Full text: Lübeckische Blätter. 1956 (116)

Die Gesamtschau über das Lebenswerk M’ilhelm Lehmbrucks im Behnhaus bezeich- net nicht nur den Höhepunkt der diesjäh- rigen Ausstellungssaison: man darf wohl sagen, daß seit der denkwürdigen Carl- Milles-Ausstellung 1929 in Lübeck Plastik . in diesem Umfang und von derart überzeu- gender Qualität nicht zu sehen war. Neben etwa 50 Skulpturen in Bronze oder Stein : darunter alle Hauptwerke des Künstlers + . umfaßt die Ausstellung noch ein Dutzend ' Ölgemälde, rund 40 Handzeichnungen sowie eine Auswahl aus dem graphischen Werk. Die schöne Diele des Behnhauses, der Gar- 1 ten und der Pavillon bilden einen Rahmen, wie er — repräsentativ und gleichzeitig er- ; füllt von der intimen Atmosphäre des Wohn- . hauses + kaum irgendwo wieder gefunden werden kann. Wie ein volltönender Akkord empfängt den Eintretenden in der Diele die wohl bekannteste Plastik Lehmbrucks, die eroße „Kniende‘“, umgeben von Werken Seiner ersten Schaffensperiode. Mag auch : die Anstrahlung der Figur (zur Vermeidung Der Garten nach der Umgestaltung . einer Silhouettenwirkung gegen die helle . Fensterwand) ein Notbehelf nicht ohne Problematik bleiben, so lassen doch die edlen Proportionen ven Mannigfaltigkeit wiederzugeben, ist sein Anliegen, sondern " des Raumes, der festliche Rhythmus der Treppenanlage und ein ,,heroisches Bemühen, das Transzendente in leibhaftige der Arkadenbögen alle Ungunst der Lichtverhältnisse ver- Form zu bannen“. Seine Figuren stehen nicht aktiv handelnd Sessen. in der Welt, sondern im Gegensatz zu ihr: nach innen gewandt, Der Garten – ein immer noch viel zu wenig bekanntes Juwel in stummer Resignation, träumerisch dahindimmernd, dem inmitten der Altstadt + wurde unlängst vom Gartenbauamt Schicksal ergeben. Immer wieder hat man von der ihnen inne- behutsam umgestaltet, ohne in seinem ursprünglichen Charak- wohnenden „geheimen Gotik“ gesprochen und damit ihre Spiri- ter Abbruch zu leiden. Hier finden wir nun eine Anzahl der z. T. tualität, die alle Körperlichkeit auf ein Mindestmaß zurück- überlebensgroßen Figuren autgestellt: unvergleichlich schön die drängt, ja mitunter nahezu absorbiert, in Worte zu fassen „Sinnende“ unter dem Blätterdach eines mächtigen Ahorns; der gesucht. Während jedoch der gotische Bildner sein Werk getra- »„Emporsteigende Jüngling“ im offenen Geviert des Pavillonsn gen wußte von der Gemeinschaft der Gläubigen, war es das wie in der Geborgenheit eines Innenraums und dennoch in seinem Schicksal Lenmbrucks, als eines Künstlers unserer Zeit, seinen erübelnden Ernst dem Fliehen der Wolken und dem Wehen der We'eg allein zu gehen, als Einzelner sich einer Welt des Unver- W'ipfel zugesellt; inmitten der Rasenfläche auf einem (etwas zu stehens entgegenzustemmen und schließlich an ihr zu zerbrechen. Massig geratenen) Sockel der „Sitzende Jüngling“, erk !: yon Zu dem anderen großen Einsamen unter seinen Zeitgenossen, ?uswegloser Trauer, ausgeliefert der Weite des Raumes; am Wes" Ernst Barlach, ergeben sich kaum Berührungspunkte. Wuchtig fand die „„Badende‘“, verhalten und scheu dem Voröbergetenden bewegte Ass und leidenschaftliche Gebärden bei dem Nord- die herrliche Melodie ihrer Rückenlinie zuwendend; ähnlich nym- E Aga Lrehen schroff den clegischen Konturen und empfin- Phenhaft im Laub die „Rückblickende“, und unweit davon der lu mErgestrrigren Kurven dcs Westfalen gegenüber; dort der ; »Geneigte Frauentorso‘’ in seiner konzentrierten Linienwirkung F auragreifende, raumzwingende Block, hier die bewußt durch- ; sowie der „Sitzende Knabe‘), der einem barocken Putto gleicht. Zlükete. in Üts Zukunft weisende (Henry Moore!) Spaltung in , Der Pavillon endlich beherbergt die Werke der mittleren und . "zd n-La tive Eorm. SPäten Schaffenszeit einschließlich der großen Frauentorsi und F Zens Y : ' des „Gestürzten“, dessen Reliefwirkung durch eine dahinter.. Etwas wie ein Hauch von antiker Sinnlichkeit, ein Abglanz der ? stehende Stellwand noch unterstrichen wird, sowie eine Anzahl verteinerten Formenkultur des Westens spiegelt sich besonders ! der Gemälde und graphischen Blätter. in der frühen Plastik Lehmbrucks. Nicht zufällig brachte der ' vierjährige Aufenthalt in Paris 1910 bis 1914 für ihn die ent- Seit langem schon ist das Werk Lehmbrucks der Kritik des" scheidende Wende — weniger im Hinblick auf die dort empfan- Tages enthoben: unbestritten zählt der Künstler zu den Klas- genen Anregungen, denn als Durchbruch zu eigener künstleri- sikern der neueren Plastik. Nicht das Leben in seiner vegetatir. scher Aussage.
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