Full text: Lübeckische Blätter. 1907 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1907 (49)

Nachgeben sein mag. Der Künstler will heutzutage und die Unterschiede zwischen alten, durch die Zeiten für jede Leistung eine Kritik; vielleicht sind wir schon bewährten und geweihten Kunstwerken und neuen, so weit, daß er sie wollen muß. Nicht nur eine noch vom Meinungskampfe der Zeitgenossen um- Kritik des berufenen Beurteilers, sondern eine Kritik wogten Werken ergeben weitere mannigfache Ab- um jeden Preis, in erster Reihe eine der Leistung stufungen. Aber ich glaube nicht, daß an der Richtig- in der Sekunde auf dem Fuße folgende, durch Bei- keit meines Leitsatzes als eines Regelsatzes gezweifelt fallklatschen zu bekundende Kritik des Publikums. werden kann. Wie unschön ist dieses Beifallklatschen! Wann werden Wesentlich in doppelter Richtung erfüllt der Künstler und Publikum sich gegenseitig dazu erzogen Kritiker seine Aufgabe. Dem Künstler soll er Förderer, haben, diesen rohen Gewaltakt aus den Räumen echter dem Publikum Führer sein. Gefördert können vom Kunst auszuschalten, der wie ein heulender Orkan Kritiker natürlich nur lebende Künstler, schaffende die zarten Schwingungen der Seele nach einer künse. wie ausübende, werden. In Ansehung der Kunst- lerischen Darbietung zerzaust und alle Stimmung werke vergangener Zeiten fällt die kritische Tätigkeit tötet! Jetzt fängt diese Art Publikumkritik auch schon unter den Gesichtspunkt der Unterrichtung des kunst- in Oratorien an, sofern sie nur im Konzertsaal auf- sinnigen Publikums. Wenn aber Förderung des geführt werden. Nur in den Räumen der Kirche it Kuünstlers eine Hauptaufgabe der Kritik ist, dann ist man (zurzeit noch) vor dieser Vergewaltigung seines jede Kritik an einem lebenden Künstler, die diese Empfindens siche. Ahnen denn Publiknum und Aufgabe verfehlt, selbst verfehlt. Im Hinblick auf Künstler nicht, wie entwürdigend es für diesen ist, für die menschlichen Unzulänglichkeiten, denen auch die seine Spende, die er selbst einem Gotte verdankt Künstler unterworfen sind, ist daher zweierlei vor- und mit der er sein Publikum im Junersten beglücken nehmlich zu fordern, einmal, daß Künstler, insbesondere soll, die Quittung in einer Form zu empfangen, die Kunstjünger nicht durch unnötig scharfe Kritik entmutigt ihn selbst zum zensierten Söldling herabdrückt und und an ihrem Berufe irre gemacht werden, und überdies die Wirkung seiner Leistung auslöscht, indem sodann, daß nicht andere wieder, insbesondere jüngere sie alles, was er soeben an Stimmungen in den Künstler von besonderen Fähigkeiten durch übermäßig Herzen seiner Zuhörer zu schaffen sich bemüht hat, ausgeteiltes Lob zur Selbstgefälligkeit, der Feindin hinwegfegt? Und die einzelnen Glieder des beifall- jeder weiteren und tieferen Selbstbildung, verleitet klatschenden Publikums, ahnen sie nicht, wie rücksichts- werden. Ich spreche hier wie in diesem Aufsatze los sie ihre Mitgenießenden stören, indem sie ihnen überhaupt nicht von Dilettanten. Diese gehören im ihre weihevolle Stimmung rauben? Sollen wirklich Tempel der Kunst schlechthin nicht an den Plat der die Räume des Gotteshauses die einzige Stätte sein, Künstler und müssen, wo sie sich dort breit machen, wo sich der Mensch in Menschengemeinschaft an unnachsichtig davon vertrieben werden, gerade mit Kulturschöpfungen zu Höherem soll erheben dürfen ? Hilfe des Kritikers. Aber es ist Vorsicht geboten Wenn ich vorstehend von dem dienenden Berufe bei der Feststelung, ob jemand ein Dilettant fei des Kritikers gesprochen habe, so soll weder verkannt oder ein Anfänger in der Kunst, um so mehr, als noch verschwiegen werden, daß, wie überall im Leben diese Feststellung keineswegs immer leicht ist. Eine ein aus der Fülle der Erscheinungen abgeleiteter all- Stellungnahme aber, wie in dem oben zitierten gemeiner Erkenntnissat nicht schlechth$in und aus. Sage: „Der (Sängerin) sei in Gnaden vergeben, nahmslos Geltung hat, so auch hier der Satz vom daß sie ihren Dilettantismus an Liedern . . . ver- Kritikerberuf und von der Kritikerstellung seine Ein- suchte“ — sollte doch schlechterdings unmöglich sein. schränkungen und Abstufungen erfahren muß, je nach- Wenn es sich wirklich um Dilettantismus handelt, dem die Umstände des besonderen Falles von dem der sich als Kunst ausgibt und breitmacht, dann fort Regelfalle, daß nämlich der Künstler wirklich ein mit ihm! Wer gibt da dem Kritiker das Recht, ,in Künstler, das Kunstwerk wirklich ein Kunstwerk und Gnaden zu vergeben“ ? der Kritiker eben nur ein sachkundiger Beurteiler ist, Als Führerin des Publikums kann die Kritik vor abweichen. Je weniger es sich auf der einen Seite allem durch eine sachkundige Einführung in die Kunst- um einen vollendeten Künstler, um ein echtes Kunst- werke, alte und neue, segensreich sein. So wenig werk handelt und je mehr anderseits der Kritiker der wissenschaftlichen, der Natur der Sache nach in selbst Künstler ist, um so gleichwertiger stehen ausgedehnteren Abhandlungen und Büchern nieder- Künstler und Kritiker einander gegenüber, und natür. gzulegenden Kritik auch dem größten Kunstwerke gegen- lich steht der reife künstlerische Kritiker über dem an- über irgend welche Schranke gesteckt werden darf, es gehenden Kunstjünger, vom Kunstdilettanten hier ganz sei denn die, daß sie sich ihrer Subjektivität bewußt zu schweigen. Auch die Wessensunterschiede zwischen bleiben und danach ihren Ton finden muß, so wenig schaffender und wiedergebender oder ausübender Kunst |ollte die Gelegenheitskritik immer gleich mit fertigen 1 A 4
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