Full text: Lübeckische Blätter. 1908 ; Stenographische Berichte über die Verhandlungen der Bürgerschaft zu Lübeck im Jahre 1908 (50)

§4 2 und es ist eine sehr reizvolle Aufgabe, dcn ersten qleufe!den Einmütigkeit, für die uns zunächst Anfängen und der allmählichen Entwicklung der jedes Verständnis fehlt. Wurde irgendwo in der primitiven dramatischen Kunst vor der französischen Provinz ein solches mystère aufgeführt ~ und es Renaissance nachzugehen. Bei der knappen Zeit, die verflossen immer Jahre, ja Jahrzehnte, bis sich dieses mir zur Verfügung steht, muß ich mich kurz fassen Ereignis wiederholte ~, dann stand, so kann man und werde mich im wesentlichen auf die Ent- wohl sagen, die ganze Stadt auf Stützen, und die stehungszeit des Patelin beschränken. allo auf das Bevölkerung teilte sich in zwei Hälften, von denen Quattrocento. die eine die Schauspieler, die andre die Zuschauer Nachdem die Völkerwanderung und das Christen. bildete. Zählten doch die Darsteller, abgesehen von tum alles ausgelöscht hatten, was vom römischen den Figuranten, nach Hunderten, in einem Falle fast Schauspiel etwa in Gallien vorhanden gewesen ware, H500! Und Berufsschauspieler gab es damals noch entwickelte sich das mittelalterliche französische Drama nicht. In Paris lag die Sache insofern etwas + ohne Anknüpfung an das Altertum + aus dem anders, als schon früh eine geschlossene Gesellschaft, kirchlichen Kultus zum liturgischen Drama und die conkrsris de la Passion, das Privilegium der zu den das 13. und 14. Jahrhundert beherrschenden Aufführung von Mysterien besaß. Mirakeln, unter denen das miracle de Théophile Oft wurde das mystère eigens zu einer be- als ein Vorläufer des Faust erwähnenswert ist. stimmten Veranlassung gedichtet; seine Vorbereitung Den Höhepunkt erreichte die dramatische Kunst nahm viele Monate, bisweilen nahezu ein Jahr in des Mittelalters kurz vor dem Einsetzen der Renaissance, Anspruch. Das Theater selbst mußte wegen der im 15. Jahrhundert, und zwar in Form der My. zahlreichen Zuhörerschaft in ganz kolossalen Dimen- sterien. Den Höhepunkt freilich nicht in künstlerisch, sionen aufgesührt werden. Nur Paris bessaß ein literarischer Hinsicht. Man darf sich unter ihnen ständiges Theatergebäude. Unser besonderes Interesse auch nicht im entferntesten so etwas wie unser erregt die Einrichtung der Bühne, und Sie modernes Drama vorstellen. Die mystères wiesen werden sich schon selbst gefragt haben: Wie hat auch keine Spur von dramatischer Handlung auf. man in der damaligen Zeit die technischen Schwierig- sondern bestanden in der Hauptsache aus einer großen keiten überwunden, die uns heute so zahlreiche Schau- Anzahl lose aneinandergereihter Szenen von epischer plätze der Handlung bereiten würden? Die Lösung Breite, die allein durch die Dialogform den dra war von rührender Naivetät und von verblüffender matischen Charakter wahrten. Um das mystere als Einfachheit: Man stellte sämtliche an einem Tage literarisches Erzeugnis zu charakterisieren, genugt erforderlichen Schauplätze gleichzeitig sichtbar neben- vielleicht der Hinweis darauf, daß z. B. das My- einander auf dem vorhandenen Bühnenraum her. sterium der Apostelgeschichte + allerdings das um-. Diese einzelnen Abteilungen des gesamten Bühnen- fangreichste seiner Gattung – 62 000 Verse umfaßte raumes nannte man mansions und baute deren bis und seine Aufführung nach meiner Schätzung ewa zu 20 auf einer Bühne auf! Einzelne davon zehn Tage in Anspruch genommen haben dürfte. waren mit einem Vorhang versehen, um die Schau- Sämtliche zwölf Apostel wurden darin durch so spieler den Augen des Publikums zeitweilig zu ent-. ziemlich die ganze Welt géführt, durch Spanien und ziehen; vor den andern mansions blieben die Dar- Italien, nach Rom und Ägypten, bis man sich endlich |teller einfach stumm sitzen, solange ihre Abteilung an ihrem Martyrium gütlich tat, wobei die Folter. nicht in Aktion trat. qualen an einem mannequin mit einem Naturalismus Die Abbildung einer solchen scene à la kois wiedergegeben zu werden pflegten, von dem wir unique et multiple ist uns erhalten; es ist die Kinder des 19. Jahrhunderts vermutlich einen Nerven. Bühne von Valenciennes aus dem Jahre 1547. Auf choc davontragen würden. So wurde z. B. die der einen Seite befindet sich das Paradies, ein heilige Barbara blutig gepeitscht, ihre Wunden wurden tempelartiger Raum, über dem Gottvater, umgeben mit Essig und Salz eingerieben, dann wurde sie an von seinen Engelscharen, gemalt ist, auf der entgegen- den Beinen aufgehängt, mit eisernen Kämmen wurde gesetzten Seite die Hölle, bestehend aus zwei ver- ihr Fleisch zerfeßt usw., schließlich wurde sie in einem gitterten Türmen und dem aufgesperrten feurigen innen mit spitzen Nägeln ausgeschlagenen Faß gerollt. Rachen eines riesigen Drachenkopfes, aus dem die und zulegt von ihrem eigenen Vater enthauptet. Teufel herausspazieren. Die dazwischenliegenden Für unsern heutigen Geschmack sind die mystrere. mansions waren nicht so ohne weiteres deutbar nach Form und Inhalt geradezu monströse Gebilde. und erhielten bisweilen einen Hettel mit der be- Wie aber wirkten sie auf das damalige Publikum ? treffenden Aufschrift. Diese Aufklärung des Publikums Nun, auf die Ausführung und den Genuß einer scheint um so nötiger gewesen zu sein, als man ich solchen Schaustellung stürzte fich das ganze Volk mit wmit einer sehr bescheidenen dekorativen Ausstattung einer Begeisterung und einer alle Standesunterschiede dieser mansions begnügte: ein Stuhl zwischen zwei
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