Full text: Lübeckische Blätter. 1908 ; Stenographische Berichte über die Verhandlungen der Bürgerschaft zu Lübeck im Jahre 1908 (50)

9 2 Stirnseite der Marienkirche brannte förmlich in pur- Zu diesem Zwecke erscheint es nötig, eine den purner Glut und brachte so zum Bewußtsein, welche Gegenstand ordnende Anzahl Unterfragen zu stellen, Farbenkraft den alten Backsteinen der Flachland-Kunst beginnend mit der: Hat eine Künstlerkolonie für innewohnt. Nie sah ich unsere Kirchen schöner! Aber Lübeck einen besonderen Zweck ? ein tiefer Kummer schädigte diesen Eindruck der Ge- Jeder Zuwachs von Menschen hat für ein vor- bilde einer Zeit, die an echtem Kunsstgefühl weit über wärts strebendes Gemeinwesen einen Zweck, sobald der unsrigen stand: der Schornslein des Elektrizitäts- er geeignet ist, irgendwelche Güter zu mehren! werkes! Eine unbegreifliche, verlezende Disharmonie! Der Wert kann ein stofflicher oder ein geistiger, Ja, das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit und doder eine Mischung beider sein, in der das eine oder neues Leben blüht aus den Ruinen. Den Wechsel das andere vorherrscht. Mit der Arbeit an unseren der Dinge kann man nicht hindern, man muß ihn Industrieplänen haben wir - was auch zeitweilige im Gegenteil fördern. Allein was in Lübeck, diesem Nackenschläge nicht vernichten werden ~- in der Kleinod nicht nur des Deutschen Reiches, sondeen materiellen Entwicklung bereits einen entscheidenden auch der gesamten Kulturwelt, geschehen ist, bedeutet Schritt vorwärts getan; allein selten ward ein tieferes, Vergeudung eines unwiederbringlichen Kapitals, die über die ursprüngliche religiöse Meinung hinaus unter allen Umständen hätte vermieden werden geltendes Wort gesprochen als das: der Mensch lebt müssen. Man hat keineswegs nur hier in unserer nicht vom Brot allein. Das heißt, alles Materielle Stadt, sondern weithin im Vaterlande die gleiche besitzt nur einen berechtigten und befriedigenden Wert, Stumpfheit an den Tag gelegt; sie entsprach eben dem wenn es auch die Ideale der Menschheit fördert. künstlerischen Tiefstand der mit anderen Dingen Ye mehr wir uns mit dem Staub der Arbeit bedecken, beschäftigten Zeit, in der klug geredet wurde wie in desto nötiger haben wir es, Gegengewichte zu schaffen, keiner zuvor, während wirkliches Kunstgefühl immer die die Seele frei machen und auf die Wege zum mehr zu entschwinden schien. Das allgemeine Sündigen edleren Genießen verweisen; gerade damit werden entschuldigt uns aber nur halbwegs, denn wem viel wir auch dem Ideal, das in der Arbeit an sich anvertraut ward, der ist auch doppelt verantwortlich, stectt, am vollklommensten gerecht. Ich meine, Lübeck und wer unter solchen Schätzen, wie wir sie hier haben, sollte mit der Steigerung seiner materiellen Werte aufwuchs, von dem sollte ein starkes Gefühl dafür gleichzeitig die geistigen auf allen erreichbaren Ge- verlangt werden können. Nun haben wir ja noch bieten betreiben. vieles, mehr wie die meisten andern Städte, die Luft, Zweifellos sind die Leute, die sich mit Wissen- Licht, freie Bahn und Luxus des Tages schaffen schaften und Künsten befassen, die zumeist berufenen wollten, weil wir eben mehr besaßen; dank vielleicht Husstreuer der Samenkörner auf den geistigen auch dem einssichtsvollen Wirken weniger, sonderlich Feldern. Was ihnen an Zahl fehlt, können sie aber wohl dank der Lichtseite, die so manches Unglück durch Individualität ausgleichen. Eine Vermehrung tröstend zu begleiten pflegt, nämlich der konservieren. solcher Kräfte lege gleichwohl in unserem besonderen den Erstarrung, die der Niedergang der kleinen dInteresse. Ein greifbares Beispiel ihrer Notwendigkeit Republik mit sich brachte. bietet eben die Verschandelung unserer Stadt; Durch den verdienten Verein für Heimatschug, diese stellt eine Gefahr dar, die keineswegs schon in den „Lübeckischen Blättern“ noch in der letzten beseitigt erscheint, und zudem eine Schwierigkeit, die Nummer, die mir nach Niederschreiben meiner An- nicht so einfach liegt, um sie durch bloße Entrüstung regung zu Gesicht kam, sind gleiche Gedanken lösen zu können. Ze mehr die Elemente sich ver- wiederholt ausgedrückt worden. Sie stehen zum stärken, die mit überzeugend sachlichen Gründen gegen heutigen Thema in enger Beziehung. So enthielten nicht notwendige Zerstörung Front machen, desto die „Lübeckischen Blätter" auch einen anderen Ärtike, mehr wächst naturgemäß die Aussicht auf Erfolg, einen berechtigten Klageruf, der zugleich eine begeistete und zwar auf einen Erfolg, der sich auch praktisch Schilderung des reizvollen Bildes gab, das Israelsdof mit Zahlen durchseßen muß, denn uns und unseren gewährt, besonders wenn man es vom Gothmunder Kindern werden nicht nur Tausende, sondern Hundert- Wege aus mit seinen malerischen Eichen, der grünen tausende und vielleicht mehr an Barwert entzogen Waldwiese und anmutigen Gehöften vor sich liegen werden, die Lübeck als lebendes Beispiel einer ver- sieht. Ich teile diesen Eindruck vollkommen, und gangenen Kunst aus der ganzen Kulturwelt an sich auf einem Spaziergange dorthin überkam mich der ziehen könnte. Wenn dies jemals klar zum Bewußt. Gedanke: das ist doch ein Plat, wie geschaffen für ein gekommen wäre, hätten wir heute vielleicht eine Malerkolonie! Und nun spann ich mir allerlei eine Behörde für Heimatschuy. aus, was ich einer weiteren Erörterung gern anheim- Es ist versäumt worden, irgendeinen mächtigen stellen möchte. Faktor für diese erhaltende Tätigkeit zu organisieren.
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