Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

Unglückszeit angedeutet werden, für die der 6. No- vember 1806 den Anfang bildet. Und ich glaube, daß trotz der Apologie, die die französische Fremd- herrschaft in dem Munde des Herrn Vorredners ge- funden hat, die Geschichte doch nicht ganz diesen Standpunkt teilt (sehr richtig!), sondern daß die Historie heute im wesentlichen auf dem Standpunkt steht, wie er in dem Eingangssatze des Senatsdekrets zum Ausdruck gebracht iste Im übrigen habe ich auf die Ausführungen des Herrn Vorredners nur zu erwidern, daß meines Erachtens seine Gegnerschaft und die seiner politischen Freunde sich von selbst er- gibt aus ihrer von ihrem Standtpunkt durchaus ver- ständlichen Stellung zu den Kriegervereinen, speziell zu den hier genannten Vereinen (sehr richtig!). Ich brauche Ihnen zum Beweise dessen nur aus den Satzungen des Kriegervereins von 1870/71 den § 1 unter a zu verlesen. Es heißt da: ,„Der Krieger- verein bezweckt, die Liebe und Treue für Kaiser und Reich und für die Vaterstadt bei seinen Mitgliedern Phi zt aùr his sricas. sud Selbitinteit it Sinne kameradschaftlicher Treue und vaterländischer Gesinnung aufrecht zu erhalten.“ Thiele: Ich bin für den Senatsantrag, muß aber mein Bedauern darüber ausdrücken, daß die Kriegsteilnehmer, die keinem Verein angehören, keinen Vorteil haben sollen. Viele Kriegsteilnehmer sind nicht aus politischer Rücksicht, sondern aus persönlichen Gründen nicht Mitglieder der Vereine. Ich weiß, daß einer der Kriegsteilnehmer früher Vorsitzender eines Vereins gewesen ist. Er ist aber ausgetreten, weil er sich mit den Vorstandsmitgliedern erzürnt hat. Von diesen Kriegsveteranen sind doch gewiß auch viele hülfsbedürftig. Peters: Ich möchte doch einige Worte meines Vorredners Herrn Schwartz nicht so ganz unwider- rufen in die Welt hinausgehen lassen. Herr Schwartz hat die Milde der französischen Regierung betont und gesagt, daß die derzeitige Einwohnerschaft selbst die Schuld an ihrem Unglück gewesen wäre. Ja, die Geschichtskenntnis von Herrn Schwartz in Ehren, sie geht jedenfalls weit über die meinige hinaus, aber darin kann ich ihm nicht zustimmen, daß Lübeck unter der Zeit der französischen Regierung gerade Anlaß gehabt hätte, sich derselben zu freuen. Gerade, als Lübeck der französischen Regierung untertan und eine französische Stadt war, ist die Bevölkerung bis aufs Blut gebrandschatzt und die Stadt ihrer ganzen Einnahme beraubt worden; Handel und Verkehr kam total herunter, und unsere Arbeiterschaft wurde in Mengen nach Hamburg zum Schanzenbau geschleppt. Der geringe Lohn, der ihr von der französischen Re- gierung zugesagt war, wurde nicht mal ausgezahlt. Sie wären verhungert und verkommen ohne die Barmherzigkeit anderer Menschen. Wenn hinterher, nach dieser großen Not, die Einwohnerschaft sich freute, daß die Russen kamen und sie als Befreier freudig begrüßten – Herr Schwartz nannte dies wenig geschmackvoll, die Einwohner hätten vor den Russen einen Kotau gemacht – so kann das weiß Gott nicht wundernehmen. Jene traurige Zeit ver- dient wahrlich nicht, in der Weise glorifiziert zu werden, wie Herr Schwartz es soeben getan hat. Heinr. Thiel: Ich möchte heute abend auf das Gebiet der historischen Erinnerungen nicht zu weit zurückgreifen. Ich will auf die Sache selbst ein- gehen. Ich glaube heute aus der Stimmung der Bürgerschaft erkennen zu können, daß sie dem Grund- gedanken des Senatsantrages prinzipiell zustimmend gegenübersteht. Auch ich stimme darin ganz mit dem Senatsantrage überein, daß diese Summe, diese Ehrenspende, wenn ich mich so ausdrücken darf, in erster Linie zur Verteilung an die hülfsbedürftigen Veteranen in den Kriegervereinen kommen soll. Es liegt meiner Ansicht nach gar keine Möglichkeit vor, eine andere Zentralstelle als diese Vereine zu wählen, indem gleichzeitig Senat und Bürgerschaft dadurch dem Ausdruck geben, daß sie den Bestrebungen dieser Vereine, welche in dem vorhin verlesenen § 1 der Satzungen festgelegt sind, aus vollem Herzen zu- stimmen. Das ist die ethische Seite. Die praktische Seite ist die, daß es ohne Jnanspruchnahme der Vereine an einer Zentralstelle fehlt, die für die richtige Verteilung dieser Ehrengabe sorgen kann. Wollen Sie dieselbe direkt verteilen, bliebe nichts andres übrig, als etwa das Polizeiamt damit zu beauftragen. Damit würde der Ehrenspende ihr Charakter als solche geraubt, und sie würde herab- gemindert zu einer einfachen Unterstützung, und das wollen wir nicht. Insofern bin ich völlig einver- standen mit dem Antrage des Senates. Weniger aber nach einer andern Richtung hin. Ich fasse den Antrag so auf, daß diese Ehrenspende nicht den einzelnen Vereinen, auf die sie verteilt werden soll, einen Zuwachs zu ihrem Vereinsvermögen geben soll und etwa aus den Hinserträgen dieser Spende den bedürftigen Kriegern aus dem Jahre 1870/71 eine Unterstüzung zuteil werden soll, sondern ich fasse den Antrag so auf, daß mit dieser ganzen Spende von / 12 000 in diesem großen Erinnerungsjahr 1806 zu 1906 als einer einmaligen Ehrenspende den verdienten Kriegern geholfen werden soll, die das Deutsche Reich mitgeschaffen haben. It diese Auf- fassung richtig, dann kann ich mich nicht einverstandett erklären damit, was die Vorlage beabsichtigt, nämlich 536 .
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