Full text: Lübeckische Blätter. 1940 (82)

187 treuherzigen und impertinenten Unverschämtheit, mit Traktat, geistreiche Konstruktion, die den einen Augen- der verblüffenden Keckheit seiner blisenden Paradoxen blick eingefangenen glühenden Blutstrom des Lebens und dem geistreichen Geplänkel seiner Spekulations- kaltlächelnd in der Retorte philosophisch abkühlt und und Debattierstücke dahin gebracht, daß man ihn für aus der angefangenen Tragödie plötlich eine komische einen fanatischen Idealisten oder nüchternen Verstan- Satire macht. Für Shaw war diesse eigenartige desmenschen, Apostel oder Zyniker, Märtyrer oder Mischung, mit der er dem Tiefstand des damaligen Poseur, Heiligen oder Teufel halten kann. Durchschnittstheaters zu Leibe ging, das rechte Mittel: Als konsequenter politischer Widerspruchsgeist hatte das Leben zu meistern, ,statt sich mit poetischen Süßig- er anfangs noch nach dem Rednerkarren im Hydepark keiten vollzustopfen“. Uns Deutsche wird sie immer und dem Trompetenblechgesschmetter für sich gerufen, fremd anmuten, auch wenn man Parallelen zur deut- aber schließlich begnügte er sich doch mit dem Rebellen- schen Aufklärung, zu Lessing und dem Naturalismus tum der Feder und der Presse als Kampfplatß oder der gesucht hat. Außerordentlich aber fesselt Shaw immer Bühne als weltlicher Kanzel. Er hatte es vor dem Welt- noch durch die Schlagfertigkeit und Beweglichkeit des kriege dank der Freien Bühne und der Neuen Rund- JIntellekts, durch den Gedankenreichtum und das bril- schau dahin gebracht, daß er neben dem Dichter Knut lante Detail, die sprachliche Plastik der Situation Hamsun als sein journalistischer Gegenpol zu den ebenso wie durch die interessanten Typen und Themen Gipfelpunkten in der modernen europäischen Dichtung seiner Komödien und heute nicht zuletzt durch den köst- gerechnet wurde. Merkwürdigerweise spricht jezt in lichen anti-englischen Beigeschmack seiner bissigen Sei- Europas gewaltigster Schicksalsstunde wieder aus diesen tenbemerkungen und Alltagsweisheiten. beiden weise gewordenen Alten die europäische Welt- Die Neueinstudierung durch den Intendanten Robert vernunft! Shaw hat auch nach dem Weltkriege nach Bürkner war geschickt und maßvoll auf den richtigen, einem größeren religiösen Zwischenspiel in der „Heili- überlegenen, sachlichen Shawschen Ton abgestimmt; gen Johanna“, im „Kaiser von Amerika“, in der , Länd- dieser ist ja auch nicht schwer zu treffen, wenn man sich lichen Werbung“ und „Millionärin“ seine Lieblings- nicht in den ersten Akten in einen grellen Kolportage- themen der Heldenentgötterung, der kapitalistischen Ge. Wildwest-Naturalismus hineingessteigert hat oder in den sellschaftsoronung und der erstarrten Lebensnormen lettten Szenen zur Groteske ausartet. Bürkner zeich- wieder aufgenommen, freilich ~ abgesehen von der sen- nete auch den Bourgoyne komödiantenhaft-elegant sationellen Johanna ~ ohne den starken Widerhall wie als einen weltmännisch-klugen Lebensschauspieler, wie früher, vielleicht weil die geistige Spannung die meist ihn Shaw uns nach dem historischen englischen General dünne und primitive Handlung nicht mehr genügend des amerikanischen Befreiungskrieges geschildert hat, durchfunkeln konnte. der am Ende seiner militärischen Laufbahn selbst Lust- . Der Teufelsschüler, der um die Jahrhundertwende spiele und Operntexte schrieb. Die schwierige Rolle in den ,„Puritanerspielen“ nach Shaws Art mit einer des Teufelsschülers, des Frechling Dick, gab Fritz Luther einleitenden Abhandlung über ,Die Ethik des Teufels" mehr als bäuerlichen Gentleman denn als entarteten und einem Anhang über den historischen General John Naturburschenwildling, durchaus überzeugend in der Bourgoyne erschien und als erstes Stück ins Deutsche Kraft des Temperamentes und in der Härte und Kühle übertragen wurde, zeigt uns den kühlen Antiroman- seines unerotischen Wesens. Lebensecht und unkarikiert tiker, der sich über das rührende, sentimentale, fromme, bp«räsentierte sich die frömmelnde Familie: die starr- salbungsvolle, patriotische, nette und liebenswürdige sinnig-verbitterte Mutter von Tilly Musäus, der ver- Theater weidlich lustig machte und die romantische trottelte Bruder (Erich Buschardt), die satte Bürgerlich- Keherei in jeder Form lächerlich machen wollte, bei der keit der Schwäger (Richard Kinner, Hans Müller) und Demaskierung des Heroischen. Er stellt einen amerikae- der romantische dunkle Fleck, die verängstigte kleine nischen Bauernsohn mit einer harten Jugend auf die Essie (Liselotte Göhring), im Bildhaften der Figur sehr Bühne, einen Atheisten und Ausgesstoßenen, Genossen reizvoll. Walter Raupach war ein ebenso tüchtiger, gut- der Schmuggler und Tagediebe, der plötzlich aus keinem nmiütiger Seelenhirte wie verwegener draufgängerischer erkennbaren Grund für den ehrenwerten Pastor An- Rauthreiter für die Freiheit und bei Waltraut Herbsters derson sich als Rebell hängen lassen will, von diesem Judith loderte in der Unruhe und Empfindsamtkeit des aber wie von einem Deus ex machina im leßten Augen- jungen Weibes ganz unproblematisch der natürliche blick vor der Strangulation bewahrt wird. Shaw will warme Atem echter Menschlichkeit auf. Sonst sei noch hier echtes Puritanertum, reinste menschliche Selbse Gerhard Teubner als Advokat Hawkins und Karl losigkeit der Aufopferung für den Nächsten predigen, Morans Major Swindon in seiner erschütternden uni- aber er verwirrt den Eindruck der einfachen Fabel und formierten Beschränktheit als Beispiel stumpfen ge- zerstört die Glaubwürdigkeit des Vorgangs sselbst am dankenlosen Pflichtsoldatentums, wie es nicht sein soll, Schlusse, indem er das von ihm selbst ironisch gestreitte Hervorgehoben. Manfred Hinzpeters wirksame Büh- „Melodram“ der beiden ersten spannenden Akte in nenbilder deuteten zwanglos und unaufdringlich Zeit- seiner Jllusion durch die kräftige Satire der Schluß- kolorit und Milieu an. Mit herzlichem Beifall quit- szenen und die scheinbar frivolen Glossen des Generals tierte man diese unterhaltsame kritisch-humorisstische Bourgoyne komödienhaft bagatellisiert und fast nach Shaw-Epistel, die der irische Puritaner zwar einst der Art der alten Moralitäten ins Possenhafte um- sehr kämpferisch gegen das Publikum gedachthat, von der biegt. So bleibt das Ganze nur These, dialogisierter sich aber heute niemand mehr getroffen fühlt. G. Struck
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