Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

323 Das Hauptpastorat von St. Jacobi. Das Haus JIakobikirchhof 5, welches seit Jahr- hunderten als Amtswohnung für den Hauptpastor der Jakobikirche gedient hat, mußte im vergangenen Winter geräumt werden. Durch ärztliche Gutachten war festgestellt, daß die Wohnung in ihrem jetzigen Zustande gesundheitsschädlich sei. Eine Beseitigung der vorhandenen Übelstände durch Umbau wurde von Sachverständigen des Baufachs für unmöglich erklärt. So konnte der Kirchenvorstand es nicht länger verantworten, die Gesundheit des Hauptpastors und seiner Familie weiterer Schädigung auszuseten. Es blieb nichts anderes übrig, als das Haus zu räumen und vorläufig eine andere Wohnung zu mieten. Was soll man aber mit dem alten Haupt- pastorat geschehen? Diese Frage harrt jetzt der Ent- scheidung. Dem Vernehmen nach hat der Vorstand der Jakobikirche die Absicht, nicht nur dies eine Haus, sondern das ganze südlich vom Jakobikirchhof gelegene Terrain, also auch die Häuser Königstraße 2, Jakobikirchhof 6 und Breitestraße 1 auf Abbruch zu verkaufen. Ein Bauunternehmer würde sich gewiß finden, der für den großen Platz einen angemessenen Preis zahlt und stattliche Neubauten aufführen läßt. Die Kirche würde dann an anderer Stelle ein oder mehrere Häuser als Wohnungen für den Hauptpastor und für die Kirchenbeamten, deren Wohnungen mit verkauft werden sollen, ankaufen müssen. Bei diesem Verkaufe der alten Grundstücke und dem, Ankauf neuer Häuser wäre wohl noch auf einen Überschuß zu rechnen, dem aber andererseits der Ausfall der jeßt aus der Vermietung des Hauses Königstraße 2 erzielten Rente gegenüberstehen würde. Dagegen aber würden die Amtswohnungen des Hauptpastors, des Küsters und des Kirchenvogts aus der nächsten Nähe der Kirche entfernt werden, was für diese selbst sowie in vielen Fällen für die Ge- meindeglieder mindestens sehr unbequem sein kann. Wenn irgend möglich sollten doch die Geistlichen fu Kirchenbeamten ganz nahe [beim Kirchengebäude wohnen. . Vor allem aber würde dem Kirchenvorstand jeg- licher Einfluß auf die zu errichtenden Neubauten und ihre Benuzung genommen. Ein Bauunter- nehmer könnte schwerlich verpflichtet werden,, dafür zu sorgen, daß die Umgebung der Kirche würdig und ruhig bleibt. Es ist nicht abzusehen, ob nicht mit der Zeit aus dieser Nachbarschaft schwere Störungen des kirchlichen Lebens entstehen können. Die vorhandenen Terrains könnten aber viel besser verwertet werden, wenn die Jakobikirche selbst den Neubau übernimmt. In unmittelbarer Nähe der Kirche können wirklich gute Amtswohnungen errichtet werden. Dem Pfarrhaus könnte z. B. ein geräumiger Fonfirmandensaal angegliedert werden. Es wäre außerdem noch genügend Play für mehrere Neubauten, die der Kirchenvorstand zu Wohnzwecken oder als Bureauräume vermieten könnte, um dadurch eine be- deutende Erhöhung seiner jährlichen Einnahme zu erzielen. Dann würde er den Gewinn aus den jetzt nicht völlig ausgenuzten wertvollen Terrains selber ziehen, anstatt ihn irgendeinem Unternehmer zu überlassen. Zugleich wären damit die Interessen der Allgemeinheit besser gewahrt. Für die künstlerische Wirkung unsrer mittelalterlichen Baudenkmäler ist eine stimmungsvolle Umgebung notwendig. Auf diese berechtigte künsilerische Forderung würde ein Privatunternehmer, dem es nur auf den eigenen Vorteil ankommt, kaum genügend Rücksicht nehmen, während dafür bei unsern Kirchenvorständen bisher noch immer volles Verständnis vorhanden war. 1130. Denn doch noch einmal das Seminar. Persönliches und Sachliches. Beiträge zur Seminarreform zu liefern habe ich mich nie anheischig gemacht. Der „große Gegenstand“, der ausschließlich meine Aufmerksamkeit erregt und mich zum Artikelschreiber, allerdings contra, gemacht hat, ist die akademische Bewegung der Bolksschullehrer. Ich schrieb jegt und hier, weil ich den angekündigten Reformplan für unser Seminar im Strome dieser Bewegung schwim- men sah. Herrn Direktor Dr. Möbusz' bündige Er- klärung, seine Seminaristen seien nicht auf den Uni- versitätsbesuch angewiesen, habe ich durchaus nicht angezweifelt. Das wäre ja auch sinnlos. Er selbst weist richtig darauf hin, daß zurzeit für das aka- demische Studium noch alle Voraussetzungen fehlen. Ich schicke für das Folgende voraus, daß ich über- haupt hinsichtlich der Auffassung und der Absichten des Urhebers unseres Reformplanes gar nichts aus- sage; ich betrachte ganz objektiv nur den Plan selbst. In meinem ersten Artikel sjuchte ich das Bild der vollentwickelten Zukunft des akademischen Volksschul- lehrers zu schildern. Im zweiten Artikel sprach ich meine Bedenken gegen die Übergangsform des Semi- nars aus, als welche ich Direktor Möbusz’ Reform- plan erkenne. Ich nehme im wesentlichen drei Seminar- verfassungen wahr: das alte Seminar, das Seminar, wie ich es aus den erwähnten Thesen mir zu denken habe, und den Reformplan unseres Seminardirektors. Das alte Seminar ist eine Fachschule; es vermittelt zwar auch eine Allgemeinbildung, bereitet aber von An- fang an theoretish und praktisch auf die Aus-
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