Full text: Lübeckische Blätter. 1954 (90)

Idealitätskormen in uns, durch die der unbekannte Ordnungsprinzip unserer Vernunft bedeutet, zum stoff der Empfindungen zu bloliken Erscheinungen konstitutiven Seinsprinzip erheben und behaupten, geformt wird. Diese Lehre Kants von der Idealität es gibt eine Seele, eine Welt, einen Gott, wie es die von Raum und Zeit, die den sogenannten Phänome- rationale Psychologie, Kosmologie und Theologie nalismus begründet, gehört zu den seltensten Lehren wahrhaben wollte, dann treiben wir dogmatische der ganzen abendländischen Philosophie, und wenn WMletaphysik, und Kant hat nun in der Dialektik der wir von der Seltenheit auf den Wert derselben Kritik der reinen Vernunft dieses ganze Hirngespinst schließen dürfen, zu den wertvollsten und zugleich jener dogmatischen Wissenschaften zerstört, weshalb umstürzendsten. Gerade an dieser kritischen Grund- man ihn auch bereits zu seiner Zeit nicht mit Unrecht lehre Kants aber geht die gesamte Kantinterpretation den Alleszermalmer genannt hat. Der Spiritualismus achtlos vorbei. als metaphysische Weltanschauung ist damit durch In uns selbst sind ferner außer den Anschauungs- Kant ebenso unmöglich geworden wie der Materialis- formen, die in unserem Gemüte sind und den uns mus, der Theismus ebenso unmöglich wie der Atheis- unbekannten Stoff der Empfindungen zu bloßen mus. Eine neue Welt, die Welt der transzendentalen Erscheinungen formen, die sogenannten Verstandes. Idealität, dämmert auf, während die alte Welt der formen oder Kategorien, deren es zwölf gibt (Binheit, dogmatischen Metaphysik zugrunde gegangen ist. Vielheit, Allheit; Realität, Negation, Limitation; Als Fazit der Untersuehungen der Kritik der reinen Substantialität, Kausalität, Wechselwirkung; Mög- Vernunft konnte Kant das Wort aussprechen: „Wer lichkeit, Dasein, Notwendigkeit). Sie machen aus dem einmal Kritik gekostet hat, den ekelt auf immer alles dureh Raum und Zeit geformten Stoff der Emp- dogmatische Gewäsche, und er wird nie wieder zu findungen, d. h. aus den Erscheinungen, gegenständ- jener alten sophistischen Schein- und Schulweisheit liche Erkenntnis, wodurch Erfahrung oder Natur zurückkehren.“ Alle Erkenntnis ist immer nur Er- zustande kommt. Denn Natur ist nach Kant nichts kenntnis von Erscheinungen, nie von Dingen an sich. anderes als die gesetzmälßige Verknüpfung der Er- Trotzdem treibt es den Menschen immer wieder, scheinungen zu gegenständlicher Erkenntnis. Das hinter die Welt der Erscheinungen zu dringen, um Grundgesetz dieser Naturist das Gesetz der Kausalität, zu den Dingen an sich vorzustoßen; und wenn es auf das besagt: Alles, was geschieht, setzt etwas voraus, dem Wege des theoretischen Erkennens auf keine worauf es nach einer Regel folgt, nichts geschieht Weise möglich ist, dahin zu kommen, dann vielleicht ursachlos. Auch dieses Gesetz ist in uns als eine Form auf dem Wege des praktisch-moralischen Handelns. unseres Verstandes und kommt nicht den realen Diesen Weg unternimmt Kant in seiner zweiten Dingen außer uns und an sich zu. Kritik, der „Kritik der praktischen Vernunft‘. Nur Wir sind es also selbst, die die Natur erst zu dem von bier aus wird sie verständlich. Das Scheitern aller iert ) machen, was sie dann für uns ist. Hine Natur an sich theoretischen Erkenntnisse hinsichtlich der Dinge an che gibt es für Kant in diesem Sinne nicht mehr. Damit sich spornt das praktisch-moralische Handeln an, und tar ist aller Materialismus der Natur als metaphysische