Full text: Lübeckische Blätter. 1954 (90)

Sicherung oder Wagnis . Zur Situation des heutigen Menschen Wir sind auf dem Wege zu einem neuen Menschen- doxien unserer Logik angeglichen werden. Auch tum. Das spüren wir alle. Keiner kann uns sagen, Ihn machten wir zum Gegen-stand und zwangen Sein wohin die Reise geht. Er soll es auch gar nicht ver. Ganz-anders-sein in unsere bürgerliche Perspektive. suchen. Wir halten nichts von Zukunftsträumen. Mir machten Ihn zum Objekt unseres Denkens und Weder Furcht noch Hoffnung soll uns die atember Handelns. Das Wort, das in der Zeiten Fülle Fleisch raubende Aufgabe verdecken, frei und getrost ein geworden war, wurde nun in ,richtige“ Wörter ge- Mensch der Krise zu sein. Unser Leben zwischen dem preßt oder mit frommen Gefühlen umgangen oder Nicht- mehr und dem Noech-nicht stellt hohe An-1 gar zu bloßen Vorstellungen aufgelöst. Wo aber sprüche an unsere Klarheit und Tapferkeit. wirklich einmal in Wort oder Bild die aufregende Darum müssen wir bewußterals frühere Generationen, Dynamik Seiner Unbegreiflichkeit in unseren Domen unsere Vergangenheit in uns verarbeiten. „Ich glaube! Heimat suchte, fand oft genug die bürgerliche Fröm- nieht, daß ein Leben ohne innere Kontinuität wahr- nmigkeit den Weg, sich seiner zu entledigen. Nein, Er haft frei macht‘, schreibt Steinbömer in seinem| beunruhigte nicht mehr! Erinnerungsbueh. Mit Restaurieren iss uns wenig Aber hin und her greift ein Erschrecken um sich geholten. Wer aber seinen Ursprung nicht mit hinein- (ob der Zauberlehrlings-Not. Wird die Herrschaft über nimmt in seine Gegenwart, wird sicher an dem die Dinge zum Pyrrhus-Sieg ! Es beginnt heute Kommenden zerschellen. fraglich zu werden, ob wir wirklich als Subjekt dem Das besondere Kennzeichen unserer deutschen Ver- Kosmos gegenüberstehen. Sind Gott und Welt wirk- gangenheit ist die gelebte Spannung. Die Braven lich die Objekte unseres Denkens und Handelns ? unter uns hätten lieber eine glattere Mitgift über-, Können wir wirklich „über“ sie reden ? nommen. Aber das Einrlinige ist uns seit je verwehrt Die Rrkenntnisse der Atomphysik haben uns die gewesen. Unsere Geschichte erwuchs aus den Aus- Augen geöffnet. Sie erlaubt es uns nicht mehr von der einandersetzungen zwischen christlichem Glauben und] Natur ,„an sich“’ zu sprechen, sondern weist unsere bürgerlichem Denken. Diese Kämpfe haben uns viel Forschung auf ,die der menschlichen Fragestellung Leid gebracht. Wir verdanken aber z. B. den viel ausgesetzte Natur“. Heisenberg hat uns deutlich fältigen Spannungen von Humanismus und Christen- gemacht, daß bei den kleinsten Bausteinen der Materie tum jene geistige Lebendigkeit, die unsere Ger jeder menschliche Beobachtungsvorgang eine grobe schichte kennzeichnet und auf die wir nicht verzichten] Störung des Beobachteten bewirkt. Ohne leicht- möehten. fertige Vergröberung dark man also sagen, daß heut- Es ist ein weiter Weg, den das bürgerliche Denken dutage „zum erstenmal im Laufe der Geschichte der im Lauf der Jahrhunderte gegangen ist. Aus der Mensch auf dieser Erde nur noch sich selbst gegenüber- Verborgenheit vorgeschichtlicher Geformtheit ge- steht“. Es wird fraglich, wie weit der Gegen-stand rieten kleinere und größere Verbände in Bewegung und wirklich ein Gegen-über ist. Denn wenn ich mich sammelten sich in den bergenden Mauern sicherer. selber in den beobachteten Gegen-ständen vorfinde, Städte. Wir können nur ahnen, welche Wandlungen scheint die landläufige Unterscheidung von Subjekt des Lebensgefühls solchem Aufbruch zuvorgegangen wund Objekt nur noch begrenzt verwendbar zu sein. sind. Jedenfalls sehen wir nun die Monumente er- Die feste Burg des Subjekt-Objekt-Schemas, die es wachsen als Zeugnisse einer Selbstsicherheit, diel erlaubte, so schön per Distanz die Dinge sich vom eigentümlich gepaart erscheint mit der Angst vor derI Leib zu halten und dienstbar zu machen, wankt in ungeschützten Weite. Der große Atem des unge- ihren Fundamenten. Die Gegenstände verlieren ihre ahnten Weges war verloren gegangen. Der Horizont objektive Gültigkeit. Aus den Problemen werden des Möglichen wollte ausgeschritten sein. Nun gebar Fragen, aus sachlicher Forschung die Begegnung mit die Enge der städtischen ak utka zeit den bürger-. mir selbst. . lichen Prometheus, der sich zum Maß aller Dinge Das tiefe Erschrecken über diese Ent-Sicherung setzt. Er formt die Welt nach seinem bürgerlichen unseres Denkens beginnt ganz langsam um sich zu Bilde und glaubt an seine Perspektive. Er kann den- greifen. Weite Kreise erfahren es am deutlichsten ken, darum ist er. Er kann denken, darum wird die vor den Werken zeitgenössischer Künstler. Die echten Welt zu seinem Gegen-über. Mit gewaltigem Griff Mleister unter ihnen erfühlen intuitiv, was an Wand- belegt das denkende Subjekt alles Geschaute und lungen im menschlichen Lebensgefühl sich langsam Geahnte mit seinen Maßen und macht es zum be- anbahnt. Sie haben wohl als erste den Glauben an herrschten Gegen-stand. Noch heute zittert der die menschliche Perspektive über Bord geworken. triumphale Siegeszug in unsern Adern. Ein Rätsel Nicht mehr wissen sie sich am sicheren Platz außer- nach dem andern wird gelöst und selbst das letzte halb einer geschauten, objektiv melßbaren Gegen- Unteilbare aufgebrochen und dienstbar gemacht. Der ständlichkeit, sondern versuchen immer neu das Professor hat gesiegt. Wagnis, mit der Subjektivität ihres Sehens derart „Doch plötzlich kroren wir.“ Nicht darum, weil grnst zu machen, daß sie sich selbst in jedem „Gegen- wir dem Gott der Weite begegnet wären. Den heißen über“ vorfinden. Atem seines Binbruches batten wir unserm Denken Die Betrachter soleher Kunstwerke sind noch eingeordnet. Natürlich wurden in den Städten die weithin hilflos oder gar empört. Aber es scheint, als ob Kirchen gebaut, und sicherlich meinte man das „Soli immer eindeutiger von uns heutigen Menschen das deo gloria‘’ ernst. Aber – Seine Kirchen mußten Magnis eines Menschentums ohne Gegenüber ge- in unsere Städte. hineinpassen. und Seine Para- fordert wird. Wie ungerüstet findet uns diese Auf- 21 K
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.