Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

DOA. erblicken also auf dem Holzschnitt gar nicht das 1479 vollendete innere Holstentor, an das wir denken müssen, wenn, wie bei Bruns, von einem „inneren Holstentor“ die Rede ist, sondern einen noch weiter ostwärts, unmittelbar am Ende der Holstenstraße, noch vor der Holstenbrücke gelegenen Torbau von 1376, außerhalb dessen später noch drei andere Tore diesen durch Dänen und Holsteiner gefährdetsten Zugang zur Stadt abzuschließen ver- mochten. An der Ecke der Königstraße und der zweiten Gasse, die nördlich von der vom Hürtertor zum „langen Haus“ führenden Hürstraße gelegen ist, also der Johannisstraße, erblickt man auffallenderweise statt des bekannten Giebelhauses unserer jetzigen Löwenapotheke einen von hoher Mauer begrenzten Garten, obwohl das stattliche Gebäude mit seinem gotischen Vorder- und seinem romanischen Hinter- giebel damals schon längst existierte, hatte doch in ihm beim Besuche Karls IV. im Jahre 1375 die Kaiserin ihren Aufenthalt genommen. Bemerkenswert sind die zahlreichen Bäume innerhalb der Stadt, z. B. am Domchor, neben dem Norderturm von St. Marien und in vielen Gärten, welch letztere die größte Ausdehnung hinter der Münze zwischen Wahm- und Hürstraße, zwischen Fleischhauer- und Johannisstraße, besonders aber zwischen Hunde- und Glockengießerstraße aufweisen. Bei der Staffage fallen außer den von Bruns hervorgehobenen Gegenständen die hohen Schiffs. masten zwischen der Engelsgrube und dem Burg-. kloster sowie die vielen Vogelschwärme und Schwäne auf; vielleicht ist auch die Neigung zum Schießen zu beachten, welche die Wagenpassanten vor und in dem Burgtor sowohl als vor dem Mühlentor ver- raten. Das Schießen als eine Betätigung von Frohsinn und Feststimmung ist bekanntlich mehr ein Charakteristikum der Oberdeutschen als der Bewohner der Wasserkante. Vielleicht ist dieser Nebenumstand ebenso wie die sichtliche Vorliebe, mit welcher die Hopfen- anpflanzungen in der Nähe des Burgtors behandelt sind, neben dem von Bruns beigebrachten Material ein Anzeichen dafür, daß unser Holzschnitt von einem Oberdeutschen, etwa einem Bewohner Mittel. frankens, vielleicht einem Nürnberger herrührt. Gerade die liebevolle Berücksichtigung der Pflanzen- und Tierwelt, derer gelegentlich der Bäume, Gärten, Hopfenanpflanzungen; der Schwäne und Vogel- schwärme gedacht wurde, ist ein Charakteristikum der Nürnberger Maler und Zeichner aus der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts. Überhaupt ist die Staffage auf unserem Holzschnitte mit solcher Liebe und Sorgfalt, so sicher, frisch und zugleich anmutend behandelt worden, daß man sich versucht fühlen könnte, ihr eine besondere Betrachtung zu widmen, namentlich auch, was den dem Nürnberger wiederum besonders vertrauten Frachtfuhrwerk. und Kahnverkehr anbelangt: lag doch Nürnberg im Mittelpunkt des deutschen Frachtverkehrs; ebenso wurde mitten in Nürnberg, jedem Stadtbewohner sichtbar, auf der Pegnitß das ehrbare Gerbereihandwerk ähnlich be- trieben, wie es auf unserm Holzschnitte seitens der Weißgerber und Lohgerber an der Wakenitz so an- ziehend dargestellt ist. Mit Recht führt Bruns als ein Anzeichen ,für einen oberdeutschen Ursprung des Werkes + die ausnahmslos hochdeutschen Bezeichnungen der be- merkenswertesten Bauten“ an, nur irrt er sich, wenn er diese Bezeichnungen als „ausnahmslos“ hinstellt. Es ist vielmehr auffällig, daß mitten unter den hochdeutschen Bezeichnungen sich der plattdeutsche Name für die Ägidienkirche vorfindet: „S. Illigen.“" Aus Sunt-Jlligen machte man in Lübeck Sun.Tilgen und noch heute kann man bei älteren Leuten für die Agidienstraße die Bezeichnung Tilgenstrat hören. In der Hoffnung, mit Hülfe dieser Bezeichnung eine Spur zu finden, die vielleicht zu genauerer Datierung führen könnte, sah Rezensent zunächst die Kosmographie Sebastian Münsters ein. Wir haben auf unserer Stadtbibliothek vier Exemplare dieser ältesten großen, deutsch und lateinisch geschriebenen Weltkunde, die verschiedenen Auflagen des 24mal neu aufgelegten Werkes entstammen: den Jahren 1572, 1576, 1598 und 1628. Das älteste stammt von 1572, ist also gleichzeitig mit unserm Holzschnitt. Allein Münster war bereits 1552 verstorben, seine Kosmographie noch 11 Jahre früher erschienen. Indessen wird Lübeck zweifellos bereits in den Auf. lagen abgebildet gewesen sein, die noch zu Lebzeiten Münsters erschienen waren, war es doch eine der berühmtesten Städte. So ist Lübeck beispielsweise in der 1493 von Koberger zu Nürnberg in lateinischer und deutscher Sprache gedruckten bilderreichen Welt- chronik des Hartmann Schedel an einer Stelle in der Art abgebildet, daß in einem Sammelbilde Lübeck neben Augsburg, Aachen und Metz .und über acht Städten minderen Ranges angeordnet wird.*) Das Stadtbild in der Kosmographie von 1572 trägt nun aber einen merklich älteren Charakter als das auf unserem Holzschnitt, der ihm doch gleichzeitig ist, so daß wir schon aus diesem Umstande folgern dürfen: das Lübecker Bild in der Kosmographie von 1572 ist den ältesten Auflagen des Werkes entnommen . *) Vgl. Keune, die ältesten Stadtbilder von Mey und Trier, im Jahrbuch der Gesellschaft für lothringische Geschichte . Altertumskunde, "Vand 17, s. hätte, "S. 186-220,
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