Full text: Lübeckische Blätter. 1949-50 (85/86)

„„Aber abseits! Wer ists ? / Ins Gebüsch verliert jungen Mannes, der sich in der Stille auf Schulen und sich sein Pfad. / Hinter ihm schlagen /.Die Sträucher Akademien zu Kanzel und Lehrstuhl vorbereitet hat, zusammen. / Das Gras steht wieder auf. / Die Öde von düsterem Wesen, aber nicht unhöflich, mit Ge- verschlingt ihn. / ... Ach, wer heilet die Schmerzen, wsichtszügen, die nichts Anlockendes, aber auch nichts Des, dem Balsam zu Gift ward ? | Der sich Menschen- Abstoßendes haben.“ So beschreibt ihn der Dichter, haß / Aus der Fülle der Liebe trank! / Erst verachtet, aber er spricht auch den fast heftig geäußerten Wunsch nun ein Verächter / Zehrt er heimlich auf / Seinen aus, den jungen Menschen nicht wieder zu sehen. Sein eigenen Wert / In ungenügender Selbstsucht ... / Munsch wird ihm nicht erfüllt. Schon sehr bald wird .. 16t auf Deinem Pealter, | Vater der Liebe, ein ihm, dem nach Weimar Zurückgekehrten, ein Billett Ton. / Seinem Ohr vernehmlich. / So erquicke sein ins Gartenhaus gebracht, in dem sich der junge Herz! / Öffne den umwölkten Blick / Über die tausend Plessing anmeldet. ‘Goethe empkängt ihn. Aber die Quellen / Neben den Durstenden / In der Wüstel‘” Unterredung verläuft nieht, wie man hätte erwarten . E können, stürmisch, sondern ruhig und gelassen. Wer war dieser junge Mensch ! . Plessing hat an der Handsehrikt Erkannt, daß Goethe Friedrich Viktor Leberecht Plessing war der Sohn der fremde Besucher ist, der sich damals mit einem des Predigers Johann Friedrich Plessing an der Ober- kurzen Handbillett in Wernigerode verabschiedete. pfarrkirche zu Wernigerode, eines Mannes von hohen Dennoch kann sich der Dichter dem Drängen Plessings geistlichen Idealen, zu deren Verteidigung er mehrere auf stärkere Bindung aneinander nicht erschließen. bedeutsame Schriften veröffentlicht hatte, die seinen Aber es kommt zu einem Briefwechsel, auf den auch Namen in der theologischen Welt bekannt machten, der Dichter gern zurückbliekt, als sich beide nach der aber einen hohen Geist in einem zarten Körper barg Jahr und Tag in Duisburg treffen, wo Goethe, vom und des öfteren seinen Fürsten, den Grafen von Stol- Feldzug gegen Frankreich kommend, ihn, der dort in- berg-Wernigerode um Schonung bitten mußte. Nicht pwischen Professor an der Universität geworden ist und anders wird sein Sohn geschildert. Seine Mutter war sich durch verschiedene Schriften einen Namen ge- eine geborene von Lampe. Im gleichen Jahre wie macht hat, aufsucht als den einzigen Bekannten, den er Goethe geboren, besuchte er die Ulfelder Klosterschule in der Stadt hat. Goethe verläßt Plessing, im Gefühl und schloß seine Schulstudien in W ernigerode und einige freundliche Stunden mit ihm verlebt zu haben, Halberstadt ab, um auf der Universität Göttingen wofür er angesichts der unsicheren politischen Ver- Jura zu studieren. Überspannter glühender Idealis- hältnisse dankbar ist. Beide sehen sieh nicht wieder. mus treibt ihn von dort nach Nymwegen in die Pas neue Jahrhundert steigt herauf. Plessing stirbt Holländische Armee, wo er aber bald innerlich und 1806 als Universitätsprokessor in Göttingen, unver- äußerlich zusammenbricht, um nun zum Studium auf heiratet. Friedrich Adolk Krummacher, der Dichter die Universitäten Wittenberg, Halle und Leipzig zu der Parabeln, damals Plessings Kollege an der rückzukehren, aber nicht zum Studium