Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

553 St. Marien. Hier erblickt man zwei prächtige Fassaden, die schon mehr die Formen der Renaissance ils. die der Gotik zu verraten scheinen. Nach Brehmers bekanuten Ausführungen*) müssen diese beiden dem Plane nach östlich von der Wehde ge- [egeneu Luxusbauten etwa den Häusern entsprechen, in deren einem die Bürgermeister Warendorp und Pleskow gewohnt haben, in deren zweitem später der Ratsherr Heinrich v. Brokes sein Heim hatte. An dritter Stelle sei auf die beiden Häuser zwischen den Türmen von St. Jakobi und vom Heil. Geist hingewiesen, die durch den Turm von St. Clemens getrennt werden. Diese beiden Häuser fallen durch ihre Breite, mehr noch durch ihre Höhe auf: an den ersten, durch drei Türme gegliederten Hausbau erinnern die großen Speicher, die zu Hamburg im Freihafengebiet am Brooktor vor wenigen Jahrzehnten erbaut worden sind. An das alte Hamburg dagegen erinnern die drei schönen Kronen um die Dachreiter von St. Petri, St. Marien und den Turm von St. Petri. In Hamburg trägt der malerische, kupfergedecktte, schlanke Turm von St. Kathrinen an ähnlicher Stelle wie in Lübeck St. Petri eine stark vergoldete, überaus zierlich geformte Krone, von der die Sage geht, sie sei aus dem puren Golde gefertigt worden, welches die Hamburger bei der Gefangennahme Störtebeckers erbeutet hätten. Noch an einer vierten Stelle ist die Haus- architektur besonderer Beachtung wert: an der west- lichen Seite der Königstraße unmittelbar vor St. Jakobi. Von den dort abgebildeten fünf Häusern weist das südlichste, das mit dem Erker, einen be- sonders zierlich ausgebildeten Blendenschmuck auf, wie er sich in dieser Art in ganz Lübeck nicht wieder- findet, wohl aber in Lüneburg, namentlich aber in Pommern, z. B. in Stargard. § Beachtenswert erscheint ferner die Ähnlichkeit der Torbauten untereinander. Es entsprechen sich zunächst das äußere Mühlen. und das jetzige Holstentor: zwei gewaltige, durch einen Mitteltrakt verbundene, vor- springende Rundtürme, deren Hauptschmuck reich aus- gebildete Terrakotten bilden. Der Mittelbau enthält in beiden Fällen das eigentliche Tor und wird durch einen Treppengiebel gekrönt, der bei beiden Toren verschieden sein muß, da das Mühlentor etwa s0 Jahre jünger ist als das Holstentor und gerade in dieser Zwischenzeit der gotische Stil durch die Renaissance verdrängt wurde. + Ebenso entsprachen sich das heutiae Burator und der eigentliche Schutzbau des im *) Wilh. Brehmer, Lübeckische Häusernamen, nebst Bei: ) per "etzite ~ iztetyet hävter & vue Heft 4, S. 58 1891. übrigen unbedeutenden Hüttertores, der Absalonsturm sowie etwa noch der sogenannte Hexenturm an der Nordwestecke der Stadtmauer. Diesen drei Türmen ist nicht nur die außerordentlich große Zahl der Fensteröffnungen, sondern sind auch deren große Dimensionen, namentlich ihre erhebliche Höhe, ferner das Charakteristikum eigen, daß je zwei dieser hohen Fenster durch einen Rund- oder Spitzbogen gekuppelt sind. Alle drei Türme sind viereckig und entsprechen in sämtlichen, soeben hervorgehobenen Einzelheiten dem Stil aller Lübecker Kirchtürme, wie sie auf unserm Holzschnitte dargestellt sind, etwa mit Aus- nahme der Domtürme. ~ Der mittlere Burgtorturm wiederum erinnert in Form und Zahl seiner ganz anders gestalteten, niedrigen, aber breiten, unge- gliederten, gedrungenen Fensteröffnungen an die beiden Wassertürme vor dem Hüxtertor. Vom Holstentor erblicken wir nach Bruns nur „das lediglich aus diesem Holzschnitt bekannte innere Holstentor.“ Hier wirkt die Kürze der Brunsschen Erläuterungen verwirrend. Der Holz- schnitt stammt aus den Jahren 1551-1572. Da damals aber schon längst der jetzige Bau des inneren Holsstentores bestand, der doch ein ganz andres Gebäude zur Erscheinung bringt, als unser Holzschnitt, so versteht der Leser weder das ihm auf dem Holzschnitt entgegentretende Bild, noch viel weniger die zitierte Erläuterung. In dem von der Geographischen Gesellschaft 1890 herausgegebenen Werke über Lübeck (S. 172) findet sich die Angabe: „Das innere jetzt noch vorhandene Tor entstammt den Jahren 1469-1476." Lenz irrt sich wohl, denn einige Jahre später gibt ein Kenner wie Wehr- imann*) einen abweichenden Anfangs- und Schluß- termin an: „In den Jahren 1466-1479 ist das Holstentor gebaut." War aber das innere, also jetzige Holstentor schon 1466-1479 erbaut worden, so kann uns nicht in einem hundert Jahre jüngeren Holzschnitt ein völlig abweichendes Bild desselben gegeben werden, das „lediglich aus diesem Holz- schnitt bekannt ist.! Der scheinbare Widerspruch hätte durch einen Hinweis auf Brehmers Darlegungen gelöst werden können. Brehmer**) weist aus Detmar nach, daß der von Bruns erwähnte Inunenbau des Holstentores aus dem Jahre 1376 stammt: „In deme sulven jare do wart gebuwet dat Holsten dore nye“ und fügt hinzu: „Es wird dieses das am rechtsseitigen Ufer belegene gewesen sein.“ Wir *) Karl Wehrmann, Die Mauern und Tore Lübecks, Vortrag, gehalten am 7. November 1893 i. d. Gemeinnützigen Gesqushaft Hiitr. d. V. f. L. G. u. A., Band VIII, **) Wilh. Brehmer, Die Befestigungswerke Lübecks, i. d. gtschr. d. V. f. L. G. u. A. VII, S. 368, 1898.
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.