Full text: Lübeckische Blätter. 1949-50 (85/86)

Rede beim Empfang des Nobelpreiles von Selma Lagerlök Zum 10 Jährigen Todestag der Dichterin (gestorben 16. März 1940) Königliche Hoheiten! Meine Damen und Herren! ,, Wenn ich nun Vater treffe“, dachte ich, „dann Vor einigen Tagen saß ich im Zuge, um nach Stock- tt L üe! st n 1n Zehüukeltuht ac holm ?n fahren. Es ging gegen Abend. Draußen war sich, der voll Blumen und Vögel ist, und rs es dunkel, und im Kupee recht dämrmrig. Meine Mit- liest er die Frithjofsage. Und als Vater mich erblickt reisenden schlummerten, jeder in einer Ecke, und ich legt er das Buch weg und schiebt die Brille auf die salz stumm da und hörte auf das Rollen des Zuges. Stirn, und dann steht er auf und geht mir entgeg, wie er so über die Schienen brauste. Und er sagt (Grüß Gott !‘ und , Willkommen l: r Während ich so dasaß, mußte ich an all die andern Nun, gehst du hier spazieren !Vnua Mie steht Ez Male denken, die ich nach Stockholm gefahren war. mit dir, mein Mädchen‘ + ganz in der alten Art. Meistens hatte es sich um irgendetwas Schweres ge- Erst als er sich wieder im Schaukelstuhl zurecht. handelt. Ich war hingefahren. um ein Examen zu gesetzt hat, fängt er an, sich zu wundern, warum ich machen, und ich war hingefahren, mit Manuskripten, ihn aufgesucht habe. „Es wird doch daheim nichts um einen Verleger zu suchen. Und nun war ich auf passiert sein ?‘ fragt er Plötzlich. lem Wege dahin, um den Nobelpreis in Empfang zu Nein, nein, Vater, es ist alles in Ordnung.‘ Ung nehmen. Fast wollte es mich bedünken. daß auch j} will ihm eben die Neuigkeit erzählen, aber dann lies etwas Schweres se. . denke ich mir, daß ich sie noch ein bißchen aufheben Den ganzen Herbst hatte ich in meinem alten Heim ymöchte, und darum mache ich gleichsam einen Um. in Wermland in tiefster Einsamkeit gelebt, und nun wreg. „Ich bin nur gekommen, um dich um einen sollte ich unter viele Menschen hinaustreten. Es war, guten Rat zu bitten‘, sage ich, und mache eine ganz als hätte ich dort in der Einsamkeit eine gewisse Scheu hekümmerte Miene. ,Ich bin nämlich in große vor Leben und Bewegung bekommen, und mir wurde gchulden geraten.' ganz ängstlich zumute bei dem Gedanken, mich nm [ch fürchte, in dieser Sache kannst du hier bei mir wieder draußen in der Welt zeigen zu müssen. nicht viel Hilfe finden‘, sagt Vater. \Von diesem Ort Aber im Grunde war es ja eine so wunderbare grobe kann man wohl dasselbe sagen, wie von den alten Frende, den Preis zu empfangen, und ich suchte mir Herrenhöfen in Wermland. alles ist hier zu kinden, die Angst zu vertreiben, indem ich an all die dachte, nur kein Geld.‘ die sich über mein Glück freuen würden. Da waren ,Es ist ja auch nicht Geld, was ich schulde,‘ sage viele alte gute Freunde, da waren meine Geschwister, ich. und da war vor allem meine alte Mutter, die daheim Das ist ja noch schlimmer‘, erwidert Vater. „Er- saß und sich freute, daß sie dieses große Freignis pähle mir nun das Ganze von Anfang an, mein Mäde] !‘ erleben durfte. „Es ist nicht zuviel verlangt, daß du mir hilfst’, Aber dabei mußte ich an meinen Vater denken, und sage ich, denn es ist doch von Anfang an deine es machte mich traurig, daß er nicht mehr lebte, und Schuld. Weißt du noch, wie du am Klavier zu sitzen daß ich ihm nicht erzählen konnte, daß ich den Nobel‘ und uns Kindern Bellman vorzusingen pflegtest ? preis bekommen hatte. Ich wußte, niemand hätte Und weißt du noch, wie du uns jeden Winter ein paar. sich so gefreut wie er. Nie ist mir jemand begegnet. mal Tegner und Runeberg und Andersen lesen der eine solche Liebe und Verehrung für Dichtung ließest ? So ging es zu, daß ich in meine erste große und Dichter gehabt hätte. Und wenn er nun er Schuld geriet. Vater, wie soll ich es ihnen vergelten fahren hätte. daß die schwedische Akademie mir einen können, daß sie mich lehrten, die Sagen und Helden- großen Dichterpreis zuerkannt habe — es war ein taten zu lieben, die heimatliche Erde und das Men- wahrer Schmerz, daß ich es ihm nicht erzählen konnte. schenleben in all seiner Größe und all seiner Hin- Jeder, der bei Nacht und Dunkelheit mit der Eisen- fälligkeit ?“ bahn gefahren ist, weiß. daß es geschehen kann, daß Während ich dies sage, setzt Vater sich im Schaukel. die Wagen lange Zeit so merkwürdig still. ganz ohne stuhl zurecht. und ein schöner Ausdruck tritt in seine Rütteln dahingleiten. Larm und Gerassel hören auf. Augen. „,Ich bin froh, daß ich mit dazu geholfen habe und das gleichmäßige Rollen der Räder verwandeltsich dich in diese Schuld zu bringen“, sagt er. ) in eine stille, eintönige Musik. Es ist., als ob die Eisen- .Ja, da kannst du schon recht haben, Vater‘, sage bahnwagen nicht mehr über Schienen führen, sondern jch, ,aber du mußt bedenken, daß es damit nicht sein in den Weltenraum hinausglitten. Nun, und gerade Bewenden hat. Du darfst nicht vergessen, daß ich als ich daran dachte, wie gerne ich meinen Vater cine Menge solcher Gläubiger habe. Denk nur an all treffen möchte, geschah etwas dieser Art. Der Zug (liese armen heimatlosen Kavaliere, die in deiner begann so lautlos und leicht dahinzueilen, daß ich Jugend in Wermland umherzogen und Karten spielten as Gefühl hatte, er könne unmöglich mehr auf Erden hund Lieder sangen. Wieviel tolle Abenteuer und Ein- sein. Und meine Gedanken begannen zu spielen: fälle und Scherze schulde ich ihnen nicht ! Und denk' „Wie, wenn ich jetzt zu meinem alten Vater ins" jn all die Alten, die in kleinen, grauen Hütten am Himmelreich führe! Ich glaube doch gehört zu haben. Waldessaum saßen und von Nöck und Troll und Von daß anderen solches geschehen ist, warum sollte és yerzauberten Jungfrauen erzählten, die im Berg ge- nieht auch mir widerfahren ?‘ fangen säßen. Die haben mich gelehrt, wie man über Der Eisenbahnwagen glitt stumm und lautlos harte Felsen und schwarze Wälder Poesie ausbreiten weiter. Aber wohin er auch fuhr, zo hatte er jeden- kann. – Und dann, Vater, denk' an all die bleichen falls einen weiten Weg. bis er das Ziel erreichte. und hohläugigen Mönche und Nonnen, die in dämmrigen meine Gedanken kamen vor ihm an. Klöstern saßen und Gesichte sahen _und Stimmen U
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