Full text: Lübeckische Blätter. 1949-50 (85/86)

Für die glänzende Welt giebt es im Winter Konzerte, Diese beiden Gebräuche gehören der Altväterlich- in denen junge Frauenzimmer aus den angesehensten keit an. Am Abende vor Weihnacht wird jährlich Häusern singen, was den Versammlungen für die ein glänzendes Concert im Börsensaale gegeben, und Einwohner das Anziehende einer großen Familien-] zuweilen am Abende vor Neujahr wiederholt. Hierin Iustbarkeit giebt; - ferner wöchentliche Tanzklubbs, werden sie die elegantere Cultur erkennen. ~ An dem über welche aber die älterliche Sorgfalt die Obhut hat: festlichen Morgen giengen die Unterbeamten mit sie müssen jedesmal pünktlich um zehn Uhr geschlos- Haarbeutel und Degen, die Officiere des hiesigen sen werden und heißen daher Gesundheitsbälle. Militärsinihrem ärmlichen Kriegerputze, beiden Raths- Schauspiel hat Lübek nur dann, wenn sich eine herrn, Aelterleuten und den reichen Kaufleuten herum, reisende Gesellschaft hier einfindet; das geschieht. und statteten ihre demüthigen Glückwünsche ab. Da indeß in jedem Winter. Jetzt ist die + Truppe hier. haben Sie die kleinstädtische Förmlichkeit. Ich habe nie ein vollkommner zusammenpassendes Alle diese Beobachtungen gnügten mir nicht. Ich Ganze gesehen, als die Vorstellung, der ich gestern sah das Volk nicht. ,„Sie sollen es sehn!“ sagte mir beiwohnte. Vor einem schlaffen, unaufhörlich und cin Freund, und in der That, er zeigte mir es. laut gähnenden Publikum, meistentheils von Hand- Der Rathskeller ist hier, wie in den meisten Reichs- Ilungsdienern und Schiffern, spielten wahre Lastträger städten, allein im Besitz des Rechtes, Rheinwein zu und Waschweiber in abgeschabten Kitteln – den yerkaufen. Der hiesige ist vorzüglich wegen der ganz großen Kurfürsten zu Rathenau. — ausgezeichneten Güte seines Steinweines berühmt: Man preist mir die öffentlichen Lustorte vor der (ie gewöhnliche Ergötzlichkeit des hiesigen Pub- Stadt als sehr reizend. Warum sollten sie es nicht hikums von allen Ständen und Bildungsstufen ist seyn ? Die Gegend ist hügelicht, von zwei Flüssen glso, an den Abenden vor Weihnacht, Neujahr und durchschnitten, mit gepflanzten Lusthölzchen auf (em Dreikönigs-Tage diesen Keller zu besuchen, und allen Seiten geschmückt, und der unbefangene Ton. gcjne Flasche Wein zu trinken. der hier in allen Familien und Gesellschaften herrscht, Mein Freund führte mich hin. Wir klimmten eine bürgt dafür, daß sich die ganze schöne Welt ihrer schmutzige Stiege herab. und geriethen in ein weites, zwanglos bedient. Wie sehr bedaure ich es, daß mein jn viele Kreuzgänge zertheiltes Gewölbe, wo uns aus hiesiger Aufenthalt gerade den Winter trifft. Um gdallen Winkeln Geigengeschnarre entgegen tönte, und eine Stadt kennen zu lernen, muß man sie freilich gpwischen ungeheuren Fässern eine Menge berauschter dann besuchen, wenn die unfreundliche Jahreszeit und nüchterner Menschen, in einem Nebel übel- alle ihre Bewohner in ihren Mauern versammlet, – gjiechender Dünste, bei mattem Lichterscheine sich aber genießen kann man ihrer doch nur im Sommer, herumdrängte. In den meisten Gesichtern lag Selig- wenn sie ihre Lebensweise in die Gärten verpflanzt. keit des Rausches, und süße Hingebung an die Thier- Manches Unangenehme wird dann reizend, und was heit. Mitten zwischen diesen gräulichen Gruppen und