Full text: Lübeckische Blätter. 1955 (91=115)

Schillers menschliches und künstlerisches Ver- Welt durch Erkenntnis und Willen zu beherrschen, mächtnis ist für uns heute nur zu erfassen, wenn wir rührt an die Grenzen der Vermessenheit. Er ist Vor- ihn in seiner Einheit als Mensch, Denker und Drama- bild und Warnbild zugleich. Seine dramatischen tiker begreifen und uns seinen Lebensablauf ver- Gemälde aber werden die Zuschauer erschüttern, C E C s tt t seine Entwicklung vom Empörer über den Idealisten denn er gab dem Theater die Aufgabe, als Sinnbild zum Realisten verfolgen. Die Inhalte seiner Sittlich- kultureller Einheit und nationaler Lebensgemein- keitsreligion in seiner Jugendzeit, seines Schön- schaft das gesamte Volk zu umschließen. heitsidealismus in seiner mittleren Periode und Es gilt von Schiller, was Grillparzer aus eigener seines tragischen Heroismus am Ende seines innerer Erfahrung von der Berufung des Dichters Lebens sind in unserer Zeitwende historisch geworden. sagt: Von Ewigkeitswert aber ist das Ethos seines Denkens, ..Daher sind von jeher Dichter gewesen und sein unbedingter Wille zur Wahrheit und zur Ge- Helden, Sänger und Gotterleuchtete, daß an ihnen meinschaft und seine Forderung nach dem Primat des die armen zerrütteten Menschen sich aufrichten, Geistes über den Staat. Seine Leidenschaft, die ihres Ursprungs gedenken und ihres Ziels.“ Die Malereien im Chor der Marienkirche Was soll mit den Bildern im Chor der Marienkirche Gottes zu dienen. Die Bilder im Chor aber vermögen geschehen? Die Meinungen darüber sind geteilt. nicht zu reden. Sie täuschen und sind stumm, weil Laien wie Kunsthistoriker treten dafür ein, daß die keine christliche Glaubensleistung und kein Bekenntnis Bilder an ihrem Ort verbleiben sollten und daß sie aus ihnen spricht. Die Entscheidung also, die hier zu wieder beseitigt werden müßten. Dabei werden die treffen ist, ist eine christliche Entscheidung, die an verschiedensten Gründe vorgetragen: der einheitliche der Aussage zu prüfen ist, die aus den Bildern ge- Eindruck des Kirchenraumes werde mit der Ent- schieht, und alle Maßstäbe christlicher Ethik würden kernung der Chormalereien wieder zerstört, die falschen in Frage gestellt erscheinen, wenn der Unwahrhakftig- Bilder fügten sich gut in die Reihe der Malereien im keit als Bestandteil des Kirchenraumes Dauer ver- Langhause ein, für die Fremden bildeten die um- liehen würde. : Fritz.von Borries strittenen Malereien einen interessanten Anziehungs- * punkt, eine spätere Zeit werde sich veuig mehr um Zu derselben Frage sind uns vom Verband Deutsche die Entstehungsgeschichte der Bilder kümmern und Pravenkultur e. V., Ortsgruppe Lübeck, folgende Außerungen mit dem vollständigen Bild der Ausmalung zufrieden von zwei Mitgliedern der Ortsgruppe zugegangen: sein. Es sind ästhetische, wirtschaftliche, praktische Erwägungen, die vorgetragen werden, um die Er- I. haltung der Bilder zu begründen. Aber kommt es auf In Nr. 8 vom 17. April 1955 der ,„Lübeckischen diese Gesichtspunkte an? Gehen sie nicht an dem Blätter“ wirkt Herr Waldemar Lüders die Frage Kern der Frage vorbei ? auf: „Sollen die OQhormalereien bleiben ?“ Rs ist an dieser Stelle schon einmal mit erfreulicher Er kommt leider zu dem Ergebnis, daß man sich Deutlichkeit ausgesprochen worden, daß es sich hier unbedingt entschließen müsse, die gefälschten um eine geistliche Entscheidung handelt, um die Bilder zu entfernen und die Kosten aus dem Baufonds Wahrhaftigkeit der Aussage, die der Gemeinde gegen- zu bestreiten. über geschieht. Die Maler hatten den Auftrag, vor- Nachdem einwandfrei feststeht, daß im Chor der handene Malereien wieder freizulegen. Als sie keine Marienkirche nichts von der Kunst unserer Alt- genügenden Reste auf den Chorflächen vorfanden, vorderen erhalten blieb, was durch „Restauration“ haben sie nach Vorbildern aus Kunstbüchern die unseren Nachkommen weitergegeben werden kann, leeren Flächen gefüllt. Eine künstlerische Leistung muß notwendigerweise etwa Neues geschaffen werden. ist dabei nicht entstanden. Es gehört kein besonderes Die jetzigen „Fälschungen“ haben immerhin vor handwerkliches Geschick dazu, diese einfachen Maler noch nicht erstandenen späteren ,alten“ oder ,,mo- reien als alt auf den leeren Flächen zu reproduzieren. dernen‘ Chormalereien voraus, daß sie in den Raum Zur künstlerischen Leistung gehört jedoch eine passen und daß + wie schon oben bemerkt + selbst geistige Aussage, die von der Persönlichkeit des die Experten keinen augenfälligen Widerspruch zwi- Künstlers getragen ist. Das ikonographische Pro- schen diesen „Restaurationen“ und den vermuteten gramm, das in den Chormalereien vorgelegt wird, ist, alten Befunden fanden. wenn von einem solchen überhaupt gesprochen werden Von einer Lüge, die in das Gotteshaus einzieht, kann, aus der unverbindlichen Auswahl der benutzten kann keine Rede sein, da unmißverständlich und aus- Vorlagen entstanden. Sein geistiger Inhalt ist leer, drücklich die Chormalereien als „Nachempfindungen“ wie der der Kopien. Aber auch diese Fragestellung des 20. Jahrhunderts gekennzeichnet werden. kann für die kirehliche Entscheidung noch nicht ge- Unter Würdigung der einmaligen, besonderen Um- nügen. Es handelt sich um die Ausgestaltung eines stände sollte auch der christlich aufrechte lübische Gotteshauses, und hier darf kein anderer Maßstab Bürger versuchen, diesen Ausweg. mit seinem Ge- gültig sein, als der der Aussage an die Gemeinde. Dabei wissen in Einklang zu bringen. Müssen wir denn kommt es nicht darauf an, wieweit die Darstellungen immer päpstlicher sein als der Papst ? Jedenfalls für das Auge sichtbar sind und von ihm gedeutet dürfte bei einer Umfrage mit ziemlicher Sicherheit werden können. Sondern der ganze Raum mit allen Herrn Prof. Grundmanns Vorschlag, die Malerejen zu seinen Teilen steht unter der Widmung, dem Zeugnis belassen (aber nicht nur vorläufig) und sie als nach- 1 1 K
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