Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

1 84 dagegen, mithin ein Disziplinargeseß auch für Lehr- fragen sehr erwünscht. Der vorliegende Entwurf des Kirchenrats fand jedoch nicht die Genehmigung der Synode. Vor allem wurde gewünscht, daß bei der Zusammensetzung des Disziplinarhofes sowohl der jedesmalige Kirchenvorsiand wie auch das Ministerium vertreten sein und daß nach dem Vorgange anderer deutscher Landeskirchen für moralische Verstöße und für Lehrvergehen zwei getrennte Disziplinarhöfe eingerichtet werden möchten. Der Entwurf wurde nach eingehender Beratung an eine Kommission von fünf Mitgliedern verwiesen. Zum Schluß hielt Herr Amtsrichter Dr. Leverkühn einen Vortrag über „Kirchliche Erwägungen über die bei dem Hochofenwerk und anderen industriellen An- lagen an der Untertrave zu erwartende Ansiedelung.“ Seine von warmem sozialen und evangelischen Ge- fühl durchdhrungenen Worte wurden mit lebhaftester Aufmerksamkeit gehört und dürften bei den wichtigen praktischen Aufgaben, die durch die Ausdehnung unserer Industrie schon sehr bald an die Kirchenbehörden herantreten werden, die höchste Berücksichtigung finden. 1130. Öffentlichkeit der Synode. Durch die hiesigen Tagesblätter ging in dieser Woche die Mitteilung, daß die Synode sich mit dem vom Kirchenrat vorgelegten Entwurf eines Disziplinar- geseßes beschäftigt habe, in dem u. a. Geistliche, die von der „reinen Lehre“ abweichen, mit Bestrafung wegen Amtsvergehens bezw. Amtsverbrechens bedroht werden. Nach einer lebhasten und langen Debatte ist diese Vorlage an eine Kommission verwiesen. Gewiß hat bei vielen unserer Mitbürger diese Mitteilung nicht nur erhebliche Bedenken gegen die beabsichtigte Überwachung unserer Geistlichen erregt, sjondern auch den Wunsch, die Motive der Antrag- steler und die Einzelheiten der Debatte kennen zu lernen. Dem regen Interesse, das jetzt höchst er- freulicherweise allen religiösen Fragen entgegengebracht wird, sollte auch die Synode Rechnung tragen und nicht mehr hinter verschlossenen Türen beraten, sondern den Gemeindemitgliedern Zutritt gewähren, wie es in Preußen geschieht, damit diese und insbesondere die Mitglieder der Bürgerschaft rechtzeitig von den Vorlagen Kenntnis bekommen und sich darüber eine Meinung bilden können. Die Öffentlichkeit der Verhandlungen, die wir als Staatsbürger vor anderen Körperschaften beanspruchen, müssen wir erst recht in kirchlichen Dingen verlangen, wo das höchste Eut des f rttesauter, die Gewissensfreiheit,, auf dem Spiele teht: [.; 1410. JA Denischer Abend. Der letzte Deutsche Abend stand unter der Leitung des Flottenvereins. Se. Magnifizenz Herr Bürger- meister Dr. Eschenburg hatte es sich nicht nehmen lassen, die Versammlung persönlich zu begrüßen, um. dann Herrn Direktor der Navigationsschule Dr. Schulze das Wort zu einem Berichte über die im Februar ab- gehaltenen kinematographischen Vorführungen zu geben. Die Veranstaltungen litten unter der ungünstigen Lage des Lokals und den gerade in jener Woche zu zahlreichen anderweitigen Darbietungen. Es ist eine Einnahme von M 999,70 erzielt, dem eine Ausgabe von ./ 482,85 gegenübersteht, so daß nur F 516,85 nach Berlin abgeführt werden konnten. Besonders wurde anerkannt der Eifer, mit dem Kameraden des Marinevereins die verschiedenen Ämter wahrgenommen und zum Gelingen des Ganzen beigetragen hatten. Darauf berichtete Exzellenz Kühne über die gerade von ihm besuchte Sitzung des Voritandes vom Lübecker Seemannsheim. Er pries die segensreiche Schöpfung, hervorgegangen aus dem Gemeinsinn unserer Mitbürger, und legte den Anwesenden ans Herz, nun auch ihrer-. seits für die Ausbreitung des guten Gedankens zu sorgen und nach Kräften auf das Seemannsheim hin- zuweisen. Herr Navigationslehrer J. Krauss nahm darauf das Wort zu einem sehr interessanten Vortrage: „Das Meer im Leben der Völker.“ Der Redner fesselte die Zuhörer bis zum Schluß seiner wohldurch- dachten Ausführungen. Wir versagen uns, jetzt auf eine kurze Inhaltsangabe einzugehen, um bei späterer Gelegenheit ausführlicher darüber zu berichten. 1856. Theater und Musik. Stadthallentheater. Frühlings luft. Operette von Reiterer. (24. März.) Schon bei Gelegenheit der ersten Aufführung der Reitererschen Operette im alten Stadttheater haben wir unseren ablehnenden Standpunkt gegen dieses in seinem Libretto frivole und geistlose Machwerk be- gründet. Daß wir recht daran taten, haben wir am Freitag bestätigt gefunden, und wir haben keine Ursache, unser Urteil irgendwie zu korrigieren. Zu loben war an der Operette die gute Aufführung, die wenigstens einige der Blödsinnigkeiten, die ein anderer den beiden Textfabrikanten vergeben möge, zu verdecken wußte. Als Dienstmädchen Hanni gastierte unsere vorjährige Soubrette Frau Seubert, die ihrer Rolle, allerdings mit mehr äußerem als innerlich empfundenen Humor, trefflich gerecht ward. Achtes Sinfoniekonzert. (17. März.) Wir besitzen von Bach im ganzen vier Orchester- suiten, von denen die dritte in D-dur besonders durch die von Wilhelmi für Violine übertragene Air bekannt
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