Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

7 42 Schulfragen dieser Art urteilen soll, darf es nicht unbeachtet lassen. î Vor dreißig Jahren wurde die Frage: Weshalb lernen wir Griechisch? – kaum gestellt. Die Not- wendigkeit galt eben als Dogma, und doch möchte ich sagen: es ist zu bedauern, daß sie damals nicht oft und dringend gestellt wurde; vielleicht würde die Frage jetzt nicht so dringend lauten, wenn sie da- mals öfter gestellt worden wäre. Denn vielfach ist von den Inhabern des Gymnasialmonopols in früheren Jahren Mißbrauch getrieben, indem die herrschende Stellung der alten Sprachen im Unterricht nicht zur Vermittlung einer allgemeinen Bildung, sondern zur Vorbildung für ein Berufsstudium verwendet wurde. Es wurden vielfach Philologen gezüchtet und es ist nur natürlich wie die Jronie der Geschichte, daß die jetzigen Vertreter des Faches für die Sünden ihrer Vorgänger büßen müssen, daß wenn früher der Kamm der Woge von der Sonne allgemeiner Gunst be- schienen weithin leuchtete, wir uns jetzt in einem Wellentale ~ vielleicht schon nicht mehr in seinem tiefsten Teil – befinden. Aber wenn die stolze Woge auch starb, ist das Meer damit doch nicht tot. Ich sprach soeben von einem Monopole. Damit meine ich die bevorrechtigte Stellung, welche das Gymnasium lange dadurch besessen hat, daß sein Reifezeugnis allein das Recht gab, allen Studien sich u widmen. Zäh und eigensinnig hat man daran festgehalten, auch als Widerspruch laut wurde; man glaubte diesen beschwichtigen zu können, indem man mancherlei ihm ursprünglich fehlende Lehrgegenstände, die große Arbeitskraft erforderten, in den Lehrplan einfügte, um den Forderungen einer neuen Zeit ge- recht zu werden. Man übersah, daß man so gegen die eigene Absicht auf den Ruin unserer Gymnasien und auf die Verachtung der klassischen Studien hin- arbeitete. Man verlangte zu viel auch von solchen Menschen, die in dem Streben nach einem bescheidenen Amt, nach einem guten Examen gewohnt waren, das Einsammeln von Kenntnissen einseitig über das Können, die Bildung des Wissens über die des Charakters zu stellen. Man wollte zu viel und ge- langte so zu Oberflächlichkeit und Uberbürdung. Ein solches Bemühen war um so verhängnisvoller, als gleichzeitig das Streben nach der Berechtigung zum einjährigen Heeresdienst den Gymnasien eine Menge Schüler zuführte, die weder körperlich noch geistig ihren Anforderungen gewachsen waren. Denn nun verdarb dieses Jagen nach unerreichbaren Zielen den Lehrern wie den Schülern und damit auch den Eltern die Freude an der Schule. Was unsere Väter aus ihrer Schulzeit berichten, sind vielfach erhebende Bilder geistiger Gemeinschaft, während unsere Zeit- genossen sich meist nur Schulanekdoten von zweifel. haftem Wert zu erzählen haben. Man erleichterte aber zugleich den eigenen Gegnern die Arbeit auf das äußerste, die mit Fug und Recht auf die mangel: haften Leistungen der Gymnasien hinweisen konnten; diese übersahen dabei freilich, daß die Schuld nicht an der Art, sondern an der Zahl der Lehrgegenstände und ihrem Betriebe lag, und waren ungerecht, in- dem sie auf die im Verhältnis zu den in Sexta aufgenommenen geringe Zahl der mit dem Reife- zeugnis entlassenen Schüler hinwiesen; denn sie ver- schwiegen oder übersahen, daß dies Verhältnis bei den Realgymnasien und Oberrealschulen noch un- aünstiger war, ja nach dem Gesseße der Auslese sogar an den Mittelschulen und Volksschulen mit ihrer schwach besuchten ersten Klasse in ähnlicher Weise sich wiederholte, obwohl hier ein Wissen ver- mittelt werden soll, dessen jeder Herr zu werden imstande sein sollte. (Fortseßung folgt.) Ein Wort über die Schülerfreikonzerte. Auch dieses Jahr hat es sich der Verein der Musikfreunde nicht nehmen lassen, die Volksschüler und -schülerinnen mit einem Freikonzert zu beglücken. Gewiß liegt dem ein humaner Gedanke zugrunde, doch möchten wir uns zu seiner Durchführung einige Worte erlauben. Wer die beiden Programme ohne den Kopf „Schüler- konzert" prüft, wird schlechterdings nicht verstehen, wie sie zu dieser Überschrift kommen. Js der Name „Beethoven“ auf einem Schülerprogramm durchaus notwendig ? Sind die Egmont- und Leonoren - Ouver- türen für Kinder verständlich, die weder das Trauer- spiel Egmont noch den Fidelio kennen, wenn man sich auch bemüht, ihnen dieses Verständnis durch einige mehr oder minder trockene Erläuterungen leichter zu machen ? Ist den Veranstaltern dieser Konzerte gar nicht zum Bewußtsein gekommen, daß wir jetzt gerade vor der schönen Weihnachtszeit stehen ? Die Hörer sind Kinder aus den ärmeren Schichten der Bevölkerung und kennen die Not des Lebens meistens aus täglicher Anschauung. Auch ihnen, den Stiefkindern des Glücks, strahlt der Stern von Bethlehem in ihre Lebensnacht hinein und läßt sie auf wenige Stunden die Sorge um das täg- liche Brot vergesssen. Warum hatte man nicht Raum für ein einziges Weihnachtslied, das so reichen Wider- hall in den kindlichen Herzen gefunden hätte? Es scheint, daß bei der Auswahl der Musikztücke die künstlerischen Rücksichten zu sehr betont, die pity gogischen dagegen wenig beachtet wurden. Oder soll auch schon die goldene Jugend über die Musik „denken lernen ? t. „ll „Wo ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen ; sagt Goethe. Wo Musik nicht in erster Linie auf da ' Gefühl wirkt, ist sie verloren, besonders bei fist E s[11 O || . . [um. ,
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