Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

458 körperlicher Leiden den Eindruck eines alten Mannes. Trotzdem flößte er durch seine ganze Persönlichkeit und sein würdevolles gemessenes Wesen allgemein Achtung ein. Der leitende Grundsatz für seine amt- liche Tätigkeit war ihm: die Schule ist die wesent- liche Erweiterung und notwendige Ergänzung der Familie; und daraus ergab sich ihm die Stellung des Lehrers zu den Schülern, die er einmal dahin präzisierte: „Der Lehrer ist dem Schüler Vater und Mutter in einer Person.“ Es war deshalb sein Bestreben, jedem einzelnen Schüler, auch aus den Klassen, in denen er nicht unterrichtete, nahe zu treten, er liebte es, auch schon die jüngeren zu be- obachten, und aus ihrem Aussehen und Verhalten Schlüsse auf ihr Inneres zu ziehen. In Prima und Sekunda kam er häufig schon vor Beginn des Unterrichts in das Klassenzimmer, setzte sich auf das Katheder und beobachtete von da aus die bereits An- wesenden und Ankommenden, rief auch wohl den einen oder anderen zu einer kurzen Unterhaltung heran. „Seiner Auffassung und Beobachtung – so heißt es in der erwähnten Biographie – kam ein Talent zustatten, welches er mit Vorliebe in sich ausgebildet hatte: ein feiner Sinn für physiogno- L ww . [! Rur er. haltung und .bewegung, Sprache und Ausdrucksweise, kurz die ganze äußere Erscheinung jedes Menschen, mit dem er zusammentraf, aufs genaueste wahrzu- z und seine psychologischen Schlüsse daraus zu ziehen.“ Ein zweites, was mit jener Auffassung des Lehrerberufes zusammenhing, war seine Abneigung gegen alle äußeren Maßregeln der Disziplin. „Er war ein Feind des bloßen Verbietens und Repri- mierens, wo nicht auch ein Belebendes an die Stelle Rt . qUs. was ret ohh rv: riner Polizeikontrolle Verwandtschaft hatte, war ihm in der Seele zuwider. Er hatte seine Freude daran, der Jugend, soweit nur irgend möglich, eine freie und fröhliche Bewegung zu gestatten.“ Bezeichnend dafür ist unter anderem, daß das Tor, welches von der Straße auf den Schulhof führte, keine Türflügel hatte, so daß in den Pausen ein ungehinderter Ver- kehr der Schüler mit der Außenwelt stattfinden konnte. Es lag ihm daran, nicht nur belehrend, sondern vor allem erziehend auf seine Schüler ein- zuwirken, sie zu sittlich tüchtigen, selbständigen Per- sönlichkeiten heranzubilden, die Selbstzucht übten, und nicht aus Zwang, sondern freiwillig ihre Pflicht erfüllten. Troß der größeren Freiheit herrschte doch zute Ordnung, „denn der Direktor genoß + so chrieb einer seiner früheren Schüler – jederzeit bei seinen Schülern eines ungemeinen Ansehens, von den Besseren ward er verehrt und geliebt, von den Schwächeren gefürchtet, von allen hochgeachtet, nicht leicht hätte jemand sich unziemlichen Widerspruch oder Ungehorsam erlaubt.“ Als Beweis dafür diene folgendes: Das Jahr 1848 hatte auf allen Ge- bieten Änderungen hervorgerufen, auch auf dem der Kleidertracht. Während bis dahin alle erwachsenen männlichen Personen Röcke mit langen Schößen trugen, kamen nun die kurzen Jaketts in die Mode, die vielfach, besonders bei der älteren Generation, Anstoß erregten. Eines Nachmittags kam ein Pri- maner — es war einer der auswärtigen Adeligen, welche damals ziemlich zahlreich das Katharineum besuchten ~ in die Klasse in einem Jackett, das allerdings ganz besonders kurz geraten war. Der Direktor, der bereits auf dem Katheder saß, rief ihn beim Namen und sagte: „Gehen Sie nach Hause und ziehen Sie sich einen anständigen Rock an." Der Angeredete drehte sofort um, und kehrte nach kurzer Zeit in einem langen Rock zurück. Professor Classen, damals im besten Mannes- alter stehend, war von sprudelnder Lebhaftigkeit, großer Milde, Freundlichkeit, und Liebenswürdigkeit. Die drei Fächer, griechische Sprache und Literatur, deutsche Sprache und Literatur, und Geschichte be- herrschte er in geradezu meissterhafter Weise; so gründliche, geistvolle, und in der Form ansprechende Geschichtsvorträge, wie er sie uns in Prima hielt, werden auch auf Universitäten nur vereinzelt geboten. Sowohl der Direktor wie Professor Classen ge- hörten nicht zu denjenigen Philologen, welche die Erörterung der Lesarten und Konjekturen für das wichtigste bei der Lektüre der alten Schriftsteller halten, sie sahen es vielmehr als ihre Aufgabe an, die Schüler in den Geist der Sprache und das Ver- ständnis des Schriftstellers einzuführen, und das Gelesene für sie nußbringend zu machen. Auch von Classen galt, was ein früherer Schüler später von Jacob schrieb: „Sein Hauptstreben richtete er bei seinem Unterrichte darauf, nicht nur eine wissen- schaftliche Belehrung seiner Schüler, sondern zugleich eine moralische Veredelung ihres Geistes durch die Beschöftigutg mit dem lklassischen Altertume zu erzielen.“ ] be Sommerhalbjahr 1852 hielt der Direktor tr C zvutra Uu th): Hortige gte! Religionen.“ In einem derselben sprach er auch von den Hünengräbern und regte dabei an, einmal Lr 3 ~Ä E GRE 6 Uhr wanderten der Direktor, Professor Classen, Professor Deecke, und Kollaborator Mantels mit
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.