Full text: Lübeckische Blätter. 1953 (89)

Remter von St. Annen stehenden Brauerknechte- vielfältiger entwickelten Reichtum der häuslichen Altars wiedergefunden und mit Hilfe von Bundes- wie persönlichen Kultur seit der Renaissance ent- mitteln erworben werden (vgl. Bildberieht in den spricht: vom Mobiliar bis zum Spielzeug und den Lübeckischen Blättern 1952 Nr. 6), gewiß ein nicht Dingen der Kleidung und Mode. Zunächst fällt alltäglicher Fall, der aber unsere Hoffnung belebt, ein mächtiger Dielenschrank auf im spiegelnden auch andere aus Lübeck verschlagene Kunstwerke Glanz des Nußbaumkfurniers, eines jener dreiteiligen einmal wiederzufinden. Manchmal gelingt es auch, Riesenmöbel, wie sie nur für das Lübecker Haus eine längst fühlbare Lücke endlich auszufüllen; so geschaffen worden sind (um 1750), Geschenk aus einer konnte ein Bildnis Bugenhagens, ein Werk aus dem Lübecker Familie. Den barocken Schwung ersetzt Kreis Cranachs, erworben werden, das als zeitger- bereits zwei Jahrzehnte später auch in Lübeck die nössische Darstellung des Lübecker Reformators in un- feinere Linie des englischen Möbels, wie einige ebenfalls serenSammlungennatürlich seinen sinnvollenPlatzhat. neugeschenkte Stühle im Stil des Aöbelzeichners Heute ist uns aber auf andere Weise die groke Hepplewhite zeigen, die man jedoch als Arbeit ein- Zeit unserer Stadt, das Mittelalter, viel näher gerückt. heimischer Tischler ansprechen darf. In dieser Zeit Die unerwartet reichen Ergebnisse der vom Museum sind die internationalen Kultureinflüsse bereits so (Dr. Neugebauer) vorgenommenen Grabungen in der eng verflochten, daß der Lübecker Ursprung im Altstadt vermitteln uns so vielseitige Einblicke kultur- allgemeinen schwer einwandfrei festzustellen ist, es geschichtlicher, wirtschafts-. und handelsgeschicht- sei denn, man hat so gute Anhaltspunkte wie die licher Art, daß unsere Sammlungen dadurch einen ausführliche Signatur eines prächtigen neuerworbenen neuen Kernpunkt gewinnen werden. Neben die hohe Bronzemörsers von ungewöhnlicher Größe, dessen kirehliche Kunst des Mittelalters tritt die Welt des Vertertiger sich ausdrücklich nennt: „Anno 1612 mit Bürgers; dieses neue Fundmaterial wird wesentlich Gotes Hulf gos mich Berent Bodeman zu Liübeck das Gesamtbild mitbestimmen, daß wir künftig in ist wahr.“ Lübeck, in einem der wichtigsten deutschen Mittel- Meister und Herstellungsort sind in der Regel alter-Museen, dem Besucher bieten. Was hier einmal sicher erkennbar beim Silbergerät. Auf die Lübecker zu erwarten ist, zeigen in der Ausstellung nur wenige Marke und das Zeichen eines Lübecker Goldschmiedes Beispiele besonders interessanter neuer Funde. Er- legt das Museum daher entscheidenden Wert bei dem wähnt seien farbenprächtige italienische Majolika. Bestreben, diesen alten Kunstzweig seiner einstigen gefäße des 15. und 16. Jahrhunderts vom Grundstück Bedeutung entsprechend stärker als bisher zu be- der Ratsapotheke, oder ein mittelalterlicher Spiegel, ein tonen. Glückliche Funde ermöglichten es, unseren höchst seltenes Stück. Neben vielerlei anderen Doku- noch kleinen Bestand ansehnlich abzurunden, so daß menten einer reicheren bürgerlichen Lebenshaltung heute die wichtigsten Typen des alten Lübecker mul) aber immer wieder auf das einfache Holzgerät des Silbergeräts vertreten sind’: eine prachtvoll getriebene