Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

238 welchen in dieser Zeit des Heranwachsens die größte Pflege zuteil werden muß. Die Ausdehnungsfähigkeit der Lungen ist die Hauptsache für eine gute Beschaffenheit des Blutes. Alles, was diese erhöht, muß den Kräfte- zustand des Körpers und seine Widerstandsfähigkeit heben. Wie nun jeder Mensch es an sich erproben kann, werden die Lungen am wenigsten ausgedehnt beim ruhigen Sitzen, beim Bewegen dagegen wird Ein- und Ausatmung um so größer, je rascher die Bewegung vor sich geht. Durch die größere Aus- dehnung der Lungen wird aber auch das Herz zu häufigeren, kräftigeren Stößen angeregt, als weitere Folge wird der Herzmuskel kräftiger, das Herz so- mit leistungsfähiger, wenn nicht ein Übermaß des guten (z. B. beim Wettlaufen, Wettrudern, Wett- radfahren) Überanstrengung mit all ihren Nachteilen zur Folge hat. Ohne weiteres kann man nun an dem Körper eines Menschen sehen, ob die Aus. dehnungsfähigkeit der Lungen eine genügende ist. Außer gesundem kräftigem Aussehen und blühender Gesichtsfarbe, man sagt von einem solchen Menschen, er stroßt von Gesundheit, ist sein Brustkasten gewölbt, die Rippen laufen am Brustbein im rechten Winkel zusammen, die Zwischenrippenräume sind nicht zu sehen. Einem solchen Menschen kann die Tuberkulose wenig anhaben, selbst wenn er erblich belastet ist, da müssen schon Leiden andrer Art, Ausschweifungen oder Übermaß in Alkohol und Nikotin hinzukommen, wenn er tuberkulös werden soll. Ein wirklicher Schwindsuchtskandidat aber ist der Mensch, welcher nur oberflächlich zu atmen gewohnt ist : außer blasser Gesichtsfarbe und schwächlichem Aussehen ist sein Brustkorb flach und schmal, die Rippen treffen das Brustbein im spitzen Winkel, die Zwisschenrippen- räume sind mehr oder weniger sichtbar. Bei ihm ist aber auch das Herz klein und unkräftig, infolge dessen kreist weniger Blut langsamer in seinen Adern, und dieses ist von schlechter Beschaffenheit. . Nun habe ich schon oben angeführt, daß. das jugendliche Alter weniger unter der Tuber- kulose zu leiden hat, erst jenseits des 15. Lebens- jahres beginnt diese Gefahr. Es sind eben diese Jahre, zu denen noch die bis zum 20. hinzukommen, die Jahre des Wachstums, in denen besonders Lungen und Herz eine starke Vergrößerung erfahren. In dieser Zeit also muß auch alles zur Kräftigung ge- tan werden, hier wird der Grund gelegt zu künftigem Siechtum oder Wohlbefinden. Dies sind aber die Schuljahre für alle die höheren Lehranstalten Be- suchenden, die Schul. und Lehrzeitjahre für die breite Masse des Volkes. Beweisend hierfür sind die Untersuchungen über die Häufigkeit der Tuber- kulose im deutschen Heere.*) Hiernach erkrankten von 1000 Mann, die vor dem 20. Lebensjahre eingestellt wurden, 7,8, von 1000, welche im 20.921. und 22. Jahre zur Einstellung kamen, 2,4 bezw. 4,7 und 4,8, von 1000, welche erst jenseits des 22. Jahres so kräftig befunden wurden, daß sie zum Heeresdienst tauglich waren, erkrankten aber 26,2, diese mehrfach Zurückgestellten und dann doch Elingestellten dis: ponierten am meisten zur Tuberkulose, von ihnen erkrankten 11 mal mehr, als von denen, welche schon mit dem 20. Jahre kräftig genug waren. Was muß man denn nun tun, um bei der her- anwachsenden Jugend die Ausdehnungsfähigkeit der Lungen, denn darauf kommt es ja vor allem an, möglichst zu erhöhen ? Die Antwort lautet: Alles pflegen, was die Lungen zu tiefem Einatmen und Ausatmen anregt. Das kann aber nicht geschehen im Stillsiten in mehr oder weniger begrenzten Räumen, sondern nur durch kräftige Bewegung des ganzen Körpers im Freien. Singen, Turnen, Radfahren, Rudern, Schwimmen können ja alle in dieser Richtung segensreich wirken, aber nur bis zu einen gewissen Grade. Beim Singen wird methodisch regelmäßige tiefe Ein- und Ausatmung bewirkt, allein da dies in der Schule wohl immer in oft recht überfüllten Räumen geschieht, so ist die eingesogene Luft minderwertig. . Das Turnen übt, soweit es sich nicht um Übungen im Laufen handelt, die ja wohl den ge- ringsten Teil der Turnzeit in Anspruch nehmen, im wesentlichen nur Einfluß aus auf diese oder jene Muskelgruppe, aber zu tiefem regelmäßigem Atmen regt es nicht in ausgiebigem Maße an. Allerdings könnten die Freiübungen dazu verwandt werden, in- dem bei Tempo 1 und 2 tief ein-,, bei 3 und 4 tief ausgeatmet würde; bei den Schauturnen habe ich aber nie bemerkt, daß hierauf gehalten wurde, es liegt auch wohl außerhalb des gemeinsamen Turnens. Daß Korsett und Turngürtel direkt der freien Atmung entgegenwirken, brauche ich nicht erst zu betonen, ich hoffe, daß beides, soweit es nicht schon geschehen, aus den Turnhallen bald verschwindet. Von großem Nachteil ist aber die Luft, in welcher oft geturnt wird. Sieht man sich das Turner in einer Schule oder in der Hauptturnhalle an, dann bemerkt man fast stets, am Anfang einer Turnstunde weniger, am Ende mehr, große Mengen von Staub in der Luft umherwirbeln, Staub ist aber für die Lungen ein ebenso großer Feind, wie die Bazillen n zer enree * "zicecai ‘auf dem Uubechije & angreß l: erlin A hmuc,
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.