Full text: Lübeckische Blätter. 1942-44 (84/85)

62 verwerten können. Ohne eine gesunde Wirtschaft iht sey ung von Individuum und Gemeinschaft inner- eine blühende Kultur nicht möglich. Und ohne die Be- halb der Gemeinschaftsgebilde in Führertum und fruchtung durch eine gesunde Kultur ist eine blühende Gefolgschaft, in ein Gefüge von Über- und Unter- VWirtschaft nicht möglich. ordnungen, das wir als Machtgebilde bezeichnen. Wenn wir nun den Aufbau des selbstgestaltenden Solche auf Machtbildung gerichtete Gestaltungen objektiven Geistes bloßzulegen versuchen, so finden wir, nennen wir politische Akte. Die wichtigste aller daß er wesenhaft bestimmt wird durch die Polarität Machtbildungen ist der das Recht erzeugende und von Individuum und Gemeinschaft. Geist und verwaltende Staat. Gemeinschaft ~ so sagten wir schon sind unlösbar Die ästhetischen und theoretischen Akte be- aufeinander bezogen. Nur dort entfaltet sich geistiges ziehen sich auf die uns gegenständlich zugängliche Leben, wo Individuen in der polaren Zusammen- Welt, d. h. auf die endliche Lebenswirklichkeit. Es wirkung mit ihrer Volksgemeinschaft ihre geistig- gibt nun aber auch eine besondere Art individueller kulturellen Anlagen zu verwirklichen versuchen. Die geistiger Akte, durch die wir das Ich und die unend- Polarität von Individuum und Gemeinschaft — liche Lebensganzheit, die wir Gottheit nennen, hinter der sich die JIch-Welt-Polarität verbirgt ~ ist ineinanderzubilden und auseinanderzusetzen versuchen. das Strukturprinzip des objektiven Geistes, das zu Solche Akte bezeichnen wir als religiöse Gestaltung. gleich auch das Einteilungsprinzip der Grundformen Da uns das Unendliche anschaulich nicht zugänglich ist, t geistig-kultureller Gestaltung bedeuten muß. Darum so kann die Jneinanderbildung und Auseinander- finden wir in der weiteren Aufgliederung des geistig- seßzung von Ich und Gott weder zu einem gegen- kulturellen Lebens den Gegensat zwischen indivi- ständlichen Bild noch zu einem begrifflichen Erkenntnis duellen und gemeinschaftlichen geistigen Ge- Gottes führen. Vielmehr kann uns die Gottheit nur staltungsakten. Jn den individuellen Akten werden sinnbildlich und in sinndeutendem Erkennen Ich (Jndividuum) und Welt entweder ineinander zugänglich werden. Religiöses Verhalten bedeutet also gebildet oder auseinandergeseßzt. In den gemein- sinndeutendes Verhalten. Solche Sinndeutung wirkt schaftlichen Akten werden Individuum und Ge- sich aus als die Polarität von Eindeutung und Aus- meinschaft entweder ineinandergebildet oder aus- deutung. Eindeutung bedeutet Hineindeutung der einandergeseßt. Wieder wirkt sich die Polarität von Gottheit in das Ich, d. h. Ineinanderbildung von Ich Jneinanderbildung und Auseinandersezung, die wir und Gottheit. Dieses hineindeutende Verhalten schon in der Polarität von Schauen und Denken an- nennen wir „Glauben!‘’ A us deutung bedeutet getroffen haben, als ausgliederndes Strukturprinzip Auseinanderseßzung von Ich und Gottheit dadurch, aus. daß wir einen endlichen Gegenstand oder Vorgang Geistig-kulturelle Jneinanderbildung von Ich als Sinnbild der Gottheit auffassen und anerkennen. und Welt nennen wir ästhetische oder künstlerische Solch ein Sinnbild Gottes nennen wir „heilig“, und Gestaltung. Gesstaltende Kraft ist die schauende den Akt der Gottsymbolisierung bezeichnen wir als Phantajie oder die Bildungskraft, die sich wieder „Heiligung“. Glauben und Heiligen sind also die als Polarität von Einbildungs- und Abbildungs- polar aufeinan derbezogenen Akte des religiösen gt kraft (einfühlender und schöpferischer Phantasie) Verhaltens. d1 auswirkt. Jhr Ergebnis ist das Kulturgebiet der Auch auf dem Gebiete der gemeins c aftlichen m Kunst. Sie bedeutet also phantasiemäßigen Aus- geistigen Akte tut sich eine unendliche Aufgabe auf. m druck eines phantasiemäßig aufgefaßten Welteindrucks Die durch soziale Akte hervorgebrachte und durch poli- m in ein wahrnehmbares Material. tische Akte staatlich organisierte Volksgemeinschaft ist ih Geistig-kulturelle Aus einanderseß ung von Ich niemals vollende. Wenn sie nicht aussterben und Y und Welt nennen wir theoretische oder wissen- zugrundegehen soll, so muß dauernd der junge Nach- sit schaftliche Gestaltung. Sie wird bewirkt vom Ver- wuchs in sie eingegliedert und eingeformt werden. V stande und führt zum Erkennen, das entweder ein Solche menschenformende, in die Volksgemeinschaft m verstehendes Erkennen bedeutet (Auseinander- eingliedernde geistige Gestaltung nennen wir Er- D sezung eines Sinnzusammenhangs) oder ein er- ziehung. Sie bedeutet Fortpflanzung der Ge- ge klärendes Erkennen (Auseinanderseßung eines Tat- meinschaft. ge jachenzusammenhangs). Sein Ausdruck in ein wahr- Die drei Formen der individuellen geistigen Ge- ül nehmbares Material bringt die theoretischen Kultur- staltung stimmen darin überein, daß bei ihnen indi- I güter hervor, deren Inbegriff wir die Wissenschaft viduelles Vorstellen gestaltet wird: individuelles de nennen. Auch im theoretischen Gestalten wirkt sich Schauen auf dem Gebiete der Kunst; individuelles U die Ich-Welt-Polarität aus, und zwar als die Polarität Denken auf dem Gebiete der Wissenschaft; indi- V des synthetischen und des analytischen Denkens, viduelles Sinndeuten auf dem Gebiete der Reli- sc die immer beide zugleich an jeder theoretischen Ge- gion. § staltung beteiligt sind. In den Formen der gemeinschaftlichen geistigen hi Die gemeinschaftlichen geistigen Akte zielen auf. Gestaltung wird gemeinschaftliches Einstellen [ Gestaltung der Gemeinschaft. Die Jneinander- gestaltet: gemeinschaftliches Fühlen in den sozi- ' bildung von Individuum und Gemeinschaft nennen alen Alten, gemeinschaftliches Wollen in den ei wir soziale oder gemeinschaftsbildende Gestal- politischen Akten, während die erzieherischen Akte die hi tung. Gestaltende Kraft ist die Liebe. Den Inbe- Gestaltung der Wertmöglichkeiten des Gemeinschafts- br griff der durch sie hervorgebrachten Gemeinschafts- nachwuchses zum Gegenstande haben. be gebildenennenwir das Kulturgebiet des Sozialen. Wir können diesen Aufbau des geisstig-kulturellen § Ihm steht polar gegenüber das Kulturg ebiet des Lebens in folgendem Schema anschaulich zusammen f Politischen. Es geht hervor aus der Auseinander- fassen: 1
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