Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

G7 1 Wenn unser Volk auch nie die erstaunlichen Leistungen im Sehen und Hören vollbringen wird, wie wir solche immer wieder in den Berichten über unsere afrikanischen Landsleute lesen, die uns besonders durch Übung von Auge und Ohr im Freien so furchtbare Gegner ge- worden sind, so wird doch der Schulkurzsichtigkeit durch nichts besser entgegengearbeitet wie durch Tum- meln im Freien, bei dem die Augen auf Entfernungen und nicht auf nahe Gegenstände eingestellt sind, wie dies in der Schule der Fall ist. „Wer etwas gelten und leisten will beim Spielen, muß gelernt haben, hemmende Zwangsvorstellungen, wie Furcht vor Un- bequemlichkeit, vor Ermüdung und Verletzung, zu unterdrücken. Mutiges Drauflosgehen, frisches Zu- greifen, festes Ausharren sind Charaktereigenschaften, zu deren Entwicklung die Bewegungsspiele anleiten und erziehen." Es hat lange gedauert, bis sich in unseren Landen der klassischen Bildung die Erkenntnis Bahn brach, daß die Schule nicht nur Gelehrte, sondern Männer heranzubilden hat; daß sie dies am besten durch die Jugendspiele tut, darüber sind sich jezt die „Gelehr- ten“ einig. Im Jahre 1902 hatten 92 % der höheren Lehranstalten Deutschlands Jugendspiele ein- geführt, auch in Lübeck haben wir sie, wenn auch am Katharineum schon seit 1881, doch nur in sehr beschränktem Umfange. Sie bestehen nur an den höheren Knabenschulen, fehlen aber an den Mädchenschulen (mit Ausnahme der Freeseschen und Vietigschen) und vor allem an den Volksschulen. Dies lag einmal an der mangelnden Beaufsichtigung und Leitung durch die ohnehin schon stark in Anspruch genommenen Lehrer. Die Kommission empfiehlt, daß den Lehrern die Teilnahme an den Spielen auf ihre Pflicht- stunden angerechnet wird. Das Haupthindernis ist aber der Mangel an Spielplätzen. Lübeck steht in einer Tabelle, die die Größe der Spielplätze im Verhältnis zur Einwohner- zahl wiedergibt, fast an letzter Stelle unter allen deutschen Städten dal Es stehen hier zurzeit nur zur Verfügung das Burgfeld, der Mühlentorbrink und der Platz südlich der alten Kaserne und selbst diese wenigen Plätze bieten erhebliche Mängel und sind vor allem zu klein. Sogleich die für die 17 000 Lübecker Schulkinder eigentlich notwendigen Plätze zu schaffen, empfiehlt die Kommission mit Recht nicht, sondern rät, schrittweise vorzugehen. Der Anfang dazu könnte mit dem vom Senat vor- geschlagenen Platze an der Geninerstraße gemacht werden, doch kann die Kommission ihn nicht empfehlen, da er durchaus nicht den Leitsäßzen entspricht, die vom Zentralausschuß für Volks. und Jugendspiele aufgestellt sind. Er ist erstens zu weit vom Mittel- punkt der Stadt entfernt und wird, wie die Erfahrung in anderen Städten gezeigt hat, nicht genügend benutzt werden. Sodann ist er an einer Straße gelegen und müßte, um brauchbar . zu werden, erst durch ein hohes und kostspieliges Gitter nach dieser zu abgeschlossen werden. Drittens liegt er in unmittelbarer Nähe der Gasanstalt, deren Rauch und unangenehme Gerüche äußerst störend wirken. Dieser Übelstand wird noch vermehrt, wenn erst die in seinem Norden geplante Anlage von Fabriken zur Ausführung gekommen ist. Endlich aber ist der Platz in seinen Höhenverhältnissen ungleich. Er soll nach der Vorlage in einzelne, verschieden hoch gelegene kleinere Pläße zerlegt werden. Dadurch ist es un- möglich, ihn ~ was notwendig ist — auch gelegent- lich in seiner ganzen Ausdehnung zu benuten: kurz, der Platz an der Geninerstraße widerspricht den Hauptanforderungen, die nach den Leitsäten an einen Spielplatz gestellt werden müssen. Ganz anders der Play bei Buniamshof, er muß als ein Idealplay bezeichnet werden, so günstig, wie man ihn selten finden wird! Denn er ist allseitig von Erhöhungen umgeben, die ihn vor Winden schüzen und die gleichzeitig, z. B. bei Wettspielen, ausreichend Plag für Tausende von Zuschauern bieten. Er ist nahe der Stadt, aber abseits vom Verkehr, von Straßen und industriellen Unternehmungen gelegen, keine Wege durchschneiden ihn. Ein Hauptvorzug aber liegt nach dem Gutachten des Oberbaurats Klette, des hervorragend- sten technischen Sachverständigen für die Anlage von Spielplätzen, darin, daß er in einer Flußniederung und sogar in deren Hochwasserbezirk liegt. Solche Strecken dürfen nicht bebaut werden und sichern den Bestand des Spielplatzes, die gelegentlichen Über- schwemmungen zu Zeiten, in denen doch nicht gespielt werden kann, sichern eine feste Grasnarbe und bieten auch noch den Vorzug, daß sie im Winter leicht zum Schlittschuhlaufen herzurichten sind. Im gegen- wärtigen Zustande ist der Play jedoch nicht zu benutzen, weil sein Untergrund zu weich ist und er erst durch Bauschutt erhöht werden muß. Wollte man diese Erhöhung schnell haben, so würde das erhebliche Kosten verursachen, mehr als die ursprünglich tersechenen tutto: tut fehlt e liche Verordnungen, die Schuttablagerung hierher zu leiten, was noch erleichtert werden wird durch die f unich.hn utrrttmzen. t tt züstüit Bahnhofplazes bevorstehen. Es soll also nach den Vorschlägen der Kommission der erwähnte Idealplay grundsätlich für einen Spielplatz bestimmt, aber erst allmählich hergerichtet werden, ein Vorschlag, der unter Berücksichtigung aller Umstände, auch der Finanzlage des Staates. wohl allgem eine Billigung finden wird
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