Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

254 Aber auch auf den Gebieten des Schau- und Lustspiels erblühten Erdmann schöne Erfolge, wie denn die Inszenierungen des feineren Lustspiels, denen er sich stets mit ganz besonderer Liebe zu widmen pflegte, Zeugnis von seiner hohen künstlerischen Intelligenz ablegten. Daß Erdmann neben seiner Tätigkeit als Theaterleiter und dramatischer Schriftstellee einzelne seiner heiteren Lustspiele eroberten sich verschiedene Bühnen ~ sich gern in den Dienst der Pflicht stellte, den Schauspielerstand im all- gemeinen zu heben, soll ihm dankbar als eine Tat angerechnet werden, die sich naturgemäß dem Urteil Außenstehender entzieht, die von den Beteiligten aber richtig gewürdigt worden ist. Eine große Reihe junger Bühnen-Talente, heute vielfach zu Ruhm und Ansgehen gelangt, verdankten Erdmann Aufnahme und Förderung. Junge Kom- ponisten und dramatische Schriftsteller klopften selten vergeblich an die Pforten der von ihm geleiteten Musenstätten. Beweis: Die große Fülle der von Erdmann, besonders als Direktor des Bremer Stadt- theaters, dessen Leitung ihm unter sehr ehrenvollen Umständen 1898 anvertraut war, gebrachten Neu- heiten auf den Gebieten der Oper und des Schauspiels. Das Bild des Verewigten wäre nicht vollständig, wenn nicht auch des segensreichen Einflusses gedacht würde, den die an Geist und Charakter ihm nahe verwandte Gefährtin seines Lebens, die auch als dramatische Schriftstellerin vorteilhaft bekannt ge- wordene Frau Selma Erdmann-Jesnitzer, eine Tochter der hier noch in bestem Andenken stehenden Schweriner Hofschauspielerin Frau Bethge-Truhn, auf ihren Gatten fort und fort ausübte. Gerade aus U: t 1:13 b: 1§§t spielers und Theaterdirektors immer wieder mit Lust und Hingebung weiter zu wandeln, so schwer auch zuweilen die sich ihm entgegenstehenden Hinder. nisse zu überwinden waren. Nun ist der unermüdlich tätig gewesene Mann heimgegangen, zu früh nicht nur für die Seinen, die schwer durch den unerwarteten Tod des Gatten und Vaters betroffen sind, sondern auch für die Kunst, deren höchste Ziele der im besten Mannes- alter Stehende nach heißem Ringen noch zu erreichen hoffen durfte. Treue hat er immerdar den ewigen Idealen gehalten, ohne welche der Künstler auf die Dauer erfolgreich nicht zu wirken vermag. Diese Treue konnte auch dann nicht verdunkelt werden, wenn das Verlangen der Menge zum Teil andere Wege zu betreten verlangte und das eigene Inter- esse + die Kunst geht nicht nur außerhalb Lübecks nach Brot + solches hin und wieder gebieterisch verlangte. Aber der „Menschheit Würde“ war bei Erdmann wohlaufgehoben, er hat sie bewahrt als ein Heiligtum; mit Erdmann hat sich hier die Kunst gehoben und der Kunstsinn mit ihr. Der Verstorbene hatte eine besondere Liebe zu der Stadt bewahrt, die durch 12 Jahre ihm und den Seinen eine zweite Heimat geworden war. Er hofîte vielleicht, in irgendeiner Form wieder in künstlerische Beziehungen zu seinem geliebten Lübeck zu gelangen, das manche Freunde unter seinen Be- wohnern barg und wo ihm mannigfache Beweise des Wohlwollens und der Anerkennung zuteil geworden waren. Ob dies zu ermöglichen gewesen, das zu erörtern, erscheint heute zwecklos. - Mit Wehmut gedenken die Freunde des Ent- schlafenen, dessen warmherzige und liebenswerte Eigenschaften als Mensch nicht über den Künstler vergessen werden sollen, seiner und seiner künstlerischen Taten und schmücken seine Aschenurne mit dem ver- dienten Lorbeer. 1016. Iahresversammlung der hiesigen Ortsgruppe des Alldentschen Verbandes. Am Montag den 23. d. M. hielt die Ortsgruppe Lübeck des Alldeutschen Verbandes ihre Jahresver- sammlung ab. Die ssatzungsgemäß ausscheidenden Vorstandsmitglieder, Herr Senator Dr. Neumann, Medizinalrat Dr. Riedel und Apotheker Pfaff, wurden wiedergewählt. Die Ersatzwahl für Herrn C. Alm fiel auf Herrn Max Schmidt. Den Kassenbericht erstattete Herr L. Haukohl; die Einnahmen und Ausgaben gleichen sich mit f 2773,23 aus. In dem Jahresberichte gab Herr Apotheker Pfaff zunächst einen kurzen Rückblick über die Tätigkeit der Ortsgruppe während der zehn Jahre ihres Bestehens; sodann berichtete er über die im verflossenen Jahre von der Ortsgruppe veranstalteten Vorträge und Sammlungen sowie über die Neuanschaffungen für die Bücherei der Ortsgruppe und über die gewährten Unterstützungen. Zum Schlusse erstattete Herr Eisen- bahndirektor Christensen einen alldeutschen Rückblick über die Ereignisse des letzten Jahres. Nachdem er kurz die Ereignisse in Ostasien und ihre Wirkungen berührt hatte, schilderte der Redner in äußerst fesseln- der Weise die Fort- und Rückschritte, welche das Deutschtum im vergangenen Jahre im Reiche, in Europa und über See gemacht hat. Ihm wurde lebhafter Beifall gespendet. An die Jahresversammlung schloß sich ein gemein- sames Abendessen, welches einen gemütlichen und an- regenden Verlauf nahm. . &
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