Full text: Lübeckische Blätter. 1954 (90)

Neue Bauten in alten Städten Immer wieder werden Lübecker Baufragen be- sind im heimischen Backstein mit sachgemälßer Ver- sprochen. Jeder will das Beste, aber hart steht Mei- arbeitung erbaut, die Venster fein geteilt und die nung gegen Meinung. Es soll nun einmal leiden- Baugruppen gut gegliedert. Ganz moderne Bauten schaftslos versucht werden, grundsätzliche Fragen zu zeigen durch Abwechslung, daß es auch hier viele untersuchen. Möglichkeiten gibt. Der ewige Wechsel ist ein ehernes Gesetz. Es ist, In Lübeck wird heute noch das schöne eigenartige klar, daß heutige Architekten zwangsläufig ihren Altstadtbild in Wort, Schrift und Auslandswerbung Zeichenstikt anders führen als die Meister des Mittels als große Kostbarkeit + mit Recht gepriesen. alters oder des Barocks und ihren Gedanken überall Aber dies verpflichtet auch. Wer hierher kommt, freien Ausdruck geben wollen. Es ist auch nicht neu, will nicht verkleinerte Weltstadtbauten sehen, die es dal eine neue Generation auch in alte Stadtkerne ingrölßeren Städtenvielausgeprägter gibt, sondern auch ihre Bauten in neuer Form setzen will. im Neuen den eigentümlichen Zauber der Stadt. In Städten, die noch einen besonderen Ausdruck Deshalb sollte man meines Erachtens als Ziel der | haben, fordert aber eine andere Gruppe, daß die Altstadtgestaltung herausstellen: . Neubauten sich taktvoll in den alten Rahmen ein- Neue Häuser durchaus neuen Bedürfnissen fügen, damit das „Gesicht“ der Stadt gewahrt bleibe. entsprechend, aber so zu bauen, daß sie die Dieser Wunsch wird von der erstgenannten Gruppe oft Eigenart nicht stören, sondern in neuer Vorm etwas hochmütig damit abgetan, daß diese verkalkten weiterbilden. Menschen eben nicht den Geist der Zeit verstünden, So wurde in Jahrhunderten die Schönheit der Stadt und es wird so gesprochen, als ob sie historische Bauten geschaffen. Will man dies anstreben, muß man zu- mit Butzenscheiben und Zinnen verlangten. nächst überlegen, was eigentlich „Neuer Baugedanlce“ Ieh möchte aber hier gleich betonen, daß mit und was „Lübecker Eigenart“ bedeutet.. _ wenigen Ausnahmen die zweite Gruppe keineswegs Der moderne Stil wird so definiert: „Einen Bau eine neue Form ablehnt, sie verlangt lediglich, daß zweckmäßig, einfach und klar, in den heute zeitge- diese in Vorm und Baustoff sich aus den Elementen mäßen Konstruktionsarten und Baustoffen zu bauen.“ der Stadt entwickelt und sich im Maßstab in den Diese Aufgabe kann man rein technisch lösen, und alten Rahmen einfügt. Diese Grundgedanken ent- wer eine glatte Wand mit rohen Fensterlöchern darin sprechen der jahrhundertalten Entwicklung, auf der zeichnet, kann ruhig behaupten, daß er modern ent- der Reiz alter Städte beruht. worfen habe. Ob dies schön ist, ist eine andere Frage, ö Vs ist nun grundsätzlich von Stadt zu Stadt zu und würde man nur so den Gedanken verstehen, 80 entscheiden, ob die erste oder die zweite Gruppe hätten wir von St. Franzisko bis Berlin die gleichen Recht hat. Einheitshäuser der ,„Masse‘’. In Hamburg wird es keinem Menschen einfallen, Ein wahrer Architekt kann aber bei aller Zweck- von Bauten der Innenstadt zu verlangen, daß sie sich mähiglkeit durch geschickte Gliederung und Wahl der nach den wenigen noch vorhandenen reizvollen Bauelemente den Bau auch schön und harmonisch Häusern der Fleete richten sollen. in die Umgebung einfügen. Es gibt ja nicht nur In Braunschweig lag der wundervolle Reiz der eine zweckmälige Konstruktionsart und nieht nur Altstadt in den schönen Fachwerkhäusern, die fast einen zweckmäligen Baustokk, man kann aus vielem restlos zerstört sind. Schon das Material verbietet, wählen und für jeden Fall das Geeignete finden. z daß die völlig neu zu gestaltenden Stadtgebiete sich Eine derartige Auffassung des „neuen Bauens an das Alte anlehnen. bringt nieht nur technisch einwandfreie, sondern Dagegen hat Münster seinen berühmten Prinzipal- auch harmonisch-schöne Bauten. Daß aber Schönheit markt mit seinen steinernen Giebelhäusern wieder in weitesten Kreisen auch heute noch wichtig genom- in annähernd alter Form aufgebaut, weil eben dieser men wird, sehen wir nieht nur im Kampf um den Platz untrennbar zur Stadt gehört. Bauausdruck, sondern in vielen Dingen des Lebens. Freudenstadt hat den völlig zerstörten riesigen Ein Auto gilt als Gipfel der Zweckmäligkeit, und Marktplatz, der ursprünglich fast nur Giebelhäuser doch sucht jede Firma ihrem Wagen eine besondere hatte, samt dem ringsum laufenden Arkadengang, Form, eine besondere Schönheit zu geben, selbst den, ,Bögen'“‘, wieder neu erstellt, zwar auch die Giebel. wenn das Blech etwas anders geformt ist, als es dächer dureh – ebenso steile - Traufdächer ersetzt, unbedingt nötig wäre. Man kann auch hier den Zweck diese aber mit den dort heimischen Dachaufbauten ver- mit verschiedenen Mitteln erreichen. Das was man sehen. Die an sich geraden Platzwände wurden durch heute modernen Stil nennt, hat sich an Großbauten die abwechslungsreich gestalteten, aber in den Grund- auf großen Flächen entwickelt, wo er oft packende formen ähnlichen Einzelhäuser harmonisch und Wirkungen erzielt. Kleinere Verhältnisse erfordern lebendig gemacht. Die Häuser entsprechen voll den aber andere Maßstäbe. . heutigen Ansprüchen, die Einzelheiten sind frei aus Was nun die Lübecker Eigenart anbelangt, so den dort üblichen Bauelementen gestaltet, und damit habe ich absichtlich diesen Ausdruck gewählt und ist der Baugedanke des alten Freudenstadt auch in nicht das Wort „Lübecker Stil‘. Diesen gibt es nicht, der neuen Vorm so köstlich weitergebildet, daß die aber eine ausgesprochen lübsche Bauart, nämlich den Neugestaltung Stolz und Freude der Einheimischen harmonischen Zusammenklang eigenartiger Bauele- und eine große Anziehungskraft für Fremde auslöste. mente, auf denen der gerade heute s0 viel in der In Kiel war es selbstverständlich, daß diese im Werbung betonte Reiz liegt. ö Innern fast völlig eingeebnete Stadt, die sich nie Grundlage des Stadtbildes ist der Stadtplan, mit besonderer Baudenkmale rühmte, keine Rücksicht verkehrstechnisch klar gerichteten Straßen, deren auf alte Formen braucht. Aber zahlreiche Bauten Wände aber fast überall leicht gebogen sind. Dadurch KZ
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.