täglichen Gebrauchs hingewiesen werden, ein bisher Konfektschale fand über England und Dänemark durch Funde kanm belegtes Gebiet, das jetzt in ihren Weg zurück in die Heimatstadt, ein Becher Lübeck in erstaunlicher Fülle veranschaulicht werden von spätgotischer Form, einst zu jedem Haushalt kann. gehörig, heute eine der größten Seltenheiten, kam Nachdem die Grabungen zu so vielen und grund- in unsere Sammlung aus Paris, wohin in der napoleo- legenden Erkenntnissen geführt haben, wird man nischen Zeit und später viel Silbergerät auch aus natürlich wünschen, das neugewonnene Sammel- und ökkentlichem Besitz wie dem Rathaus und den Häusern Vorschungsgebiet des Museums auch geschlossen dar- der Korporationen geraten war, und aus Hamburger bieten zu können. Dazu fehlt es noch an Raum. Aber Sammlerbesitz konnte ein besonders schön gravierter Lübeck wird sich der Verpflichtung weder entziehen „Stop“ der Lübecker Schiffszimmerleute (größerer können noch wollen, seine neue Bedeutung als Stätte Becher für den Umtrunk) von 1721 durch eine Schen- früher Bürgerkultur, die es in der Vorsehung heute kung zurückgewonnen werden. schon hat, jedem Lübecker und den fremden Besuchern Die spielerische Grazie des Rokoko, so schwer sie anschaulich und verständlich nahezubhringen. Auch im Lübecker Bürgertum Zugang fand, fehlt in unserer die jüngsten Grabungen in Alt-Lübeck müßten hier Ausstellung nicht ganz: die hohe künstlerische Fein- berücksichtigt werden, auf die die Ausstellung kurz heit der einheimischen Vayence vertritt ein Stockels- hinweist. Ihre Ergebnisse gehören an den Anfang dorfer Teller mit Blaumalerei, und die Vorliebe der jeder lübischen Geschichtsdarstellung, somit sinn. Lübecker für das Porzellan der norddeutschen Fa- gemäß auch an den Anfang unserer Übersicht im briken zeigt sich in einer ganzen Serie Berliner Götter- St.- Annen-Museum. L vpn kiguren, wie sie einst die festliche Tafel schmückten, Für die nachmittelalterliche Zeit sind Bodenfunde Geschenke aus einem Lübecker Haus. Das Bild der spärlicher und auch weniger kennzeichnend. Aber Zeit wird vervollständigt durch die Portraitmalerei, Erwerbungen anderer Art. haben dafür das Kultur- die von einheimischen, gewiß etwas hausbackenen bild dieser Spätzeit um wichtige Züge bereichern Künstlern gepflegt wurde (Bildnisse aus der Familie können. Dabei spielen erfreulicherweise Schenkungen Behn), und die in der Bildnisminiatur einen liebens- eine große Rolle, wie überhaupt die von jeher be- würdigen Sonderzweig entwickelte (Miniaturen aus währte Anteilnahme der Lübecker am Gedeihen der den Familien Mann und Bürgermeister Lembke, Museen nicht dankbar genug hervorgehoben werden darunter eine von Gröger signiert). kann: etwa 80 % aller Zugänge seit 1946 entfallen Die „zweite Blütezeit“ des deutschen Bürgertums zahlenmäßig auf Schenkungen, von denen aus Platz- seit Beginn des 19. Jahrhunderts hat in den Hanse- mangel nicht einmal alles in die Ausstellung aufge- städten eine eigene Kultur geschaffen, von der heute, nommen werden konnte. . ehe es zu spät ist, vieles festgehalten werden sollte, Unsere Neuerwerbungen geben einen Begriff von was als Aussage später einmal wertvoll sein wird. der Vielfalt unseres Sammelprogramms, das dem immer Hier ist das Mahagonimobiliar zu nennen – der 129
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.