liebenswürdig ist. wird es doppelt. Dingen irrten auf allen Seiten junge, reizende, in Seide gehüllte Damen, mit ihren Vätern, Brüdern und Freunden umher; die glänzendsten Elegants, selbst Den Charakter eines einzelnen Menschen erkennt Kinder von jeglichem Alter. ~ Mit Ekel, Erstaunen man am leichtesten, wenn er berauscht ist; den eins. und Unwillen entfloh ich aus dem unterirdischen Volkes bei öffentlichen Festen. Die Deutschen haben HBPalais Royal der Lübeker. Jleider keine Volksfeste: in Ermangelung dieser, hatte Einige Tage später hatte ich den Abend in einer ich mir vorgesetzt, die Lübeker wenigstens bei der [äußerst interessanten Gesellschaft, in einem zahl: Begehung der religiösen Feste, die ich hier erlebte, der reichen Kreise der liebenswürdigsten Frauenzimmer. Weihnacht und des Neujahrs zu beobachten, – und zugebracht. Gegen Mitternacht wurde vorgeschlagen, was ich sah, will ich Ihnen mittheilen. in den Rathskeller zu gehen. Jeder Mann bot einer Auf den Marktplätzen waren hölzerne Buden auf. Dame die Hand; ich war so glücklich, die liebens- geschlagen, in denen Spielgeräthe, Confekt und würdige + zu führen: ich erröthete zum voraus warme Waffeln feilgeboten wurden, und sobald sie über die Verlegenheit, in die sie beym Anblick aller am Abende erleuchtet waren, strömte jung und alt jener Gräuel gerathen würde. Indeß hüpften wir dahin, sich in dem schönen Lichterscheine zu ergehen. leicht die Treppe hinab, eilend durch das Gewimmel Auf allen Gassen ertönte Musik, und jeder Jüngling fort, in ein kleines Zimmerchen, wo ein runder Tisch hatte ein Mädchen. oft nur ein gemiethetes, am uin der Geschwindigkeit mit golden blinkenden Flaschen Arme. – Am Tage zogen die Waisenschüler auf den] besetzt wurde. Auch die Damen nuppten dann und Gassen von Haus zu Haus, und johlten vor jedem vwann ein Paar Tropfen. Alles war witzig, alles war ein Lied. Der Cantor stand in ihrer Mitte und stimmte froh. Wir stimmten, nach Lübekischer Sitte, ein Paar an, indeß ein Paar von den Knaben mit einer Spar- Gesellschaftsliederchen an: + als die zarten, silber- büchse hineingiengen, um eine milde Gabe zu fordern. hellen Stimmen der Damen in das helllaute Tutti In manche Häuser wurde der Haufe hineingenöthigt, eintfiel, als der gutmüthige Frohsinn aus ihren schönen und mit Thee und Puntsch traktirt. – Ein abscheu- Augen heller aufstralte, von ihren sanft geschwellten licher Gebrauch, dies Herumziehen. Er erniedrigt Lippen lebendiger lächelte, sie sogar dann und wann nicht nur das Gemüth der Kinder, indem er sie an mit einem Anstrich von Häuslichkeit, jede ihrem das Almosenflehen gewöhnt; er schadet auch ihrer Nachbar kredenzte: + ich glaubte, Venus mit ihren Gesundheit. Ein sehr einsichtsvoller Arzt versicherte Grazien im Tempel des jungen Bacchus einen Besuch mich, daß viele dieser armen Knaben durch das ab- ablegen, ihn von seinem Schlauche aufstaunen, und wechselnde Laufen und Stehen bei unfreundlicher eilend den Weinlaubkranz von den Braunen zierlich Mitterung, durch das Schreien und das Trinken heißer Zzurückschieben zu sehn. ~ . Getränke, an die sie nicht gewöhnt sind, ihre zarten j, Bin ich denn wirklich wieder im Rathskeller ge- Luncen krank. sich auf Lebenszeit siech machen. wesen ? fragte ich mich. als ich mich auf meinem | KN
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