Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

619 kaufsrechtes für die Gemeinde, vertragliche Par- zellierungsverbote usw. unter Umständen von Nugzen sein können. Eine Gartenstadtgemeinde, die sich alle diese Vorteile zunuge zu machen weiß, wird meiues Er- achtens keinen vergeblichen Kampf gegen die Ver- teuerung des für Wohn- oder Gevwerbezwecke erforderlichen Bodens zu führen brauchen. Weiß sie dazu durch materielle und ideelle Unterstützung gemeinnüßziger Baugesellschaften, durch Preisaus- schreiben für einen geschmackvollen Wohnungsbau usw. das zu schaffende Städtebild günstig zu beein- flussen, so wird sie in der Tat vor außerordentlich verlockende Aufgaben gestellt Fein. In den für Lü be > vorgesehenen weitaus. greifenden Stadterweiterungsplänen, deren Durch- führung in der Hauptsache nicht durch private, sondern durch staatliche Initiative gesichert erscheint, steht die Ansiedelung der Industrie durchaus im Vordergrund. Das wohlverstandene lübeckische Interesse verlangt dies. Städtische Siedelungen von der landschaftlichen Schönheit, wie sie die Gartenstadtbewegung erstrebt, werden namentlich an den schmalen Ufern der Trave nicht überall möglich sein. Aber für die Förderung der Ästhetik und Hygiene des Anbaues läßt sich bei gutem Willen auch hier sehr viel leisten. Vor allem aber wird man gut tun, sich auch für die staatlichen [übeckischen Siedelungspläne den Grundgedanken der Gartenstadtbewegung zu eigen zu machen, daß eine Erfüllung aller modernen Anforderungen der Hygiene, Asthetik und Städte-. und Wohnungsbautechnik und daß vor allem auch eine wirksame und dauernde wirtschaftliche Förderung der Industrie und aller in ihr Beschäftigten nicht möglich ist ohne eine groß- zügige und planmäßige Bodenbvolitik! M. Kvédukation in der Volksschule? Sicherlich wird mancher, der den wirklich stolzen Bau der neuen Volksschule in der Vorstadt St. Jürgen betrachtet, zugleich bedauern, daß diese Schule nicht sofort als Doppelschule wie unsere anderen städtischen Volksschulen gebaut ist. Aus Sparsam- keitsgründen ist der weitere Ausbau vorläufig unter- blieben. Ein Notbehelf soll auch die Organisation der Anstalt sein, wie der Artikel des Herrn Möller in Nr. 41 der Lübeckischen Blätter selbst zugibt, und als einen Notbehelf sehe auch ich den inneren Aufbau dieser Schule an, wenn sie eine städtische Volksschule und keine Bezirksschule sein soll. Nicht aber finde ich wie Herr Möller in ihrer Organisation êinen wesentlichen Fortschritt oder gar „einen be- deutungsvollen Keim für eine Änderung unseres Volksschulwesens überhaupt.“ Daß Mädchen und Knaben auch im lübeckischen Staat gemeinsam unterrichtet werden, ist nichts Neues, geschieht es doch in allen kleineren Schulsystemen, wie z. B. in den Bezirksschulen. Herr Möller hat aber sicherlich etwas anderes im Auge, er bricht in seinem Artikel eine Lanze für die genteinsame Er- ziehung beider Geschlechter auch für unsere acht- stufigen Volksschulen. Daß der gemeinsame Unterricht von Knaben und Mädchen nach der erziehlichen Seite mancherlei Vorteile bieten kann, wenn er in der Hand eines tüchtig geschulten Lehrers liegt, ist gewiß nicht zu leugnen. Aber wo Licht ist, da ist auch Schatten, und zwar hier recht tiefer. Mag die gemeinsame Erziehung von Knaben und Mädchen in Amerika und anderen außerdeutschen Ländern Prinzip sein – ob sie es wirklich ist, ver- mag ich augenblicklich nicht zu beurteilen , ein und derselbe Leisten paßt nicht für jeden Schuh, und was für das platte Land sich ohne viel Nachteil anwenden läßt, kann auf die Großstadt mit ihren zahlreichen Verführungen gerade in sittlicher Be- ziehung nicht ohne weiteres übertragen werden. Daher achte ich die sittlichen Gefahren, die hier drohen, keineswegs gering, wenngleich von anderer Seite auch behauptet werden mag, daß gerade bei der gemeinsamen Erziehung die sittlichen Schäden wesentlich herabgestimmt werden. Ferner bieten sich nicht unerhebliche schultech- nische Schwierigkeiten bei den getmischt organisier- ten größeren Schulsystemen. Auf diese näher einzugehen, ist hier nicht der Ort. Vor allem aber will ich hier auf einen Punkt aufmerksam machen, der sich bei der gemischt orga- nisierten achtstufigen Schule gegenüber der nach dem Geschlecht getrennt aufgebauten achtstufigen Anstalt zeigen würde: die bedauerlicherweise nötige Herabsetzung der Ziele unserer städtischen Volksschulen. Wohl jeder, der mit aufmerksamem Auge die geistige Entwicklung unserer Jugend beob- Fu ereunet, tab hier Frick betet T Mädchen d mit den Knaben beim gemeinsamen Unterricht in vielen Fächern nicht gleichen Schritt halten können. Jch erwähne zum Beweise nur eins der Hauptfächer, das Rechnen. Was nach dem Lehrplan der jetzigen achtstufigen Knabenschulen in diesem Fach geleistet werden soll, kann in gemischt organisierten Anstalten nicht geleistet werden. 1- müßte hier also das Lehrziel niedriger gesteckt werden. Aber auch noch manche andere Umwälzung, die für Unterricht und Erziehung in dieser und jener Hinsicht rückschrittlich wirken müßte, würde sich ergeben. Es möge nur kurz auf einige solcher Punkte hinge- wiesen werden, in denen jetzt bei Knaben und
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