Full text: Lübeckische Blätter. 1949-50 (85/86)

Jch weiß sehr wohl, daß Einzelne immer schon etwas Schwarzarbeit verrichteten. Das alles muß gesagt Besonderes leisteten. Im Großen aber ist das werden zur Ausräumung vieler Ärgernisse in einer .„Beharrungsstreben“ zu groß. Es ist aber nötig, daß gottlob ziemlich überwundenen Zeit, in der ver- . P: die vielen, bedauerlich gar zu vielen Ostvertrier: schiedenartige Lebensgewohnheiten in gar zu engen benen in derMasse der eingesessenen Bevölkerung nicht Lebensverhältnissen aufeinanderprallten. Das Gleiche immer wieder nur auf Bedauern und Nichtverstehken wäre wohl vorgekommen, wenn die Landleute hätten stoßen. Das Nichtverstehen muß zuerst ausgeräumt massenweise in die Stadt oder die Holsteiner gar in werden. das Ostland hätten flüchten müssen. Das sollte auch Wenn ein Ostrvertriebener einen Holsteiner gern uud heute immer wieder bedacht werden. | oft „stur“ nennt, so fühlt sich der Einheimische hart Gleichwohl muß heute jedem, der da darbt, tieferes angestoßen. Solche gegenseitigen Beurteilungen er- Verständnis in reiner tätiger Menschenliebe entgegen- scheinen gewiß nicht förderlich für ein friedvolles gebracht werden. Und auch das muß gesagt werden: Zusammenleben. Wenn so mancher ostvertriebene Hs geschah und geschieht trotz allem Klagen viel Bauer gleich nach 1945 die holsteinischen Bauern als Gnutes. wirtschaftlich rückständig bezeichnete und die Be- In einem gesund aufbauenden Sinne haben wir seitigung aller Knicks und radikal eine bessere — jjher die Tagesnot hinaus uns doch noch nicht aktiv nämlieh ostpreußische . M irtschaftsweise forderte, genug kür die Ostvertriebenen eingesetzt. Es stehen so führte das naturgemäß zu einer Verärgerung unter JH, neuer Sicht noch viele geistige Aufgah Erg 6n und ert Wenn schließlich Heuer ur gle geistige Iutgahen vor uns. ie Vertriebenen – neben den Eingesessenen - in ihrer Not große Bäume in Massen fällten, so kann man ' Aytfgaben in der Kunst das aus der Not heraus verstehen. Nehmen sie mt. Die Berölkerung der Hansestadt Lübeck besteht ihren Kindern aus dem Privatbesitz bis in die letzte fast zur Hälfte aus Ostvertriebenen. Die andere Zeit hinein Jungbäume ohne Brennwert zugleich mit Hälfte besteht aber auch nicht allein aus lauter „Alt- Früchten des Feldes unter gleichzeitiger Zertrampelung eingesessenen“’. Lübeck hat immer schon hervorra- der mühsam gepflegten Kulturen gewaltsam mit der gende Kräfte aus der „Ferne“ angezogen, die das Begründung an sich: „„Wir haben alles verloren, da geistige Bild der Stadt wesentlich formen halfen. kannst Du auch Dein Eigen verlieren“, so führt das Zu einem gewissen Teil wird Lübeck auch von dem nur zur gegenseitigen Verärgerung und zum Nihilis- umgebenden Landschaftsraum beeinflußt. In den 1 aus: umliegenden Badeorten z. B. machen die Ostvertrie- Als ehrlicher Mittler muß ich dazu folgendes sagen: benen das Mehrfache der eingesessenen Bevölkerung Der Holsteiner erschien oft als „stur“, indem er nicht 2U8, die aber auch keineswegs schon homogen zusam- genug Verständnis für die Not der Flüchtlinge auf- mengewachsen war. ; brachte. Der Holsteiner weiß ~ allgemein gesehen Der Raum Lübeck birgt vielerlei Kunst. Die schon nicht einmal etwas von der Grenzlandnot im Orerbeck-Gesellschaft