Full text: Lübeckische Blätter. 1956 (116)

Tagung in Sankelmark (Schluß) Mit dem diffizilen Thema , Soldat zwischen Ost und lebendig (Rankes Wort von den Völkern als Gedanken West‘ beschäftigte sich sodann Freiherr v. Werthern Gottes in der Welt). Der Bankrott des nationalstaat- (Hamburg). Aus der Sicht des ehemaligen Berufs- lichen Gedankens nach den jüngsten Katastrophen offiziers schilderte er die Stellung des Soldaten nach hat nach Ansicht von Görlitz die Wurzeln frei- 1945 in beiden Teilen Deutschlands. Dabei wurde gelegt für eine neue Gemeinsamkeit abendländischen deutlich, daß die Sowjetzone schon frühzeitig mit Denkens. politischen Hintergedanken das Soldatentum rehabi- In den Tagungsablauf war dann als willkommene litierte, während im Westen ein aus dem Zusammen- Adhwechselung eine Fahrt über Gravenstein, Düppel bruch und der Umerziehung durch die Allüerten ge- und Sonderburg nach Apenrade eingeschaltet. Hier nährtes Mißtrauen blieb. v. Werthern verfocht die erfuhren die Teilnehmer von den Grenzproblemen Notwendigkeit der Wehrpflicht, aber auch der Stär- Nordschleswigs in einem Vortrag über die deutsche kung des Wehrwillens zur Verteidigung der besseren Minderheit, die bei einer Gesamtzahl der nordschles- westdeutschen Ordnung. Beachtlich waren seine Ger wigschen Bevölkerung von etwa 200000 aus 25000 danken über die erforderliche soziale Aufrüstung, damit bis 30000 Volksdeutschen besteht. Für diese deutsche der Westen in der Welt die moralische Führung über- Volksgruppe mußte seit 1920 das volkliche Denken nehme, seine Kritik an den überlebten kolonialen Vor- eine staatliche Unterstützung, besonders in der Er- stellungen, die die ,. freie Welt‘ verhindern, das haltung eines eigenen Schulwesens, ersetzen; das Ver- Mündigwerden der arabischen und asiatischen Völker siegen eines unmittelbaren Volkstumserlebnisses bei zu begreifen und seine kritische Frage anläßlich der der jungen Generation durch das Ausscheiden aus dem Bestrebungen zur Sprengung des ,„Juliusturmes“, ob deutschen Staat sucht man nun dadurch wettzu- man nicht auch für die Wiedervereinigung Reserven machen, daß durch Patenschaften schleswig-holstei- anlegen müsse. Daß der Vortrag eine Problematik an- nischer Städte die volksdeutschen Kräfte gestützt gerührt hatte, die sich in unserer besonderen volklichen werden, da die deutsche Volksgruppe in Nordschleswig Situation nicht einhellig klären läßt, erwies jedoch die von sich aus zur Pflege ihres Volkstums nicht groß und lebhafte Diskussion. Dabei trat besonders der gene- kräftig genug ist. Revisionistische Gesinnungen gibt rationenbedingte Unterschied in der Auffassung ge- es bei den Nordschleswigern nicht; sie sehen ihre Auf- wisser staatlich-völkischer Werte und Begriffe hervor, gabe vielmehr in einer inneren Überwindung der die durch allzu häufigen Gebrauch stumpt und glanz- Grenze, in der Lösung des alten Spannungsverhält- los geworden sind. Am schwersten wog aber doch wohl nisses zwischen Volkstum und Staatszugehörigkeit. der Umstand, daß die Kernfrage des Themas + die Hs war gleichsam ein Nebenergebnis der Tagung, wenn tragische Zerrissenheit unseres Landes und seine ger durch diesen Ausflug über die Grenze einmal die schichtlich einmalige Eingliederung in zwei rivali- Funktion Sankelmarks als einer Grenzakademie, deren sierende Machtblöcke — unerörtert geblieben war. Die kultureller Ausstrahlungsbereich gerade auf Nord- simple Gleichung von West und Ost und die Gering- schleswig mitberechnet ist. den Teilnehmern zum Be- schätzung einer dritten Kraft bilden keinen frucht- wußtsein kam. baren Beitrag zu Lösungesversuchen in der deutschen Eine Folge von Filmen aus der Sowjetzone und dem Frage. Ostblock ergänzte abends in der Akademie das bisher Der zweite Tag brachte Ausführungen des Ham- mehr theoretisch gewonnene Bild des heutigen Ostens. burger Journalisten Walter Görlitz („Die Welt“) über Hs wurden Streifen gezeigt, aus denen die ideologische „Die historischen Grundlagen des abendländischen Verhärtung („„Die Partei hat immer recht’), der Stand Geschichtsbildes“, eine übersichtliche Zusammen- dler Aufrüstung in den Ostblockstaaten und die raffi- fassung historischer Tatbestände. Görlitz stellte für niert sentimentale Propaganda im kleinen Spielfilm die Entwicklung des „Abendlandes“ als eines rea- hervorgingen. Man darf es aber als erfreuliches Zeichen lisierten politischen Begriffs die weströmische Verr unseres gesund gebliebenen kritischen Vermögens quickung von Antike und Christentum heraus, denen werten, wenn der Teilnehmerkreis übereinstimmend den sich das Germanentum als drittes Element beigesellle. ersten Film in seiner vom gesamtdeutschen Mini- Beit Augustins „Gottesstaat““ hat sich ein übernatio- sterium zurechtgeschnittenen und mit einer über- nales, universales Geschichtsbild geformt, in dem das flüssigen Fülle von Assoziationen zu Vorgängen im Reich als Träger heiliger Sendung im Sinne christlich 3. Reich aufgeschwemmten Form als allzu plumpe endzeitlicher Vorstellungen mit dem Überbau der Gegenpropaganda ablehnte. Diese Art des Kommen- civitas Dei erscheint. Das Abendland empfindet sich ktierens wirkte höchstens störend und verminderte darum bis zu seinem Aufstieg zur wissenschaftlich- die Freiheit einer ohnedies eindeutigen Urteils- technischen Höhe des 20. Jahrhunderts als Zentrum bildung. ö der Welt. Der irdische Heilsplan in den säkulari- In einem durch Weltweite des Blickes und meister- sierten Geschichtsbildern seit dem 19. Jahrhundert hafte Stoffbeherrschung faszinierenden Vortrag be- (Hegel, Marx, Lenin) geht im Grunde, wenn auch schäftigte sich Axel Seeberg, der Chefredakteur des widerstreitend, immer noch vom Ohristentum aus. Mit ,, Sonntagsblattes‘“ in Hamburg, am dritten Tage mit der Herausbildung der Nationalstaaten verlor sich der Frage „Ist Europa politisch aktionsfähig ?‘) (Er- allmählich ein gemeinsames abendländisches Ge- freulicherweise ist es Dr. Sander gelungen, Seeberg zu schichtsbildl, aber während im Humanismus die einem Vortrag auch für Lübeck zu gewinnen.) historisch-politische Geisteshaltung den christlichen Als schicksalhafte Wende für die europäische Aktivität Heilsplan-Gedanken ablöste, blieb doch trotz natio- ist das Jahr 1914 anzusehen. Bis zu diesem Zeitpunkt naler Differenzierung die universale Vorstellung weiter greift Europa politisch, wirtschaftlich und geistig in ] J94
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