Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

n 1 'rtu Standpunkt. Wenn wir Gelder bewilligen sollen, gleichviel wie hoch die Summe ist, fragen wir, wozu dieses Geld verwandt werden soll und was dort in der Schule geschieht. Das nehmen wir als unser gutes Recht für uns in Anspruch, und wir lassen es uns von Herrn Dr. Benda nicht nehmen. Dann sagte Herr Dr. Ziehl, er könne es ganz gut einsehen. Er komme in viele Hausstände, in welchen die Frau früher als Dienstmädchen gedient hätte oder in eine Fabrik gegangen wäre. Es mag sein, daß Herr Dr. Ziehl ein derartiges Auffassungsvermögen besitzt und das beurteilen kann. Ich weiß aber soviel, daß Mädchen, die früher leider gezwungen waren, in eine Fabrik zu gehen, sehr gute Hausmütter geworden sind. Jch verwahre mich dagegen, daß ich gesagt habe, daß in der Schule die Dienstmädchen ausge- bildet werden und davon in einem wegwerfenden Tone über Dienstmädchen gesprochen hätte. Ich weiß und gebe es zu bedenken, daß es noch andere Berufsstände gibt, wozu ein Vater seine Kinder gern erziehen lassen möchte. Herr Hempel meinte, er hätte heute ein anderes Bild von uns bekommen wie in der ersten Sizung. Das macht recht sein. Wir geben uns so, wie wir sind und richten unsere Stellungnahme nach den Vorlagen ein. Er führte weiter aus, daß mit den Kindern schwer auszukommen sei, weil sie bereits Zeitungen läsen. Wir freuen uns darüber, daß die Jungen heute schon eine Zeitung zur Hand nehmen. Was sie bei uns zu lesen bekommen,'ist Wahrheit. (Lebhafter Widerspruch.) Ich habe drei Kinder in der Schule, und alle drei sind acht Tage lang jeden Tag nach Hause gekommen und haben gesagt: Heute hat unser Fräulein gesagt, es stände in der Zeitung, daß es am 21. Januar Krieg gäbe. Meine Alteste ist am 22. Januar nach Hause gekommen und hat erzählt, es fänden drei Volksversammlungen statt, und sie dürften abends nach 6 Uhr nicht ausgehen, weil es hier dann Krieg gäbe. Das hat jedenfalls Herr Hempel auch gewußt, wenn ich auch nicht weiß, ob es an seiner Schule geschehen ist. Aber in einem Teil der Schulen hat man die Kinder gruselig mit dem 21. und 22. Januar gemacht. Wissell: Wir müssen uns allerdings in die Tatsache finden, Herr Hempel, daß wir in Jhrer Achtung gesunken sind. Wir wissen das auch zu tragen und müssen diese Tatsache als Tatsache nehmen und mit ihr rechnen. Wir tragen aber nicht allzu schwer daran. Wir sprechen das, wie wir es meinen, und steht unsere Meinung mit der Ihrigen in Wider- spruch, so können wir es nicht ändern. Aber wenn wir unsere Meinung aussprechen, sagen Sie nicht bitte, daß wir irgend etwas dem Volke verunglimpfen D4 .- wollen. Sie haben vielleicht das Gefühl, daß dem Volke etwas verunglimpft wird, das ist Ihre Über- zeugung. Aber eine Verunglimpfung setzt voraus, daß man gegen seine Überzeugung irgendeinem etwas verekeln wollte. Verunglimpfen hat einen häßlichen Nebengeschmack. Sie können sagen, wir raubten dem Volke das Glück. Wenn Sie aber von Verunglimpfen reden, und das Wort ist gesprochen, denn es ist sofort notiert, liegt darin für uns etwas Verletendes, und das möchten wir zurückweisen. Wir machen es so, daß wir uns über jeden Punkt der Tagesordnung genau und eingehend zu informieren suchen, und so bin ich aus Anlaß dieser Vorlage zu dem Vorsteher der Jenischschen Freischule gewesen und habe zu ihm gesagt: Herr Vorsteher, in dem Verzeichnis der Lübecker Wohltätigkeitsanstalten, das 1901 heraus- gegeben ist, steht, die Mädchen sollten in ihrer Schule zu Dienstboten erzogen werden, stimmt das noch? Da hat mir der Herr Vorsteher gesagt, das Ziel der Schule decke sich in jeder Weise mit dem der Volksschule. Früher einmal sei das das Ziel der Schule gewesen. Es sei eine alte Dame dagewesen, die bettlägerig war und die in ihrem Hause die Kinder in Verbindung mit Hausarbeit erzogen habe. Die alte Dame habe diese ihre Tätigkeit so lieb gehabt, daß sie testamentarisch das auch für die Zu- kunft festgelegt habe; aber, so sagte mir der Vor- steher, man hätte sich den Zeitverhältnissen angepaßt, und die Schule habe sich nach Lage der Dinge weiter entwickelt. Das hat mein Freund, Herr Pape fragen wollen, warum das Alte denn noch in dem Verzeichnis stände. Wenn dem nicht mehr so ist, darf etwas derartiges auch nicht in ein amtliches Verzeichnis hinein. Da sagen Sie nun, nein, das, was der Vorsteher gesagt habe, stimme gar nicht einmal. So sehr wir auch die Diensstboten, die gezwungen sind, in den Dienst zu gehen und mit ihrer Hände Arbeit ihr Brot verdienen, achten und ehren, so sehr lehnen wir es ab, eine Schule zu unterstützen, die den aus- gesprochenen Zweck hat, Dienstboten zu erziehen. Wenn uns gesagt wäre, das Ziel der Schule sei dasselbe wie das der Volksschule, würden wir für diese Vorlage gestimmt haben. Unter diesen Um- ständen lehnen wir sie aber ab. Wir können das nicht ändern, wir sprechen so, wie uns der Schnabel nun einmal gewachsen ist und wie unsere Über, eugung ist. Ö ts Dr. Schön: Sollten nicht am Ende doch Mißverständnisse vorliegen? Die Sache liegt so, daß wir in dieser Schule, wie ich schon sagte, den Mädchen besonders auch diejenigen Kenntnisse geben, die für Dienstboten wünschenswert ind. Nachher aber zwingt sie niemand, Dienstboten zu
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