zeigt uns erfreulicherweise viel nahen Schleswig. Wie kann er da der Not der ost- auswärtige Kunst. Sie zeigt uns hauptsächlich Kunst vertriebenen Grenzlandberölkerung gerecht werden? der letzten Entwicklung, auch manchem vom Osten Wir alle können und müssen in dieser Hinsicht vieles nach Lübeck verschlagenen Künstler bat sie die von den Ostvertriebenen lernen. Oft beschämen uns Gelegenheit zur Ausstellung seiner Arbeiten gegeben, diese in ihrem Deutsch- und Grenzlandfühlen sehr. wofür wir ihr dankbar sind. Aber Lübecks Verpflich- Durften verantwortungsbewußte Tageszeitungen z. B. tungen als des „Tores nach dem Osten‘’ gehen weiter in „Eingesandt“ das heftige Verlangen der Ostbauern und über die rein örtlichen und mehr zufälligen veröffentlichen, ohne dazu sogleich sachlich Stellung Gegebenheiten weit hinaus. Die Ostvertriebenen, zu nehmen? Mittlerweile haben auch die Ostver- meist niederdeutsche Menschen, darf man nicht immer triebenen eingesehen, daß man ostpreußische Ver- nur auf ihre Rückkehr in die „Heimat“ vertrösten. hältnisse nicht ungestraft ohne weiteres auf die schon Heimat ist nicht nur „„der Punkt auf der Karte“. klimamäßig ganz anderen holsteinischen Verhältnisse Heimat begreift auch Haus, Wohnkultur, Wirkungs- übertragen darf. Tatsächlich haben wir nicht nur stätte, Sprache, Mundart, gleiche Volksart. Wie Waldstreifen, sondern auch Knicks viel zu wenig. steht es zumeist um diese „Heimat“ ? Es ist heute Die Versteppung hat bei uns seit 1945 besorgnis- für viele eine Sache des sehnenden Herzens, der Seele. erregende Fortschritte gemacht. ~ Kann man emem WMie spricht diese Seele des ostdeutschen Künstlers Bauern verdenken, wenn er auf die Unvernurtt, auf früherer Zeit und heute ? Wie ringt er um den inneren die Sünde gegenüber der Zukuntt, die keinen rechten Wahrheitsgehalt ? Wir haben die Pflicht und durch Gegenwartsnutzen einbringt, hinweist ? Schließlich unseren niederdeutschen Charakter eine rechte Ge- bäumt sich in jedem Einsichtigen der Groll gegen legenheit, die ostvertriebenen Künstler im weiten einen solchen Raubbau auf. Guekt da nicht auch een Umkreis zur Dokumentation ihrer Kunst anzuregen. Nihilismus heraus, der zum allgemeinen Nutzen be- Für die Overbeck-Gesellschaft ergeben sich daraus kämpft werden muß ? Aufgaben sehr reizvoller Art, nicht zuletzt auch ein Man muß auch denken an die Flucht der Hamburger Zusammenwirken mit anderen Kunststädten, ein- Bombenvertriebenen, die nicht einmal gekochten schließlich Tauschveranstaltungen, vergleichende Aus- Steinbutt essen wollten, dafür aber die landwirtschaft- wertung auf lange Sicht usw. lichen Arbeitskräfte im Bauernbetrieb schalten, sie Auch die abstrakte Kunst scheint jetzt durch ein sollten doch nicht immer ,,so viel arbeiten“. So grolte Neues verdrängt zu werden. Weisen die neuen An- der Bauer auch wieder, als nunmehr die Ostvertrie- sätze auf einen neuen „Realitätssinn“ hin? Kann benen die heimischen Landarbeiter für Dumme schal- die Formenwelt unserer wirklichen Verhältnisse in ten, daß sie so viel arbeiten, während sie selber der Gegenwart nicht auch noch deutlicher durch die Arbeitslosenunterstützung bezogen und nebenber ostdeutschen Künstler beeinflußt werden ? 262
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