der Rechts- Puisburger Universität und ihm auf's engste ver- gelehrtheit, sondern der Theologie. Ein neuer Ehr- hunden, hat dem Freund folgenden Nachruf ge- geiz verzehrt ihn: ein berühmter Kanzelredner zu schrieben: werden. ö . ..Ms sei mir vergönnt. das Gedächtnis eines Mannes Hin- und’ hergerissen vom Sturm und Drang über- zu feiern, der seinen Freunden und näheren Bekannten mächtiger Gefühle verzettelt er seine hohen Geistes- immer ehrwürdig und in gesegnetem Andenken bleiben gaben in phantastischen Extravaganzen, in denen er wird. Die gelehrte Welt kennt ihn aus seinen gehalt- die Nacht zum Tage macht. Die übersteigerte Athmo- vollen, von tiefer Untersuehung und eigentümliechem sphäre erreicht ihren Siedepunkt in der Lektüre des Geiste zeugenden Schriften. Sie bekunden die hohe „Werther“. Sie löst den Brief an den Dichter aus. stufe der philosophischen und wissenschaftlichen Es ist eigentlich kein Brief, sondern ein mehrseitiger, Bildung, zu welcher er sich erhoben hatte.“ Nach abgründiger Herzenserguß, „„Ein Heft‘, wie Goethe einem kurzen Lebensabriß und eingehender Bespre- schretbt, in dem ein zu tiefst Verwirrter um Rat und chung seiner geistigen Eigentümlichkeiten heißt es Hülfe bittet. dann weiter: „Das ganze Leben der Menschen auf Goethe selbst war, wie er Frau von Stein bekennt, Erden schien ihm den Zweck zu haben, durch Sittlich- in jener Zeit in „wunderbar dunkler Verwirrung seiner keit sich zu einer Rückkehr in einen ehemaligen Zu- Gedanken“, zu dem das „stürmisch gebrochene stand geschickt zu machen, dessen sie sich selbst durch Wetter“ seines Reiseweges gut paßte. So sitzen sich Mißbrauch ihrer Freiheit unwürdig gemacht hätten. die beiden jungen Menschen gegenüber, der junge Die Erde hielt er für einen Aufenthalt der Gefallenen Goethe in seiner kraftvollen, sieghaften Männlichkeit, und die Tiere bis zur scheußlichen Kröte hinunter für und ihm gegenüber der fieberhaft glühende, zart geglie- Behälter solcher Geister, die sich selbst erniedrigt und lerte Plessing, der sein Inneres allem Andrängen der der Unsterbliehkeit unwürdig gemacht hätten. Das Goetheschen Beredsamkeit verschließt, so daß “der alte Land Ägypten war sein Lieblingsland, und wenn Dichter gesteht: „„Ich ward mit der Versicherung, es man seiner eignen Hypothese glauben dürfte, so könne und solle ihm nichts in dieser Welt genügen, so möchte man geneigt sein, anzunehmen, daß die Seele entschieden abgewiesen, daß mein Innerstes sich zur irgendeines Weisen von Memphis oder Theben in ihm schloß und ich mein Gewissen, im Bewußtsein des gewohnt hätte. Auch sein Studium begann mit diesem besten Willens, völlig befreit und mich gegen ihn von Lande, und selbst die Griechen waren ihm nur wert, jeder weiteren Pflicht entbunden glaubte.“ Sie insofern er sie als Zöglinge Ägyptens betrachtete. schieden, wie Goethe sich in seinem späteren Bericht Ägypten hielt er für die Urquelle aller menschlichen ausdrückt. ,„friedlich und schiedlich“. Aber der Ein- Bildung und Kenntnisse, und diese Idee begeisterte druck dieser so eigenartigen Persönlichkeit blieb in ihn mehr, als man es einer historischen Hypothese zu- dem Dichter haften, anch sein Äußeres: eine Statur trauen sollte. Aber sie war auch mehr für ihn, sie war „von mittlerer Größe. das Bild- eines wohlerzogenen mit seinem Wesen und Charakter, mit seiner Phantasie | ZH
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