Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

7 39 Nachbarländer das Brodtener Steilufer mit seinem Gesschiebereichtum, das ist den VBotanikern das Dummersdorfer Ufer. Dieser botanische Garten Lübecks ist eine Fund- stelle zahlreicher seltener und pflanzengeographisch be- merkenswerter Pflanzen. Es sind in erster Linie Arten, die hier ihre Nordwestgrenze erreichen ~ z. B. Trifolium alpestre, Tunica prolikera, Laserpitium prutenieunm , darunter folche, die wir erst weithin im östlichen Mecklenburg wieder- finden, z. B. Vieia cassubiea und Medicago minima, dann Pflanzen, die nur wenig über Lübeck hinaus in vereinzelten Funden nachgewiesen sind – z. B. Viola hirta, Campanula persi- cifolia und Melampyrum cristatum , endlich solche, die, wie Solanum villosum, in den Nachbar- ländern fehlen und bei uns ganz unvermittelt auf- treten. Am sandigen Ufer breitet sich eine arten- reiche Salzflora aus, an den Böschungen finden wir einen Reichtum an bunten Blütenfarben, vor allem einen Rosenflor, wie er in unserem Norden selten zur Erscheinung kommt, in dem Gestrüpp den Strand. dorn an seiner landinnersten Stelle, an den quelligen Abhängen den Riesenschachtelhalm in mannshohen Exemplaren. In dem Gebüsch unterhalb des Stulper- huks finden wir das Leberblümchen, das in der Nähe hf Stadt längst ausgerottet ist, noch in großer enge. Äbgesehen von der Salzflora fehlen die genannten Pflanzen auf dem rechten Traveufer fast ganz, sie fehlen bei Gothmund und Schlutup und ebenso an dem mit Kiefern bewachsenen Mecklenburger Ufer. Nach den neuen Plänen des Herrn Oberbau- direktors ist das Ufer von Dänischburg bis Trave- münde für die Industrie bestimmt; eine Eisenbahn und eine Straße, die sog. Seelandstraße, sollen hier künftig Dänischburg mit Travemünde verbinden. Nachdem der Staat zu diesem Zweck die zur Ge- meinde Dummersdorf gehörenden Uferländereien an- gekauft hat, steht eine lange Uferstrecke der Erweiterung der lübeckischen Industrie zur Verfügung. In nicht sehr ferner Zeit wird also die unterhalb des Hoch- ofens gelegene Ufersstrecke durch umfangreiche Erdab- tragungen ihren heutigen ursprünglichen Charakter vollständig verloren haben und es wird dann auch der lezte Rest und zugleich das beste Stück der dem Travetal eigentümlichen Pflanzenwelt vernichtet Fein. So weit sollte es doch nicht kommen. Nachdem der Staat ohne Bedenken die landschaftlich hervor- ragenden Gelände von Lübeck bis Herrenwiek für Handel und Industrie, also für rein materielle Interessen, preisgegeben hat, halte ich es für seine Ehrenpflicht, einen Teil des Dummersdorfer Ufers in seinem heutigen Zustande als Naturdenkmal zu erhalten. Wenn ich diesen Gedanken hier der lübeckischen Bevölkerung, insonderheit unseren geset- gebenden Behörden gegenüber ausspreche, so stehe ich nicht allein da; ich weiß mich eins mit den Männern der Wissenschaft und mit dem großen deutschen Bunde für Heimatschusg und ich bin überzeugt, daß meine Anregungen auch in weiten Kreisen unserer Bevölkerung Zustimmung finden werden. Der Wunsch ist nicht so unbillig, wie es auf den ersten Blick scheinen möchte. Ich bin weit da- von entfernt, das ganze lange Ufer vom Hochofen bis über den Stulperhuk abwärts aus dem Rahmen des großen Industrieprojektes herausgeschnitten zu wissen; es handelt sich nur um ein kleines Uferstück, das ebenso weit von Dänischburg wie von Trave- münde entfernt ist und voraussichtlich zuletzt erst von der Jndustrie in Anspruch genommen wird; es handelt sich um den mit niedrigem Buschwerk be- deckten Uferstreifen vom Dummersort bis etwa 800 m oberhalb des Stulperhuks. Dieser Uferstreifen sFollte gewissermaßen wie eine Insel zwischen der Wasser- kante einerseits und der Uferbahn und Seelandstraße andrerseits unversehrt stehen bleiben, ohne vorge- schüttetes Land, aber nach Bedarf von Zugängen zu notwendig werdenden Landungsbrücken durchschnitten. Wie die Dinge sich dereinst hier gestalten werden, müssen wir schließlich späteren Generationen über- lassen, für die Jetztzeit würde es genügen, die Baubehörde zu veranlassen, hier jede Sand- abtragung zu unterlassen. Wenn nur diese eine Bedingung erfüllt wird, so bedarf es, um ein so eigenartiges Ufer- gelände als Naturdenkmal für lange Zeit, hoffentlich für immer zu erhalten, keines polizeilichen Schutzes. Es genügt ein Name, und dieser ist uns schon ge- geben. Nach meiner Ernennung zum Oberlehrer in Lübeck beglückwünschte mich Geheimrat Ascherson, der Altmeister unter den deutschen Pflanzen- systematikern, mit den Worten: „Sie können sich freuen, Sie finden um Lübeck eine interessante Flora, und Sie werden die Bekanntschaft eines vortrefflichen Pflanzenkenners machen." Die reiche Flora ist zum großen Teil zerstört, und Herr Bürgermeister Dr. Brehmer weilt nicht mehr unter den Lebenden. Das Andenken dieses hervorragenden Mannes können wir nicht besser ehren als durch ein Denkmal draußen in der freien Natur. Ein Stück der lübeckischen Heimat, deren botanischer Durchforschung er so viele Jahre seines Lebens gewidmet hat, sollte ihm geweiht jein. Ich kenne kein geeigneteres als das mit der eigenartigsten Flora ausgestattete linke Traveufer bei Dummersdorf. Dieses Heiligtum liegt weit entlegen und geschützt vor allzu großer Ausplünderung durch unberufene Sammler, aber uns Lübeckern nahe, denn unsere Hauptverkehrsstraße, die Trave, zieht an ihm vorüber.
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