so gelangt Kant, ausgehend vom kategorischen Impe- der Weltanschauung unmöglich geworden, und die Natur rativ als dem einzigen Faktum der reinen praktischen die ist geadelt worden dadurch, daß sie durch das trans-. Vernunft zu den Postulaten des Glaubens an eine hen zendentale Bewulitsein und dessen Anschauungs- und seiende Seele und deren Unsterblichkeit, an eine hen Verstandesformen allein möglich geworden ist. Damit seiende intelligible Welt mit ihrer Freiheit und an Cri- hat sich die kopernikanische Wendung vom Objekt einen existierenden Gott. Das Wort in der Vorrede zur hie, zum Subjekt, durch das das Objekt erst möglich wird, zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft wird len vollzogen. Es ist der fundamental wichtige Schritt bestätigt dureh die Kritik der praktischen Vernunft: 1nd von der bisherigen dogmatischen und ontologischen ,Ich mußte das Wissen aufheben, um zum Glauben Metaphysik zur transzendentalen und erkenntnis. Platz zu bekommen.‘ Weildie theoretische Erkenntnis der kritischen Prophysik. jener drei metaphysischen Realitäten uns für immer 1en Endlich sind in uns selbst und unserem Gemüte versagt ist, bleibt nur der praktische Glaube an sie ant, neben den Anschauungs- und Verstandesformen noch übrig, und dieser Glaube ist allein gerechtfertigt durch zen Vernunftformen, d. h. Ideen, deren es drei gibt: das einzige Faktum der praktischen Vernunkt, den zur Seele, Welt und Gott. Aber auch diese sind nicht kategorischen Imperativ, der ein Sollensgesetz ist 1en Realitäten an sich, sondern nur Vormen unserer und Freiheit voraussetzt. Diese Freiheit, die der für Vernunft, durch die der gesamte Stoff der Empfin- Mlnsch einzig und allein als moralisches Wesen besitzt, ler dungen, der durch die Anschauungsformen zu bloßen verleiht ihm seine eigentliche Würde. Den Beschluß len Erscheinungen und durch die Kategorien zu gegen- der Kritik der praktischen Vernunft leiten die Worte ist ständlicher Erkenntnis geformt wurde, nun als syste- ein: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer ven matische Vollständigkeit im Sinne der regulativen und und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je ien nicht konstitutiven Urteilskraft gedacht wird. Wenn öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit en, wir nämlich alle inneren Erscheinungen auf einen beschäftigt: der bestirnte Himmel über mir und das res gemeinsamen Nenner bringen, erhalten wir die Idee moralische Gesetz in mir.“ vir von der Seele; wenn wir alle äußeren Erscheinungen So aber klafft doch eine schier unüberbrückbare EN unter einen gemeinsamen Nenner bringen, erhalten Kluft zwischen der theoretischen und der praktischen Ser wir die Idee von der Welt, und wenn wir alles, was Philosophie, d. h. zwischen der Welt des Erkennens rar überhaupt ist, unter einen Generalnenner bringen, und der Welt des Handelns. Diese Kluft nun zu erhalten wir die Idee von Gott. Seele, Welt und Gott überbrücken, versucht die dritte Kritik, die „„Kritik en | sind also keine metaphysischen Gegebenheiten, son- der Urteilskraft“. Darin besteht der tiefe Sinn der 1ts dern transzendentale Aufgegebenheiten, um die Man- letzten Kritik, die in ihrem ersten Teile von der Kunst ka- nigfaltigkeit der Erscheinungen unter einem Ganzen und in ihrem zweiten Teile vom Leben oder Organismus rn zu ordnen. Wenn wir nun das. was nur regulatives handelt. Das künstlerische Genie nämlich ist nach ZO
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