Full text: Lübeckische Blätter. 1955 (91=115)

zwei alten Bürgerhäusern der Mengstraße wieder- Strahlkräfte über diese Stadt aussandte gen Osten und erstehen ließ. Es ist beglückend, daß der Lübecker Norden. Aber wie kläglich, immer nach dem reicheren Kaufmann es gewesen ist, der sich hier ein Zeugnis Bruder zu rufen! UnserJist diese Stadt, die aus der Verpflichtung gegeben hat. Heimat unserer Söhne und Töchter, stell- Aber wir Bürger Lübecks könnten gemeinsam, alle, vertretend steht diese Stadt?“ für, alle deut- ohne Ausnahme, ein Zeugnis ablegen, daß wir Bürger schen Städte im Ostseeraum. Darum möehte sind, die noch wissen, was es heißt. Ererbtes zu ber ich es in die Herzen meiner Mitbürger hin- wahren. einrufen, daß es unsere Sache ist, Lübeck Die Stadt hat im August dieses Jahres durch ihren wieder seine sieben goldenen Türme zu geben. höchsten Repräsentanten, den Stadtpräsidenten, aufge- Sie werden vielleicht einwenden, daß der Gemein- rufen, unsere sieben Türme wiedererstehen zu lassen. sinn der Lübecker Bürger nach diesem Kriege doch Sicher, dieser Schritt war nicht gut vorbereitet, es war schon viel geschaffen habe. Die Glocken mit ihrem keinglücklicher Anlauf. Aberdasdarfjetzt nicht gelten! SKSpiel schallen wieder von den Türmen von St. Marien Nicht für den Fremdenverkehr sollen sie erstehen, auch ~ und wie beglückend der Tag im eben vergangenen nicht nur weil weit unter ihren Höhen das Wort Gottes Oklttober, als durch die mächtigen Schiffe unserer Rats- gesagt und gesungen wird. Sie sollen erstehen, daß kirche die Orgeltöne sangen und seufzten + aber, wir Lübecker die Achtung nicht vor uns selbst verr meine Damen und Herren, es waren eben 40 Rinzel- lieren und vor unsere Väter und Vorväter einst be- bürger und gut 50 Lübecker Firmen, die für die Orgel schämt hintreten müssen, weil wir ihre zu Gottes und besondere Spenden aufgebracht hatten, und der zu ihrem eigenen Ruhm geschaffenen Werke unserer Wlarienbauverein hat gerade 600 Mitglieder, die jedes Stadt nicht wiedergegeben haben. Wie wunde Male Jahr ihr Scherflein geben. Das, so werden Sie mir ragen die Turmstümptfe aus den Häusern unserer Alt- zugeben, ist nicht die Bürgerschaft dieser Stadt, das stadt hervor, klagend rufen sie gen Himmel und möch- ist kein Opfer aller, sondern nur eines von ganz ten doch wieder hinaufjubeln, daß der Mensch wieder wenigen! weiß, daß ihm selbst aus Größerem größere Kraft wird. Wir werden nicht alles aus eigener Kraft schaffen Aëh, ich kenne alle die Einwendungen, ich weiß können, aber wir sollten. die ersten Türme uns nicht natürlich wie alle, die dieses Werk angegriffen haben, erbetteln, nieht aus Spielgewinnen holen, sondern um die viele und bittere Not, die mmer noch in jeder Lübecker Bürger sollte sein Scherflein geben, unserer Stadt ist, aber ich weiß auch, daß es ein Maß jeder sollte seinen Nachbarn dazu ermuntern, und gibt, an dem diese Stadt und ihre Bürger einst werden keiner dürfte fehlen wollen! gemessen werden. Als unsere Vorfahren diese Bau- Bedenken wir, daß dies die Aufgabe unserer Genera- werke aufeinandertürmten, da hatte ihre Zeit auch tion ist, die noch das Bild der siebenfach gekrönten ihre Not und ihre Mühen, und dennoch türmten sie Stadt im Herzen trägt, sie muß es schaffen, daß auch Stein auf Stein, wagemutig und demütig zugleich. Aus unsere Kinder aus diesen goldenen, gen Himmel dem Opfer der Bürger Lübecks müssen die Türme stürmenden Türmen Freude, Mut und Glauben wieder wachsen, daß sie wirklich unser sind, daß wir schöpfen und als freie Bürger, aufrecht vor den Men- uns in ihnen selbst beweisen. Fast ist niemand da, der schen und demütig vor Gott, leben können. den Bürgern dieses Opfer anzutragen wagt, sie sagen, Menn wir dann jetzt unser Glas erheben, so die breite Masse der Bevölkerung wäre zu einem weollen wir darauf trinken, daß es das ganze Vaterland solehen Opfer nicht bereit. Sind die Bürger einer wieder werde und darinnen ein gesegnetes Land Stadt denn nichts als Masse, sind sie nicht alle Nach- Sechleswig-Holstein und in ihm an der Trave unsere barn, Mitbürger und zeigen sie nicht stolz ihren Kin- Stadt, auf deren Mut und Wagesinn hell jubelnd die dern die steinernen Zeugen vergangener Größe ? Sind sieben goldenen Türme herabschauen und in das Land es nieht unser aller Bauwerke und Eigentum ? Sicher- hinauskünden, daß hansischer Geist in der Opfertat lich, wir sind die so hart betroffene Stadt, und ihre seiner Bürger sich neu bekannt hat!! Zeugen gehören auch dem ganzen deutschen Vater- Dr. Sander lande und darüber hinaus dem Europa. das einst seine Direktor Orphische Frage So sinkt denn Stück um Stück dem andern nach, Im Abgrund + sagte ich. Denn welcher Lebende Ein Teil von dir, hinab in Todesgrüfte. Vermöchte wohl zu künden, ob er schon Du hältst dich noch mit aller Kraft an Rand, Im tiefsten Tief des Schlundes hat gelitten, Am bröckelnden, des Abgrunds in der Schwebe, Ob es nicht unter ihm noch jäher abwärts ging. Von Angst zerfetzt oft, heiter dann zuweilen, Ist Heiterkeit denn göttlich? Wartet sie Als ob du nichts von aller Furcht mehr spürtest. An diesem Ort auf arme Seelen, die nichts Doch nicht vom Glauben her erwächst dir dies Sonst retten würde vor der dumpfen Angst, Er streift dich selten nur mit seinen Schwingen, Die aufsteigt aus dem Grund gleich dicken, Die federleicht selbst Felsen tragen könnten Gedrängten Nebelschwaden, die den Atem dir Aus einer Heiterkeit, die immer an des Abgrunds Und alles, was dir lebend schien, benehmen ? Zerberstend schönen teils, teils elend glatten Schuf Gott sie? War sie neben ihm, Und immer neu gesuchten Wänden niztet. Als er die Welt gedacht, als eignes Wesen ? So lebt die Heiterkeit denn auch im Abgrund ? Hanna Seiffert Im März dieses Jahres waren Werke von Hanna Seiffert im Stadthallen- Studio ausgestellt MTI
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.