Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

s Schlutuper haben eine kapitalkräftige Industrie, die sich aus kleinen Anfängen zu einer blühenden Groß- industrie ausgebildet hat. Das erkennt auch die Kommission, die getagt hat, an. Die Kommission findet auch recht schöne Worte für diese Industrie, indem sie sagt: „Daß es sich dort um eine aus kleinen Anfängen erwachsene, jezt aber wertvolle und kapitalkräftige Industrie handelt, welche jede billige Rücksichtnahme und jeden notwendigen Schutz erwarten darf, konnte der Kommission nicht zweifel- haft sein." Diesen Worten folgen die Taten leider nicht. Die Kommission hat befürwortet, daß diese Knochenfabrik dort angelegt wird. Ich muß jetzt ganz kurz auf diesen Kommissions- bericht eingehen. Jhnen ist allen bekannt, daß die Schlutuper sich durch ihren Gemeindevorstand mit einer Eingabe, welche weitere 311 Unterschriften trägt, unter eingehender Begründung gegen diesen Plan ausgelassen haben. Die Kommission kommt zu andern Ergebnissen. Die Gemeinde Schlutup hatte durch Umfragen bei einer Reihe von Magistraten anderer Städte Deutsch- lands zu erkunden gesucht, welche Erfahrungen man dort mit derartigen Fabriken gemacht hätte, namentlich in bezug auf die Belästigung durch Ge- ruch. Es waren ganz objektiv gehaltene Fragen, die von dem Gemeindevorstand gestellt worden waren. Es sind eine Reihe von Antworten ein- gegangen, und durchweg lauten sie dahin, daß die Erfahrungen mit derartigen Fabriken trübe seien. Es finden Belästigungen statt. Über diese werden regelmäßig Beschwerden erhoben. Die Beschwerden führen zu Auflagen an die Fabriken. Dann werden Anderungen im Betriebe vorgenommen, durch welche die Belästigungen vermieden werden sollen. Aber das Resultat ist immer, daß die Belästigungen fort- dauern. Die Schlutuper haben dann noch ein Gut- achten von dem Verein der Fischindustriellen Deutsch- lands erhalten. Dieses Gutachten und die Aus- künfte der Magistrate haben der Kommission vor- gelegen. Die Kommission hat auch die Gutachten eingesehen, die früher in einer Oldenburger Sache von zwei Herren erstattet sind. Die Kommission folgt aber allen diesen Gutachten anscheinend nicht, denn sie meint, sie seien „mit Vorsicht" zu genießen, die Gutachter seien in den meisten Fällen parteiisch zugunsten dessen, der sie beauftragt habe. Von vornherein muß ich bedauern, daß die Kommission uns die Gutachten nicht unterbreitet hat; denn wir in der Bürgerschaft können uns ein eignes Urteil nur dann bilden, wenn wir die Unterlagen für dieses Urteil haben. Wir müssen also die Gutachten kennen. Von größter Bedeutung ist das Gutachten des Vereins der Fischindustriellen Deutschlands. Dieses prüft die Frage, wie eine derartige Knochen- fabrik unter allen Umständen wegen ihrer Nähe auf die Schlutuper Fijchindustrie wirken müsse. Die Gut- achten, die über den Geruch der Knochenfabriken von Chemikern erstattet werden, zeichnen sich immer durch großen Optimismus aus. Es heißt immer, die Sache lasse sich mit modernen Einrichtungen so machen, daß überhaupt ein belästigender Geruch nicht ent- stehe. Aber fragen Sie die Herren Gutachter, sie möchten JFhnen auch nur eine solche Fabrik in der Praxis zeigen, dann schweigen sie. Wird Ihnen aber doch eine Fabrik genannt, so wird Ihnen gleich von einer Reihe von Leuten, die unparteiisch mit der Nase ihre Erfahrungen gemacht haben, gesagt, daß die Fabrik ganz fürchterlich sstinke. Da ist es mit der Theorie in der Tat nicht weit her. Es heißt wohl, es gibt mit solchen modernen Einrichtungen versehene Fabriken, aber anführen können die Herren Ihnen nicht eine einzige Fabrik, die nicht diese üblen Gerüche verbreite. Nun zu dem Gutachten des Vereins der Fischindustriellen Deutschlands! Ich werde noch heute in der Lage sein, vielleicht schon in einer Viertelstunde, Ihnen das Gutachten, das erst ganz kürzlich eingegangen ist, im Druck mitzu- teilen. Gestatten Sie mir, daß ich über einige Punkte daraus referiere. Der Kernpunkt des Gut- achtens ist folgender: Die Fischindustrie, so wie sie in Schlutup geübt wird, bedarf vor allen Dingen frischer Luft. Der Fisch muß, bevor er geräuchert wird, lufttrocken gemacht werden, und nachdem er geräuchert ist, muß er wiederum lufttrocken abkühlen. Zwar geschieht das letttere in bedeckten Räumen, aber diese müssen doch von allen Seiten Luftzuführung haben. Nun sagt der Gutachter ~ es ist der Vorsitzende des Vereins der Fischindustriellen Deutschlands , der die Verhältnisse in Schlutup seit langen Jahren aus eigener Anschauung. kennt, der genau die Lage der Räuchereien, die Ausdehnung Schlutups und ebenso die Lage der jetzigen chemischen Düngerfabrik kennt, daß man bei der Entfernung von nur 600 bis 1000 Metern bis zum Orte bezw. zu den nächsten Räuchereien in der Tat befürchten müsse, daß die Gerüche der künftigen Knochenfabrik infolge dieser unmittelbaren Nähe zu Schlutup sich den Nahrungsmitteln mitteilten; das sei um so schlimmer, als diese Gerüche ganz anderen Ursprungs und ganz anderer Art seien als etwa diejenigen, die aus der Fabrik kommen, welche die Fischabfälle verarbeitet. Gerade fetthaltige Körper, wie Milch, Butter und in diesem Falle Fische, seien aber ganz besonders leicht geneigt, Gerüche aufzunehmen. Ferner ist darauf hingewiesen, daß in einem Zentrum von Fabriken, die verwesende Knochen und Horn ver- arbeiten, sich ein Heer von Ungeziefern bilden müsse, EL 8§6 J
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