Full text: Lübeckische Blätter. 1949-50 (85/86)

sitzen“’, stellt er die ,„Goethesche Normrvorstellung“ innerste Anliegen Goethes und seiner Generation, des sittlich gesunden Menschen entgegen, „„dem der „„daß ein unkirchlicher Gottsucher, und noch dazu ein : Bezug auf die transzendente Welt genügt und das sündiger, auch gerettet c Scheinhafte und Gebrechliche der Erdenwelt zum Es liegt auf der Hand, wie gegenwärtig damit der : Material einer Umgestaltung wird, in der sich jener PFayst und eine solche Auslegung sind. Jedoch Drang zum metaphysischen Schauen und Wirken gj tröstlich uns, das eigene Leben bedenkend, die umsetzt in begrenztes, aber bedeutendes Leben“. PNeutung Fausts als des verlorensten der Sünder sein In diesem Sinne deutet Flitner Fausts Schicksal, sein mag, wir haben nicht etwa ein historisch verbriektes völliges Scheitern als die notwendige Folge einer Recht, Goethes Haltung in Glaubensdingen unbesehen freien, aber vermessenen Entscheidung, seme Zer- nachzuahmen. Hier wird mit höchstem Einsatz ge- rissenheit als „Symbol kür die metaphysische Unruhe spielt, und im Blick auf Fausts Schicksal mag uns der Menschen überhaupt. für die Gefahr aller Welt- klar werden, welchen Gefahren metaphysisches Streben zuwendung t: “. . ohne konkrete Bindung, ohne das Ja zur Gemeinschaft Während manche neueren Deuter über die Kenn- gJer Heiligen ausgesetzt ist. zeichnung der Schuldhaftigkeit Fausts zu zeigen ver- ; ; : . säumen. inwiefern er der Erlösung noch würdig Flitner spricht solehe Gedanken nieht aus, die ticibt: ? elinst Flitner eine ausgewogene Wertung: Grenze wissenschaftlicher Aussage beachtend. Aber Von r L erung Fausts kann m un Rede sein, dem Leser drängen sie sich auf, und eine echte, durch- doch bekundet er mit seinen letzten Worten wenig- dachte Entscheidung wird ihm möglich — der beste tens einen Wandel der Gesinnung, wenn ihm auch Dienst, den diese ausgezeichnete Untersuchung uns das echte metanoeite, der Erweis zurückgewonnener leisten kann, denn nur vom Religiösen her ist eine Freiheit durch die Tat vom Dichter verwehrt wird. Neubelebung des VFaust-Verständnisses möglich. Eben darin bekundet sich, wie Flitner zeigt, das Richard Mohr Braucht der Lübecker Markt einen nördlichen Abschluß? Eine städtebauliche Untersuchung Städtebaulich gestalten heißt, eine Aufgabe in der Voraussetzungen dafür in unserern Architekten- Ordnung ihrer Zusammenhänge sehen und entwickeln. generationen nicht häufig. Mühesam muß es wieder- Städtebaulich gesehen ist der Lübecker Markt für errungen werden. Selbstverständlich wollen für eine die Altstadt und für den Kranz der Stadterweiter solche räumliche Aufgabe deren räumliche Zusammen- rungen, ja, für das ganze Lübecker Stadtgebiet der hänge erarbeitet und geprüft werden, wenn man über- Orientierungsmittelpunkt, der Funktionsschwerpunkt: haupt gestalterische Ansprüche stellen will. Schöne die Herzkammer. Fassaden entbehren ihres Sinnes, wenn diese räum- Sehr verständlicherweise ist unter den vielen lichen Zusammenhänge nicht befriedigend gefügt Zusammenhängen, die die Marktgestaltung beein- wurden. flussen, der gestalterische Zusammenhang für die Es konnte gelingen, die wesentlichsten räumlichen meisten Leute unserer Zeit am unwesentlichsten. Und Zusammenhänge, in denen die Länge des Marktes und doch hat er nicht ausschließlich für den Ästheten in ihr die Stellung des Kaaks gesehen werden wollen, Bedeutung: so stark war die unmittelbare Wirkung in einem Aufsatz in den ,„Lübeckischen Blättern“ des Zusammenklanges von St. Marien, Rathaus und 11/1950 (mit Zeichnungen in 13/1950) aufzuzeigen Kaak auf dem Markte, daß ihr gegenüber Fragen und zu begründen. Daß dieselben Zusamenhänge nach Geschichte und Wert der Bauwerke ganz auch für die Breite des Marktes bestehen, mag hier zurücktreten konnten. Man wird auch als Nicht- als Ergebnis einer anderen Untersuchung nur kurz Fachmann diesem Zusammenklang in der Wertord- mitgeteilt sein. Es war festgestellt worden, daß bei nung der Zusammenhänge nicht den letzten Rang éiner auch nur geringfügigen Verkürzung des Marktes geben, wenn man um seine Einzigartigkeit weiß. mit ihren Konsequenzen dieser Zusammenlklang von Die Renaissance entdeckte für das Bewußtsein St. Marien, Rathaus und Kaak aufhört zu existieren. Raum und Perspektive. Durch Fügung des Markt- So stehen wir also vor der paradoxen Möglichkeit, Raumes erweckte sie die damals mehr oder weniger bei einer Neugestaltung des Marktes zu zerstören, was zusammenhanglos stehenden Bauten St. Marien, Rat- die Bomben verschonten. haus und Kaak zu dem Zusammenklang, der den Die nächste Frage soll der Notwendigkeit eines folgenden Zeiten Lübecks Wesen unvergeßlich ein. nördlichen Raumabschlusses für den Markt gelten. prägte, kostbarer als historischer und realer Wert der Wir wollen den gegenwärtigen Zustand (das bereits Baudenkmäler im einzelnen! Man darf diese Schöp- bestehende Provisorium ignorierend) kritisch von dem fung dem Jahrhundert des Bewußtseins getrost als Standpunkte aus betrachten, der für das Erlebnis Leistung, nicht als Spiel vieldeutiger Zufälle anrechnen. des Ganzen der günstigste ist, nämlich vom früheren In der Neugestaltung des Marktes sucht eine Aufgabe südöstlichen Marktzugange aus. Die Sprache einer abendländischen Formates heute ihren Meister: eine jeden echten Gestaltung hat unseren Sinnen verständ- ungeheure künstlerische Verantwortung sucht ihren lich zu sein, denn über sie wendet sie sich an uns. So Berufenen –~ und unsere Achtung. wird uns unser Auge sogleich auf möglicherweise vor- Das Bewußtsein für räumliche Zusammenhänge ist handene Ungereimtheiten dieser Sprache aufmerksam zugleich mit dem Gefühl dafür im 19. Jahrhundert machen: Unklarheiten beunruhigen das Auge. Sie fast ganz verlorengegangen. Infolgedessen sind die stören das Bild. Mit Hilke exakten Wissens um die 222
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