Full text: Lübeckische Blätter. 1954 (90)

Die nordischen Reisenden, die Deutschland in den norwegische Gefangene in deutschen Konzentrations- zwanziger Jahren besuchten, hatten außerdem die lagern; aber es gab auch mehrere tausend Gefangene, Freude, sich national befriedigt zu fühlen. Sowohl die inzwischen „gestorben waren‘. Und das ist leider Strindberg als auch Ibsen nahmen an diesem reichen keine ,„Greuelpropaganda“’. Kulturleben teil. . Die meisten Teilnehmer der Widerstandsbewegung Die Universalität war eine hervorragende Eigenart konnten gut verstehen, warum sie verhaftet worden der deutschen Denkweise. Wo andere große Kultur. waren. Was wir nicht verstanden, und was wir bis völkre sich dem frohen eigenen Genuß hingaben und heute noch nicht verstehen können, ist die unglaub- Vnwissenheit über die Existenz anderer an den Tag liche Rohheit und Mißhandlung, denen wir ausgesetzt legten, hat der deutsche Geistesarbeiter eine seltene wurden. Von denen, die die längste Gefangenschaft Fähigkeit in der Beurteilung und Einschätzung der hatten — vier Jahre und mehr — starb jeder Dritte, Leistungen fremder Völker bewiesen. und die meisten waren junge Menschen. Wenn wir Dies fand im Jahre 1933 sein Ende. Doch wenn die nicht Hilke vom dänischen und schwedischen Roten Deutschen diese edle Fähigkeit wiedererwerben Kreuz bekommen hätten, wären die wenigsten von können, wird Deutschland wieder eine Heimat für uns mit dem Leben davongekommen. alles geistige Leben werden. Ist es notwendig das zu erzählen ! Sollten wir dies t nicht lieber vergessen ? Bei feierlichen internationalen Zusammenkünften Unsere Plagegeister sind zwar bereit zu vergessen gilt es Taktlosigkeiten zu vermeiden. In dieser guten und uns zu vergeben. Die Hinterbliebenen der Äbsicht wechseln wir liebenswürdige Phrasen, die Opfer haben es nieht so leicht. Und immer noch keinen Schaden anrichten, aber auch nicht den aller- stehen regelmäßig in den norwegischen Zeitungen geringsten Nutzen stiften. Vor allem bestätigen wir sowohl redaktionelle als auch eingesandte Artikel, mit glatten und behaglichen Worten das gute Ver- die zeigen, daß die Angst vor einer deutschen Wieder- hältnis zwischen unseren Völkern. Aber es besteht. aufrüstung und der Möglichkeit eines wieder hoch- kein gutes Verhältnis zwischen den Völkern. Es ist kommenden neuen Nazismus vorhanden ist. nur soweit gut wie unbedingt notwendig. Doch es Ich möchte nur ein Beispiel nennen. Aus einer sollte viel besser sein. Und wir, die wir daran interes- unserer größten Zeitungen. Und das kann bedeutenden siert sind, haben eine schwierige und mühevolle Schaden anrichten. Geduldsarbeit vor uns. Es wurde dort ein Buch besprochen, das kürzlich in Könnten wir nur die Zeit zu Hilke nehmen, so Dentschland herausgekommen iss mit dem Titel wülßten wir ja, daß, so wie die Jahre dahingehen, so „Wir sprechen Hitler frei!“. vergessen wir auch das eine und das andere ~ auch Schon der Titel genügt, um alten Haß wieder hell unsere Bitterkeit. Und nach und nach würde dann das aufflammen zu lassen. wieder eintreten, was man als normales, ja sogar gutes In einem anderen Buch sagt ein anderer Verfasser, Verhältnis zwischen den Völkern betrachten kann, General Ramecke: , Im Interesse der europäischen wenn sie überhaupt miteinander Umgang haben. Auferstehung sind wir bereit, guten Willen zu be- Aber es ist durchaus nicht sicher, ob uns unbegrenzte weisen und die Vergangenheit zu vergessen.“ Und Zeit zur Verfügung steht. Das beste wäre schon, wenn weiter: „Die Verhaltungsmaßregeln, die die Be- sich die Völker des Westens recht bald miteinander satzungsbehörden trafen, schufen sehr schnell eine versöhnen könnten. Bisweilen sieht es ja so aus, als vertrauensvolle Atmosphäre‘ (in Frankreich). ob wir der Hilfe und Unterstützung der anderen Wenn diese Zitate für große Teile des neuen Deutsch- bedürften. Verständnis tut not, das nicht nur auf lands Geltung haben sollten, fürchte ich ernsthaft, Jiebenswürdiger Konversation beruht, sondern auf daß eine europäische Zusammenarbeit auf politischem harter und wahrhaftiger Aufklärung der Geschehnisse Gebiet sehr schwierig wird und auf militärischem und der Gefühle, die die Völker in ihrer Ansicht unmöglich ist. übereinander beherrschen. Wir sollen nicht in der Vergangenheit wühlen, nur Ist nicht auch Deutschland Unrecht geschehen ? um altes Unrecht und alten Groll aufzurühren. Wir Natürlich! wollen auch nicht unvermittelt lediglich die unver- Im Krieg geschieht nichts anderes als Unrecht. lierbaren Werte pflegen. Wir müssen wissen, was Krieg ist Unrecht. geschehen ist, und wir sollen uns unsere Meinung Und was sollen wir über die Waffenstillstandsbedin- darüber bilden. Dann erst können wir weitergehen. gungen und Friedenskongresse sagen ? Sie tun ja nichts Es gab eine Möglichkeit, daß Dänemark und Nor- anderes, als im Namen des Friedens und der Völkerver- wegen sich im Jahre 1940 mit der Besetzung dureh söhnung den nächsten Krieg vertraglich kestzulegen! die deutsche Wehrmacht hätten abfinden können, Es war vom ersten Augenblick an klar, daß der wenn man sich auf die praktischen, von der mili- Frieden von Versailles die Fortsetzung des Krieges tärischen Notwendigkeit diktierten Verhaltungsmaß- gegen ein entwaffnetes Volk bedeutete. Was anderes regeln beschränkt hätte. Was Bitterkeit und Haß hat man diesmal durch die Aufteilung Deutschlands schuf, war die ganz unnötige politische Unterdrückung in Zonen getan ? und der Polizeiterror. Diese politische Torheit war Hier kann man ruhig von der Frage der Schuld es, die die Widerstandsbewegung in Dänemark er- am Kriege absehen. Schließt man Frieden mit einem stehen ließ, und die bewirkte, dal der Widerstand in Volk, indem man sein Land in zwei Hälften teilt, hat Norwegen auch nach der militärischen Kapitulation man gleichzeitig das getan, was in menschlicher weiterhin anhielt. Macht steht – und das ist nieht wenig! + um den Die Widerstandsbewegung wurde bekämpft mit Ausbruch eines neuen Krieges zu sichern. Massenverhaftungen und Massendeportierungen nach Selbstverständlich iss auch Deutschland Unrecht Deutschland.. Bei Kriegsende saßen zehntausend geschehen. Aber wir wollen keine Vergebung. Mir 134
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