Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

355 Die Novizen leisten das Gelübde der Keuschheit und des Gehorsams, nicht aber, wie sonsst vielfach, das der Armut, bleiben also vermögensfähig und sind deshalb steuerpflichtig. Die Leitung liegt in den Händen einer Meisterin und zweier bürgerlicher Vorsteher. Letztere verwalten das Vermögen der Anstalt. Der Meisterin, die zur Annahme der Wahl verpflichtet ist, steht die Aufsicht zu. Sie hat die Hausschlüssel zu verwahren, die Schwestern zu guten Sitten anzuhalten und Unziemendes zu bestrafen. Die Schwestern schulden ihr Gehorsam. Sie be- dürfen ihrer Erlaubnis, wenn sie ausgehen wollen. Keine soll „sunder kumpan“ ausgehen. Die Be- gleiterin wird von der Meisterin ausgewählt ; sie soll „der jungen ene olde’ mitgeben. Auch Kranken- besuche sollen nur mit Wissen der Meisterin und zu zweien gemacht werden. Keine Begine darf sich solo auf der Straße blicken lassen. Abends um 7 Uhr, Fasstnachtsabend schon um 4 Uhr, wird der Konvent geschlossen; längeres oder völliges Aus- bleiben ist den Schwestern nur mit Erlaubnis der Meisterin gestattet. Ihren Besuch können sie bis 9 Uhr bei sich behalten. Bricht eine Schwester ihr Gelübde, so wird sie ausgeschlossen, ebenso, wenn sie stiehlt, die Meisterin verhöhnt und einer Schwester übles nachredet. FJn allen diesen Fällen verfällt das von ihr Eingebrachte dem Konvent. Ausgetretene wie Ausgestoßene dürfen die Tracht nicht weiter tragen. Den Schwestern ist weiterer Verkehr mit ihnen verboten. Besondere religiöse Pflichten, Gebets- pflichten, hatten sie nicht, mußten jedoch Liebeswerke verrichten, Kranke besuchen und pflegen. Ihre Tracht bestand aus einem Gewand von braunem, schwarzem oder blauem Wollstoff, einer weißleinenen Kapuze und einem weißen Schleier, über die beim Ausgehen noch ein schwarzes Wolltuch geschlagen wurde. Der Konvent gab ihnen freie oder doch überaus billige Wohnung, Holz, Kohlen, Licht und Wäsche, je nach seinen Mitteln. Die Wohnung bestand in der Regel aus einer gemeinsamen Wohnstube und be- sonderen Schlafkammern. Reichte das Einkommen des Hauses nicht zur vollen Unterhaltung aller aus, so wurde die fehlende Summe durch Arbeit, besonders Leinenweberei, verdient oder aus den privaten Ver- mögen bestritten oder durch letztwillige Zuwendungen (jeder Begine einen Schilling) gedectt. So viel von den Beginenhäusern. Sie sind später stark entartet und durch die Reformation beseitigt oder in Armen- häuser verwandelt. Nur in Belgien haben sie sich bis heute erhalten. Ludwig Richter erzählt in seiner Selbstbiographie, er habe 1849 zu Brügge einige Beginen in ihrer eigentümlichen Klostertracht ge- sehen. 1896 gab es nur noch 15 Höfe mit 1230 Insassen. (Schluß folgt.) Jahresbericht des evangelischen Vereinshauses für 1905, erstattet in der Versammlung des Verwaltungsrats am 28. Februar 1906 von Senior D. Ranke. , Herberget gernel“ Diese Mahnung des Apostels Paulus wurde in der Gründungszeit der christlichen Kirche treulich befolgt. Vornehmlich war das der Fall, als in den Tagen der Bekenner und Märtyrer so viele Christen sich gezwungen sahen, ihre Heimat zu verlassen. Wo hätten die armen Heimatlosen bleiben sollen, wenn nicht da und dort Glaubensgenossen bereit gewesen wären, ihre Herzen und ihre Häuser für sie aufzutun? „Herberget gerne!“ Von Anfang an war es einer der hauptsächlichsten Zwecke unseres Vereinshauses, durchreisenden Fremden einen stillen und traulichen Aufenthaltsort zu bieten. Je und je hat man sich bemüht, diese Aufgabe zu erfüllen und die Gäste fühlen zu lassen, daß sie willkommen seien. Es ist das auch im Lause der Jahre von allen oder doch von fast allen, die bei uns gewohnt haben, dankbar anerkannt worden. Und doch, eine Erinnerung an die großen Zeiten der Kirche ist dabei wohl bis vor kurzem noch niemandem gekommen. Im Jahre 1905 wurde es anders. Die blutigen Wirren in Rußland brachten das mit sich. Wer am zweiten Christtag an der Weihnachtsfeier des Kindergottes- dienstes von St. Marien teilnahm, die, wie üblich, im Saale unseres Hauses stattfand, dem bot ssich ein tiefergreifendes Bild. Da saß an der Seiten. wand neben dem Harmonium eine ehrwürdige Matrone. Sie hielt eines ihrer Enkelkinder auf dem Schoße, während drei andere sich dicht an sie drängten. Es waren deutsch.russische Flüchtlinge, die, ganz bescheiden, nur zusehen und zuhören wollten. Doch sie durften innewerden, daß man sie „gerne herberge." Helle Freude strahlte aus den Augen der Kleinen, als. sie bei der Bescherung, die den anderen galt, doch auch ihrerseits ein Büchlein und einen Kuchen empfingen. Mit warmem Händedruck dankte die Großmutter für die an sich geringfügige, ihrem Herzen aber so besonders wohltuende Auf- merksamkeit. Einer ganzen Anzahl solcher deutsch- russischen Flüchtlinge konnte während des Winters Gastfreundschaft erwiesen werden. Noch jetzt wohnen etliche unter unserem Dache. gHZeitenweise füllten sie alle verfügbaren Räume so, daß andere, die seit Jahren regelmäßig ihr Absteigquartier bei uns zu nehmen pflegten, nicht mehr unterkommen konnten. Manche von den Abgewiesenen beklagten sich darüber. Doch das darf uns die Freude nicht stören. Es ist
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