Full text: Lübeckische Blätter. 1954 (90)

VON ST. MICHAEL t Alten Testament ist zum erstenmal im Buche Daniel der N ame des Erzengels genannt. Das Neue Testament kennt ihn als en Führer aller unsichtbaren Geister, als Rechtswalter Gottes al< Anführer im Kampfee gegen die Widersacher des ewigen Herrn d seiner Ordnung. So lebt er auch im altchristlichen Bewußtsein : als der Engel der Tat zur Auseinanderscheidung von Gut rrz Böse, der sittlichen Krise zwischen Sein und Nichtsein. Wo es in der Schöpfung zwischen Gottes Gesetz und dem Gorrtgelüst der Naturen hart auf hart geht, ist der Ort seines Eingriffs im Namen Gottes, der Seine Vorsehung ü ber die Kreaturen auch durch Kreaturen, die erhabensten vor allen, wirken kann. Er ist der Engel der Geschichte, also des Geschehens aus handelnder Freiheit, und Er ist es in einem tieferen Sinn, als ihn je ein altes Volk irgend- einem seiner überirdischen Führer zugeschrieben hat. Von den heiligen Urkunden selbst als übermenschliche Persönlichkeit dar- gestellt, ergreift er mit der Ausbreitung des Christusglaubens das Völkerleben als der Bannerherr des neuen Volkes Gottes, das der Herr aus allen Völkern sich beruft. Nach ewigem Menschenrecht verleihen ihm die Menschen auch den sinnlichen Ausdruck SEINEr geistigen Wesenheit: der Unräumliche empfängt die Flügel der behenden Raumbeherrschung, der gottgewillte Geist die Waffe gegen das Tier der Dämonie, der Seelenprüfer die Waage der Gerechtigkeit.. ] So in stofflicher Verkleidung zugleich seine geheime Natur enthül- lend, geht er ein ins geschichtliche Leben Vorderasiens und Europas. Vieles, was an Mythos, Sage und Brauchtum vorher schon ge- wesen war, heftet sich jetzt an seine Gestalt. Dieser Vorgang ist natürlich und nur einer von den Fällen, wo menschlicher Urschatz von Ahnung und Seins- verstehen dem übernatürlichen Offenbarungs- strom sich verbindet. Solche Zufuhr aus fremden Religionen, bei der das Wort der Offenbarung das feste Maß der Dinge bleibr, ist laut dieser Offenbarung selbst im görtlichen Plane gelegen. Wenn nun gerade Michael das Erbe alter Mythen, Kulte und Bräuche antritt und manchen alten Gott verdrängt, so überrascht uns die Wahrheit, daß er in alledem sein biblisches Antlitz bewahrt. Mor- genschön und herrlich bleibt er der gieiche am Bosporus wie auf den britischen Inseln, im Frankenreiche wie bei den Normannen und Langobarden, in Spanien wie in Altlivland und Nowgorod. Soll man die Entfremdung der Modernität vom Glauben an personale W esenheiten in der unstofflichen Schöpfung für endgültig halten ? Die vieltausendjährige, s0 gut wie allgemeine Überzeugung vom Sein und Wirken reiner Geister schien dem religiösen Bewußrsein durch berauschende Aufklärungen der Wissen- schaft über das Naturreich völlig aufgelöst zu werden. Nun läßt sich aber nicht mehr ver- kennen, daß eine neue Ernüchterung über ein letztes Wissenkönnen von den Dingen der Schöpfung aufkommt. Den Forschern selbst wird es gewiß, daß wir das Objektive nie an sich, immer nur als die vom Menschen ergriffene, durch seinen Zugritk, durch seine vorgegebene Weise des Aufnehmens ihmsich anformende Welt O b en : Figur a m Lettner der Marienkirche. Benedikt Dreyer um 1513/20, 1942 verbrannt Links : Eichenholz figur um 1 5 1 0 im St. Annen Mus eu m Rechts : T a fe lbild im St. Annen Mus eum um 1523
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