Full text: Lübeckische Blätter. 1955 (91=115)

bolische Figur, einen Hxboxmeister. Vom Manager Vergangenheitserlebnisses ! Auch Cervantes hat einst V der düsteren Traumrevue zum Narren gemacht, aber dies Geheimnis erfahren. „Vür Gott“, heißt es in s aus Schmach und Grauen unerschrocken und gläubig seinem Roman, ,.gibt es keine Vergangenheit und ( wiederauferstanden, ist dieser just der rechte Gefährte keine Zukunkt, sondern alles ist Gegenwart.“ U für Don Quichotes neuen Aufbruch. Kann das Bünd- Wir wissen es nicht. Aber ein Don Quichote weiß d nis des alten idealistischen Überschwanges mit der sich fest in dem Glauben an die Engelbotschakt, d neuen sachlich-praktischen Offenheit zu dem Dichter welchen allen Menschen guten Millens das Wohlge- . auf der Akropolis führen., in das Geheimnis seines fallen Gottes verheißt. t Tagung in Sankelmark i „„Zwischen Auflösung und Neuordnung – Gesell- reicheren Teilnehmerinnen in manchen charakteristi- schaft in Bewegung““ war das Thema der Tagung, zu schen Zügen deutlieh werden. der die Grenzlandakademie Sankelmark und unsere Es soll nun versucht werden, auch denen, die nicht Gesellschaft für die Tage vom 12. bis 16. September selbst an der Tagung teilgenommen haben, von ihrem in das geschmackvoll und gediegen eingerichtete Haus Gang und ihren Ergebnissen etwas zu vermitteln. der Akademie eingeladen hatte. Wenn am Dienstagvormittag der Kultusminister Gesellschaft in Bewegung 6- man könnte dieses Dr. Lemke die Tagung nicht nur begrüßte, sondern Wort auch auf unsere Gesellschaft beziehen. Den aueh selbst seine Gedanken zum Thema darlegte, so „Sonntagsgesprächen“, wie sie dank der Initiative sprach er nicht nur als der Minister, sondern auch als unseres Direktors im vorigen Jahre im Hause der Mlitglied der Gesellschaft. Gesellschaft zum ersten Male stattgefunden haben, Mitten in die Dinge hinein führte der Vortrag von folgte jetzt die fast eine Woche dauernde Tagung in Dr. Bolte vom Soziologischen Seminar der Vniversität Sankelmark, auch sie wie die Sonntagsgespräche Kiel über den Wandel unserer Gesellschaftsstruktur. brennenden Fragen unserer Zeit gewidmet. Das Zunächst werden die Verhältnisse der Gegenwart aus Suchen und die Sehnsucht nach neuen Formen sozi- der Vergangenheit hergeleitet und dadurch in ihrem alen, gesellschaftlichen Lebens fand schon in der Sinn deutlicher erfaßt. Der Gegenwart voraus geht Tagung an sich und damit, weil sie ausschließlich von die Jahrhunderte umfassende Zeit der geburtsständi- Mitgliedern der Gesellschaft besucht war, eben in schen Gesellschaft. Die Herkunft ist entscheidend für dieser Gesellschaft ihren Ausdruck. Zugleich ist die soziale Rinordnung des Menschen. Die ,„Bevölke- unsere Gesellschaft ein Beispiel dafür, wie dieses rungsweise‘’, d. h. das Verhältnis zwischen Heiraten Suchen und Sichsehnen Ziele erkennt und sich ihnen Geburten, Todesfällen ist stabil. Ks wird spät gehei- nähert. Mit ihren über fünfzehnhundert Mitgliedern ratet (2. B. nur Meister, nur Inhaber von Bauern- ist die Gesellschaft zu groß, als daß sie als solche als stellen), Fruchtbarkeit und Sterblichkeit sind hoch. ' geschlossene Gemeinschaft in Erscheinung treten Nahrungsspielraum und Bevölkerungsentwieklung könnte. In