Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

4.5 7 Talg hinunterlief, so daß sich auf dem Tisch am Fuße des Leuchters ein kleiner Talgberg bildete. Eine besondere Einrichtung auf dem Katharineum waren die „Bücherdurchsichten." Halbjährlich, am letzten Sonnabend vor dem Beginn der Oster- und Michaelisferien mußten die Schüler ihre sämt- lichen Schulbücher, sowohl die gedruckten wie die geschriebenen, je ihrem Klassenlehrer vorlegen, welcher sie in bezug auf Ordnung, Reinlichkeit, Handschrift usw. prüfte. In den Tagen vorher wurde deshalb fleißig mit Radiermesser, Gummi, Plätteisen, Näh- nadel und Zwirn, Kleister usw. gearbeitet, um Tinten- flecle und „Eselsohren“ zu entfernen, neue Umschläge anzubringen und alles in guten Stand zu seten. Zeugnisse wurden dreimal im Jahre erteilt: Ostern, Michaelis, und Weihnachten. Sie sprachen sich aus über Betragen, Aufmerksamkeit, Fleiß, Fort- schritte. Das Gesamtresultat fand seinen Ausdruck in einer Nummer, deren fünf erteilt wurden. Nr. 1 bedeutete: Allgemeines Lob; Nr. 2: Mehr Lob als Tadel; Nr. 3: Lob und Tadel gleich; Nr. 4: Mehr Tadel als Lob; Nr. 5: Allgemeiner Tadel. Die regelmäßige Feier eines Schulfestes hatte Direktor Jacob gleich nach seinem Amtsantritt, im Jahre 1882, angeordnet. Sie fand in Schwartau im Riesebusch statt. Bis zum Jahre 1848 gingen die Klassen einzeln zum Burgtor hinaus über die Schneiderfähre. Zuerst im Sommer 1848 zogen sie in gemeinschaftlichem Zuge, ein Musikkorps an der Spitze, jede Klasse mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne durch die Stadt zum Holstentore hinaus. Be- sonderes Vergnügen gewährte es uns, daß beim Passieren der Wachen, der Rathauswache in der Breitenstraße und der Holsstentorwache gleich außer- halb der Puppenbrücke, die Wachmannschaften heraus- gerufen wurden, und Gewehr beim Fuß, der Posten vor dem Schilderhause mit angezogenem Gewehr da- standen, bis wir vorübergezogen waren. Es war das keine Ehrenbezeugung, sondern eine Sicherungs- maßregel, die in den Instruktionen für den Wach- dienst allgemein beim Herannahen größerer Menschen- mengen vorgeschrieben war. – In Schwartau wurde des Vormittags im Walde „Räuber und Soldat“ gespielt, des Nachmittags schossen die Schüler jeder Klasse für sich mit Flitbbögen nach Vögeln oder Scheiben. Sowohl der Hin- wie der Rückweg wurden zu Fuß im Zuge zurückgelegt. Eine Einrichtung, welche mit der Schule nur örtlich in Verbindung stand, aber für nicht wenige Schüler Interesse hatte, waren die Bücher- auktionen, welche jährlich zwei- bis dreimal mehrere Tage, mitunter auch wochenlang, von 10-~1 Uhr durch einen amtlich bestellten Bücherauktionator in dem im Umgange des Katharineums gelegenen vormaligen „Auditorium“ gehalten wurden. In der vormittägigen Pause und nach Schluß des Unter- richts pflegten sie sich zahlreich dort einzufinden und am Bieten zu beteiligen, und mancher hat sich dort hilig brauchbare aber auch unnötige Bücher er- tanden. ] Ostern 1848 wurde ich nach Tertia versezt. Die politischen Ereignisse des Jahres übten insofern eine Einwirkung auch auf die Schule aus, als, nachdem am 1. Juli der lübeckische Abgeordnete zur deutschen Nationalversammlung sein Mandat niedergelegt hatte, der für ihn erwählte Ersagmann Professor Dr. Deecke an seine Stelle trat, und nach Frankfurt a. M. ging. Bei der Regelung der Vertretung desselben in seinem Amte am Katharineum übernahm Dr. Emanuel Geibel unter anderem auch den Unterricht im Deutschen in IIa. Ich erinnere aus demselben aber nichts weiter, als daß wir Gedichte deklamierten, die er dann durchsprach, und daß, als einmal ein Schüler eines von seinen, Geibels, Gedichten dekla- mierte, ohne Zweifel in der Annahme, daß der Dichter selbst es am besten werde erklären können, dieser das nicht tat, sondern sagte: „Ich möchte Sie bitten, keines von meinen Gedichten zu nehmen." In demselben Jahre, aber unabhängig von den politischen Ereignissen wurde der später durch seine Lehrbücher weltbekannt gewordene Dr. Plöt als Lehrer der französischen Sprache am Katharineum angestellt. Von dem sprachlichen Teile seines Unter- richts konnten wir zunächst nicht den erwünschten Nuyten haben, weil uns die erforderlichen Grundlagen fehlten, dagegen erwies sich derselbe nach anderen Seiten hin als nugbringend. Dr. Plöt war ein außerordentlich vielseitiger, kenntnisreicher, und prak- tischer Mann, und mit der Lebendigkeit und Sicher- heit des geborenen Berliners verstand er es, seinen Unterricht interessant, anregend, und lehrreich zu ge- stalten. Leider wurde ihm hier nicht eine Stellung gegeben wie er sie wünschte, und so folgte er bereits zu Ostern 1852 einem Rufe als Professor an das französische Gymnasium in Berlin, wo er wissen- [§pftüher Unterricht in französischer Sprache zu erteilen hatte. : î Ostern 1850 kam ich nach Sekunda und genoß nun hier und in Prima den Unterricht der beiden Männer, welche unbedingt zu den bedeutendsten Gymnasßiallehrern nicht nur Lübecks, sondern Deutsch- lets gehören: des Direktor Jacob und Professor assen. Direktor Jacob + eine eingehende Charakteristik desselben und Darstellung seines Wirkens sindet sich in der 1855 von Direktor Classen herausgegebenen Biographie – war damals erst 58 Jahre alt, machte aber infolge schwerer Lebensschicksale und
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