Full text: Lübeckische Blätter. 1949-50 (85/86)

Verhältnis zwischen mikro- und makrophysikalischen Im übrigen ist es bedauerlich. daß Herr von Wulffen Gesetzen deutlich zeige, daß das Leben nicht mit nicht auch in Rendsburg war. Er hätte sicher Mesent. naturwissenschaftlichen Gesetzen berechenbar sei und liches zum Gespräch beitragen können, wie seine daß darum eine materialistische Weltanschauung aus interessanten Ausführungen über das Thema Freiheit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen seit der und Kausalprinzip zeigen. : Entdeckung der ,.inneren Freiheit“ der Mikrobiologie Dr. med. Johannes Brockhayg nicht mehr ableitbar sei. Diese „innere Freiheit“ ist nun aber kein wesent- Die Singeleiterbewegung in Lübeck licher naturmissenschaftlicher Gedanke unserer Zeit, Es ist eine alte, traurige Tatsache, daß die Be. weil sie keine Entdeckung, sondern das Ergebnis einer schäftigung mit den kulturellen Gütern eines Volkes Irreführung ist. . un der Hauptsache nur von den Begüterten gepflegt Die Leser der „Lübeckischen Blätter“ nehmen in ygjrd, während sich Minderbemittelte meistens mit ihrer kausalen Denkweise an, daß jedes Geschehen minderwertigen oder oberflächlichen Dingen begnügen eine Ursache habe und umgekehrt, daß also ohne ypüssen. Ursache nichts geschehe, und werden durch den in Eine verantwortungsbewußte Kulturbehörde kann Frage stehenden Aufsatz zu der irrigen Meinung ver- hjerbei keine Abhilfe schaffen, wenn sie allein Hoch: führt, daß der Einwand, den die Mediziner dagegen wertiges zu billigen Preisen an das Volk vermittelt. erheben, berechtigt sei. Es muß dieser Vermittlung eine Erziehungsarheit Das aber ist nicht der Fall. Ö vorausgehen, die in die Breite geht und das Interesss Der ganzen Frage liegt Heisenbergs Unbestimmt- fiir Kulturwerte wecken hilft. Daß man hierbei direkt heitsrelation zugrunde, und dieser wieder die von hej der Jugend anfängt, ist wichtig, denn man hat Heisenberg aufgestellte Formulierung des Kausal“ j,; gereiften Menschen nicht mehr so die Möglichkeit gesetzes, die heißt: „Ein Ereignis ist dann kausal gjj¿s€ Menschen zu formen und mit Erfolg das Gute bedingt, wenn es mit Sicherheit rorausgesagt werden gegen das Schlechte zu setzen. Um hierbei eine Brücke kann.‘ L . . uwvechlagen zu helfen und die Jugend an die Dinge des Gegen diese kausale Denkweise Heisenbergs, die [ .hens heranzuführen, die ihnen über den Alltag sehr angreifbar ist, weil sie den ontologischen mit dem jp,jnans die schönen Seiten des Lebens aufweisen sollen logisch-erkenntnistheoretischen Gesichtspunkt ver“ gjgrurde über das Amt für Jugendförderung ein Kultx3 mengt, verstoßen allerdings die kleinsten Objekte der referat geschaffen. Die Aufgabe des Kulturreferenten Mikrobiologie, aber darum doch nicht, wie auch Max war es nicht, in die politischen Debatten der ver- Planck ausdrücklich festgestellt hat, gegen die kausale „hjeden ausgerichteten Jugendorganisationen ein- Denkweise der letzten Jahrhunderte. ._. zugreifen, sondern darüber hinaus das Verbindends „Dadurch, daß die Biologen die Kausalität der md Gemeinsame in der Jugend zu suchen, um im Objekte der Mikrobiologie noch nicht erfassen können, gemeinsamen Bemühen einen Weg zur Kultur des folgt durchaus nicht die Ungültigkeit oder Nicht- Volkes zu finden. Zu diesem Zweck wurde die Singe- geltung des allgemeinen Kausalprinzips, im Gegenteil: leiterbewegung in Lübeck ins Leben gerufen. Auf- man stellt 12% gerade dem Kausalprinzip gemäß fest, gabe dieser Singeleiterbewegung wurde es, einen Kreis warum sie nicht zu erfassen sind““ (Heinrich Schmidt, Hteressierter Jugendlicher zu finden und sie unter Philosophisches Wörterbuch, S. 327). ,. . fachmännischer Schulung an die Quellen des Volks- ., Alles Geschehen ist kausal bedingt, und es gibt in gutes heranzubringen, ihnen ein starkes Stilgefühl ihm keine Freiheit, aber auch keine Unfreiheit, denn Cinzuhauchen, um sie dadurch in die Lage zu versetzen das Kausalgesetz gilt. aber es zwingt nicht. F reiheit das ihnen vermittelte und anvertraute Gut selh. meint: Freiheit eines Menschen von der Beliebigkeit ständig weiterzutragen. Dieser Weg war zunächst anderer. Das Wort hat nur Sinn innerhalb der hjcht Ieicht zu beschreiten. Es galt die allgemeines menschlichen Gesellschaft. Wer es da herausträgt, Verflachung in diesen Dingen, die sich immer wieder stiftet Unordnung und Unsicherheit, wie es sich in in dem Drang nach Amüsement, allzuleichter Ent- Rendsburg wieder erwiesen hat. spannung und Interessenlosigkeit an höheren Dingen Egon von MWulftfen zeigte, zu überwinden. Die Schule und die Kirche faten und tun ihr übriges dazu und versuchen, dis Erwiderung ihnen anvertrauten Seelen wieder zu würdigen Es ist nicht sinnvoll, eine Diskussion über eine Menschen zu machen. Aber die große Zahl derjenigen Tagung unter „Nichtteilnehmern“ fortzuführen, denn Jugendlichen, die keine Verbindung zu diesen Be- eine Tagung hat keine eigene Meinung im strengen strebungen hatte und sich oft, wenn auch im besten Sinne, sondern es werden dort nur rerschiedene Wollen und in Unkenntnis der Dinge, in uferlose Gedanken zu einem Thema zusammengetragen. Daher Experimente verlief, mußte eine Auffangvorrichtung kann ein Bericht darüber, wenn er kein Protokoll ist, finden, die ihnen eine positive Stellung zu den wirk- nur summarisch sein. lichen Kulturwerten vermittelte. Diese jungen Men- Wenn ich trotzdem auf die Ausführungen von Herrn schen galt es, mit sicherer Hand, aber mit Finger- von Wulffen antworte, so nur deshalb, um einem Miß- spitzengefühl zu sammeln und schrittweise an die verständnis vorzubeugen. Als die Gedankengänge Quellen unseres Volksgutes zu führen. Aus anfäng- der modernen Physik und Biologie in Rendsburg vor- lichem Zögern der Jugend wurde allmählich ein Zu- getragen wurden, sind dabei selbstverständlich auch trauen und festes Fußfassen, so daß heute die die von Max Planck erwähnt worden, jedoch wurde auf Singeleiter bei vielen kulturellen Feiern privat und die Meinungsverschiedenheiten im einzelnen (etwa öffentlich mitbeteiligt sind und immer mehr Jugend- zwischen Planck und Heisenberg) nicht näher ein- liche nach sich ziehen. t gegangen. Deshalb habe ich in diesem Zusammen- Es mag manchem Unwissenden gewagt erscheinen, hang auf Namensnennungen überhaupt verzichtet. daß ausgerechnet über das Singen in der Singeleiter- 1193
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