Full text: Lübeckische Blätter. 1949-50 (85/86)

Bruch – auch dem letzten spürbar in unseren (1932) hervor und legt in seinem neuen Buch einen Tagen. So ist es denn gewiß kein Zufall, daß der Kommentar vor, der den Helden als „ewig unver- Faust als treuer Begleiter bei den Soldaten des besserlich“’ erweisen möchte – im Gegensatz zu der zweiten Weltkriegs erheblich seltener zu finden war. Auffassung des 19. J ahrhunderts, die „im Faustwerk Man traute dem Sieger Faust nicht mehr und sah ein eindeutig positives Bekenntnis Goethes zur jene bürgerlich gesicherte Welt, aus der heraus der Menschlichkeit seines Helden sieht“. Der Gegen- Dichter noch seinen Faust gestaltete, dahinschwinden sätzlichkeit von Rahmen- und Binnenhandlung fol- wie das Haus am Frauenplan und am Hirschgraben. gend, stellt Böhm zwei Hauptabschnitte in seinem Ist damit der Faust überhaupt für uns abgetan ? Buch gegeneinander: Fausts Erdenweg, die eigent- Legte Goethe selber vielleicht die trügerische Deutung liche Tragödie also und das sie umgreifkende Mysterien- des 19. Jahrhunderts nahe ? Wäre nicht denkbar, daß spiel unter dem Titel: „Von Gott her gesehen“. er selber in dieser Dichtung wie in seinem Werk Diese Teilung entspricht der Überzeugung des Ver- überhaupt eine Weltansicht kundtut, die wir heute fassers, dal Faust gerade, indem er seine menschliche ablehnen müssen ? Diese Frage drängt sich uns heute Gebundenheit titanisch zu überfliegen trachtet, dem auf, und gleichgültig, ob wir sie am Ende bejahen „Untermenschentum“ verfällt und daß Gottes liebende oder verneinen. sie bezeichnet unseren neuen Standort: Allmacht nirgends deutlicher sich offenbaren könne Mir sehen nicht nur die überlieferte Weise der Faust- als in der Rettung des verlorensten der Sünder. Auslegung kritisch, sondern offenbar auch Goethe Zweifellos hat Goethe selber Außerungen genug selber. Die Zeit eines vielfach kritik- und gedanken- getan, die dieser Deutung Nahrung geben. Frühere losen Goethe-Kults ist vorüber, und dies ist der neue Faust-Interpreten haben das übersehen und die Maßstab, der an den Faust wie an Dichtung über- schwere sittliche Verschuldung wie die metaphysische haupt künftig angelegt werden muß: Als lebendig Verblendung Faustens bestenfalls als ein Unaus- und gegenwärtig werden wir sie nur anerkennen, bleibliches, aber auf neuen, höheren Stufen Über- vrenn sie uns in unseren heutigen Fragen und Nöten wundenes hinzustellen versucht. Böhm räumt hier trösten, aneifern, bestätigen, warnen kann. Wir rücksichtslos mit dem Bilde des ,„bourgeoisen“ werden darum zum Faust nicht aus historischem Lebensbezwingers Faust auf. Der fordernd-aggressive oder ästhetischem Interesse greifen, sondern zur Tenor seines Buches, sein polemischer Zug, will aus Klärung und Gewinnung eines neuen Weltbildes, der Frontstellung gegen eine zählebige, veraltete VFaust- dessen Umrisse sich erst dunkel in der allgemeinen Auffassung verstanden sein. Einer realistischen Ratlosigkeit der Krise abzeichnen. Wenn der Faust SichtderFaust-Gestalt ebnete der Verfasser damit uns hierin Dienste leisten könnte, so wäre seine die Wege, und in diesem Sinn liest man sein Buch Gegenwärtigkeit erwiesen, sein Fortleben in unserer mit Gewinn. Indessen schießt er mit seiner These: Welt gewiß. Faust der Verwerfliche doch übers Ziel hinaus. Wir