuer malerischer besetzte Terzett der Waldfeen (Harriet Karlsond, Holzschnittstil doch eine Revolution gegenüber dem bis. Christine Kulbatzki und Erika Knopf) verdient herigen Linienstil, und sein derber, kerniger Humor, etwa höchste Anerkennung. Erna Bellmann, in bildschöner Brueghel vergleichbar, findet in Japan kaum seinesgleichen. Maske, spielte (etwas zahm) die Hexe. Das Buffo-Duo des Höchste Virtuosität entfaltet er besonders im Variieren Hegers (Walter Langner) und Küchenjungen (Inge- eines bestimmten Leitmotivs, so in den weitbekannten borg Nerius) sprachen für die gute Besetzung auch des 36 Ansichten des Fuji, von denen mehrere, darunter auch Nebenrollen, wie Chor (Einstudierung Adolf Hupe) und die berühmte „Woge“, in unserer Ausstellung zu finden Tanzgruppe (Choreographie: Heinz Paquet) des sind. Hingewiesen sei schließlich noch auf die „Mangwa‘“. Staatstheaters das Bild solider Vorarbeit im benachbarten [ Skizzen)- Bücher und seine Surimonos, ungemein delikate, Schwerin bezeugten. Kostüme und Masken waren ori- kleinformatige Blätter, die als Glückwunschkarten aus- ginell und geschmackvoll. getauscht wurden. Die Aufnahme des Gastspiels war eine betont herzliche. Hiroshige (1797-1858) endlich, der letzte und nicht Der an den Aktschlüssen und am Schluß auflebende Bei- eben stärkste Nachfahre der japanischen Landschafts-. fall feierte alle Darsteller und Mitwirkenden, von denen ! malerei hat gleichwohl mit seinen etwas nüchternen und sich außer den Künstlern der Bühne auch die leitenden schwunglosen Veduten den bedeutendsten Einfluß auf die Herren vor dem Vorhang zeigten. Goebel französische Malerei seit 1870 ausgeübt. Von allen japa- nischen Künstlern ist er zweifellos am leichtesten euerneo- Bachs Johannes-Passion. Aufführung der päischer Betrachtungsweise zugänglich, da in seinem Werk Lübecker Knäaben-Kantorei in 8t L L 22 östliche und westliche Naturauffassung zusammentreffen. Von den beiden erhaltenen Bachschen Passionen gilt die " Reich an dekorativen Bildausschnitten und effektvollen hyach Johannes seit je als das in seiner knapperen Formung 1 Blickpunkten zeigt sich besonders seine berühmteste Holz- dramatischere, straffere Werk. Daß aber eine solche Dra- . schnittfolge, die 53 Stationen der Tokaido-Straße. matik nieht unbedingt der äußeren interpretatorisochen li G. Lindtke Nachzeichnung bedarf, sondern aus dem verhalten musi- ( zierten Notentext von innen her aufglühen kann, diese Er- Z! Theater und Mulik fahrung scheint mir das nachhaltigste Erlebnis zu sein, das Té Ö einem die schöne Aufführung der Johannespassion durch Gastspiel des Staatstheaters Schwerin die Lübecker Knaben-Kantorei unter Georg Goebel ver- ZE Rusalka, Lyrisches Märchen von Anton mitteln konnte. Statt einer extensiven eine intensive Auf- h Drvoräk . führung + diese Formel sei erlaubt für die Bezeichnung 11 Die gegenseitigen Bemühungen im kulturellen Sektor, eines Wandels, der fort von dem Musizieren mit großen B über die Zonengrenze hinweg gute Nachbarschaft zu CUOhormassen (mit denen noch Albert Schweitzer bei seinen § pflegen, hatte in diesen Tagen zu einem Gastspiel des Besetzungsvorschlägen für einzelne Arien usw. zu rechnen ZV Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin in Lübeck ger. hatte) zu wesentlich kleiner besetzten Klangkörpern führte; ZE führt. Es wird im Mai mit einem Gegenbesuch des die Kantorei tut seit Jahren in gewachsener Tradition sin pc Lübecker Theaters in Schwerin erwidert werden. übriges, wenn sie nur mit Knabenstimmen musiziert und Zi Die Lübecker Tagespresse hat über den festlichen äußeren damit dem Brauche der Bach-Zeit folgt. Georg Goebel läßt ie Rahmen und die herzliche Begrüßung der Gäste zu Be. auch etliche Solo.Partien (Jesus, Petrus, Pilatus. Alt- und Vt 8gth1 1J2
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.