Full text: Lübeckische Blätter. 1949-50 (85/86)

Provinz‘), ist von Goethe bis in die Einzelheiten dar. daß sie unser Denken und Verhandeln über diese gestellt. Wir lernen sie kennen in Begleitung Wilhelm Fragen stark bereichern können. Die religiöse Grund- Meisters, der seinen Sohn hierher bringt. Unterricht lage für den Staat entspricht genau der christlichen und Berufsvorbildung gehen hier Hand in Hand. Form, wie sie in der Pädagogischen Provinz gelehrt Bauern, Bergleute, Viehzüchter, Handwerker, Städter wird. Sie ist verbindlich für jeden Staatsangehörigen. bauer, Künstler, Musiker werden hier ausgebildet. Nichtehristen werden dort nicht geduldet. In über- Für jeden Pädagogen sind hier so viele Fragen der raschender Weise wird das Grenzgebiet zwischen Erziehung, ja sogar der Unterriehtsmethodik einge- Religion und Staatsgewalt geklärt: „Das was Menschen hend behandelt, daß die „Pädagogische Provinz“ in zusammenhält, ist Religion und Sitte“, heißt es. Von der pädagogischen Literatur wohl eine größere Rolle der Religion aber ist die Sitte völlig getrennt! Die spielen dürfte! Wichtig aber sind vor allem die Grund- Religion ist göttlich, das Sittengesetz ist menschlich! lagen der hier betriebenen Erziehung. Zu allererst Dieser Satz kann hier nur erwähnt werden. Welche wird Wilhelm, der Vater, belehrt, daß die Religion lange Kette wichtigster Gedanken muß jede Beschäf- der feste Unterbau der Erziehung ist. Sehr eingehend tigung mit diesem Fundamentalsatz auslösen! Die legen die Leiter der Anstalt ihre Grundsätze dar. Alle Religion wird auch noch einmal bedacht bei der Aus- Religionen werden nach ihrem Wert bestimmt: Reli- einandersetzung über den beginnenden Kampf zwischen gionen, die sich auf Furcht gründen, werden abger Hausgewerbe und Industrialisierung. Da wird den lehnt; nur Ehrfurechtsreligionen werden anerkannt. frommen Herrnhutern gesagt: daß ihre „Hausfrömmig- Sie werden wiederum in drei Gruppen eingeteilt, und keit“ sich zur „Welttrömmigkeit“ ausweiten muß! als höchste Religion wird schließlich das Ohristen- Einen andern Höhepunkt erreicht der Roman, tum anerkannt. Diese wird hier gelehrt; aber auf wenn er uns zu Makarie führt, der dichterisch und eine eigene Weise: d. h. nicht in konfessioneller Form. denkerisch erhabensten Gestalt, die wohl je ein Die konfessionelle Spaltung der Christen ist hier also Dichter geschaffen hat. Bis ins Mystische erhebt er überwunden. Man weiß hier auch, daß Religion nicht diese Frau, die wie ein Stern selbständig im Sonnen- gelernt werden kann; der Mensch muß in der Religion system kreist, einem Sterne gleich, und die uns erahnen erzogen werden. Aut eine eigenartige, von Goethe läßt, „wie jenes Übersinnliche gleichsam von oben her selbst erfundene Art werden die Zöglinge dauernd in mit unserer Natur und Naturphilosophie zusammen- einer religiösen Sphäre erhalten. hängt“. Auch ihre über das Natürliche hinaus ge- Alle Erklärungen der Anstaltleiter in bezug auf steigerte Kraft liegt auf dem Gebiet des Sittlichen. Religion geben Goethes eigene Überzeugung wieder, Es ist ganz unmöglich, in gedrüngter Zusammenfas- die durch sein ganzes Leben bezeugt werden kann. Es sung eine Vorstellung vom Inhalt dieses Lebenswerkes sind keine „Utopien“. Goethes zu geben. Aber alles dieses gehört zum Be- Während der Dichter seine Ideen über die Erziehung griff Goethe. Und wir müssen nun endlich lernen, daß einer neuen Jugend noch in breiter Ausführlichkeit hat der Weg über seine reine Dichtung uns bei allem darstellen können, ist es ihm nicht mehr geglückt, Reichtum, den er unserm Leben schenkt, uns nie zu auch die „Verfassung“ des Staates in gleicher Aus- der ganzen, vollen Persönlichkeit Goethes bringt. Von führlichkeit zu behandeln. Hier hat er sich schließlich den verschiedensten Seiten her müssen wir uns „Wege darauf beschränkt, viele der grundlegenden Ideen nur zu Goethe“ suchen! Und der Weg über sein ,utopi- im Gespräch der Führer mitzuteilen. Aber auch hier- sches“ Werk ist einer der wichtigsten. bei werden so grobe, tiefe Gedanken ausgesprochen, Georg Kleibömer A UK W OKT. E O K P H I s C H V. O N G O E. T H € . AAL M Q N Dämon Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne stand zum Gruße der Planeten, Bist allobald und fort und fort gediehen Nach dem Geletz, wonach du angetreten. So mußt du klein, dir kannst du nicht entkllehen, So sagten Ichon Sibyllen, lo Propheten, Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt Geprägte Form, die lebend sich entwickelt. M)
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