In den neueren Faust-Interpretationen wird diese lassen uns gern von Böhm überzeugen, daß Faust Umwertung in doppeltem Sinne sichtbar: Man ist sich auf keine Weise selber erlösen konnte, sondern bestrebt, ein von Idealisierungen gereinigtes Faust- erlöst werden mußte, daß Goethe ihn ironisch ge- Bild zu geben und gleichzeitig wird gefragt, wieweit meint habe. Wenn jedoch Selbsttäuschung, Frevel- tine solche Schau mit unserer kritischen Weltansicht mut und Schuldbeladenheit allein das Ende dieses noch vereinbar sei. Auch da, wo das erste Motiv in groß gelebten Lebens und das Fazit des faustischen der Darstellung überwiegt, in vorwiegend Iiteratur- Charakters ausmachen sollen, wie Böhm nachzu- wissenschaftlichen Arbeiten, klingt das zweite immer weisen sich bemüht, so wäre die Dichtung um ihren mit an in kritisch-philosophischen Erörterungen über eigentlichen Sinn gebracht: Des göttlichen Erbarmens Lebenssinn und Wesen des Menschen. Das gibt innen wäre ein solcher Faust auf keine Weise wert, und eine anziehende Aktualität auch für den Laien, wenn auch uns wird immer daran liegen, daß wir Faust, dieser sich nur der Schranke bewußt bleibt, die wissen- wie einem Stück unserer selbst, in die Verlorenheit schaftlichen Äußerungen allemal gesetzt ist: Über die nicht mit Abscheu, sondern mit Teilnahme folgen Geltung der Faust Dichtung heute haben sie nicht können. das Urteil zu sprechen. Sie können uns nur sagen, So wollte ihn auch Goethe selber verstanden wissen, was die Dichtung bedeute. Dabei entlassen sie uns, wenn er von den „phantastischen Irrtümern aut der Eigentümlichkeit des „Faust“ entsprechend, mit Erden“ spricht, „in welchen der arme Mensch (näm- mancher offenen Frage. Das ist kein Schade. An lich Faust) sich edler, würdiger, höher, als im ersten, uns ist es, denkend zurechtzuleben. was nicht zurecht. gemeinen Teile geschieht, verlieren dürfte“. Wir gedacht werden kann. spüren diesen Worten an: Ein unzerstörbar Gott- Im folgenden sei auf eine Reihe jüngerer Er- Zugewandtes wohnt nach des Dichters Meinung dem läuterungen und Deutungsversuche eingegangen, die gottfernen Menschen inne, und dieses geschöpfliche uns die Diehtung von neuem nahebringen können: Aufgehobensein in Gott ist nicht minder real wie Wilhelm Böhm, Goethes Faust in neuerer Deutung. seine unseligen Verirrungen. Eine ausgewogene Sicht Verlag E. A. Seemann, Köln 1949. 348 Seiten. der Faust-Gestalt wird nicht umhin können. beides Reinhold Schneider, Fausts Rettung. Suhrkamp zu beachten. Verlag 1946. 31 Seiten. Nicht minder entschieden, wenn auch ohne die Gustar Würtenberg, Goethes Faust heute. Hans polemische Schärfe Böhms, verurteilt Reinhold Hümmeler Verlag, Bonn 1949. 184 Seiten. Schneider in seiner kleinen Schrift „Fausts Rettung“ Wilhelm Böhms ,,Goethes Faust in neuerer Gesinnung und Wandel der Helden. Dies Urteil Deutung“ richtet sich vor allem auf die Frage der spricht er im Blick aufs Heute. Während Goethe Irrung und Rettung Fausts. Der Verfasser trat wohl selber sich dem Banne dämonischer Zerrissenheit in als erster mit einer Kritik der überlieferten Faust- der großen Beichte des Faust entwand, verfielen wir Deutung unterdem Titel Faust, der Nicht-Faustische“ Nachlebenden „.der Apotheose des scheiternden Ver- I1 8
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