Sankelmark konnten nur etwa 45 Mit- sind aufeinander eingespielt. Etwa um 1750 beginnt glieder an der Tagung teilnehmen, weil das Haus nieht die Industrialisierung. Die Lehren des Calvinismus mehr Gäste aufnehmen kann. aber auch weil eine zu haben die Arbeit zur religiösen Pflicht werden lassen, grole Teilnehmerzahl ein Gefühl enger Verbundenheit es entsteht der Erwerb um des Erwerbes willen. Dazu nieht mehr aufkommen läßt. Beim Stiftungstag sind Iommen als Realfaktoren im Zusammenhang mit der es etwa zweihundert, die sich zusammenfinden, bei Naturwissenschaft die technischen Erfindungen. Vorträgen und Hausabhenden wieder andere, bald in Dadurch werden Arbeitskräfte freigesetzt. Der Libe- größerer, bald in kleinerer Zahl. Wenn wir dazu ralismus führt zur Beseitigung des Schollenzwanges bedenken, welche Bedeutung die Gesellschaft nicht und zur Vreizügigkeit mit ihren einschneidenden nur durch ihr Haus für die zahlreichen Tochtergesell. Folgen. Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung schaften hat, so entsteht vor uns das Bild einer großen, (medizinische Wissenschaft !) sinkt seit 1750 dauernd durehaus lebenskräftigen Gemeinschaft, die in nie- die Sterblichkeit, die Geburten steigen, die Bevöllce- mals abgerissener Verbundenheit mit der Vergangen- rung wächst stark an. Erst um die Jahrhundertwende heit sich entschlossen den ihr gemäßen Aufgaben der sinkt die Geburtenziffer, bald so stark, daß sie die Gegenwart und damit der Zukunft zuwendet. Trotz. Sterblichkeitsziffer unterschreitet. Die Gefahr bio- der Tonpfeifen am Stiftungstag ist für sie ihre Ver- logischen Verfalls wird um 1935 abgefangen. Das aber gangenheit keine „gute alte Zeit“, der man, des üist nicht nur auf die wieder steigende Zahl der Gebur- hastenden Alltags überdrüssig, nachtrauert, sondern ten zurückzuführen, sondern auch auf die enorm ge- die Gesellschaft hat ihre Vergangenheit in die Gegen- stiegene Lebenserwartung. Betrug diese 1750 im wart als die Grundmauern hineingenommen, auf Durchschnitt 36,4 Jahre, so ist sie bis 1950 auf 70 denen wir aufbauen können. So war es denn von er- Jahre gestiegen. Das Wachsen der Bevölkerung im freulicher Selbstverständlichkeit, daß auch in Sankel- 19. Jahrhundert ist übrigens keineswegs nur auf das mark vom ersten Tage an die Gemeinschaft da war. nicht einmal sehr beträchtliche Steigen der Geburten- Es ist dort üblich, daß am Begrüßungsabend jeder gdziffer zurückzuführen, sondern stärker noch auf den Teilnehmer seinen Namen nennt und mit wenigen Mandel der sozialen Struktur und des sozialen Ver- Worten sagt, woher er stammt und welchen Berufs- haltens. Neue Gewerbezweige, neue Arbeitsstellen und Lebenskreisen seine Eltern und Großeltern ange- entstehen. Ihre Inhaber verhalten sich wie Inhaber hören oder angehört haben. Das leichte Befremden, ökonomischer Vollstellen (s. o., Meister und Inhaber das einige Teilnehmer diesem Ansinnen entgegen- von Bauernstellen !), auch wenn es keine sind. Das brachten, schwand bald, und diese Vorstellungen HMeiratsalter sinkt; da die Empfängnisverhütung im ließen die Porträts der Teilnehmer und der noch zahl- allgemeinen Bewußtsein immer mehr anerkannt ] NK
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