Full text: Lübeckische Blätter. 1906 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1906 (48)

mn c HIM b 13() München z. B., durchgeführt. Dort werden sogar in den Leichenhallen auf Kosten der Stadt die Särge mit Pflanzen geschmückt, allerdings zwar — leider muß ich das sagen ~ nach Klassen. Am letzten Tage werden die Särge mit brennenden Wachslichtern umgeben. Auch in der neuen Frank: furter Begräbnisordnung ist dieses Prinzip bis zum äußersten durchgeführt. Dort übernimmt das Be- stattungswesen und das Begräbnis ganz und gar die Stadt. In Frankfurt soll nach der neuen Ordnung das Friedhofsamt gegen Zahlung einer bestimmten Gebühr, die im Durchschnitt viel nie- driger ist als hier, folgendes geleistet werden: Die Dienstleitung des Bestattungsordners, die Dienst- leistung der Leichenfrau, Lieferung des Sarges und Einsargung, die Überführung der Leiche nach dem Friedhofe, das Grab, die Benutzung der Leichenhalle und der Halle zur Abhaltung von Trauerfeiern, die Öffnung und Schließung des Grabes und endlich selbstverständlich die Einsenkung. Es kann nach der Frankfurter Bestattungsordnung verzichtet werden auf die Dienstleistung der Leichenfrau, auf die Be- schaffung des Sarges und der Einsargung und auf die Benutzung der Leichen. und Trauerhalle; nicht aber kann verzichtet werden auf die von der Stadt zu bewirkende Überführung der Leiche vom Sterbe- haus zum Friedhof. In der Begründung dieser neuen Frankfurter Ordnung wird gesagt, daß die Erweiterung der städtischen Leistungen bei der Begräbnisübernahme um so bedeutungsvoller sei, als dadurch nicht nur eine Verbilligung der jetzt allgemein so hohen und vielfachen Ausgaben gelegentlich eines Todesfalles herbeigeführt werde, sondern daß auch zugleich die Einheitlichkeit und Gleichheit der Form des Begräbnisses gefördert wird. Für die einfache Gebühr würde ein würdiges Begräbnis und ein einfacher, würdiger Sarg gewährt. Um nun ganz vollständig zu sein, will ich auch bemerken, daß der Kauf eines teuren Sarges und die Zuziehung von Leichenbegleitern freigestellt bleibt. Wenn ich dem- gegenüber die uns heute zu beschäftigende Vorlage anjehe, finde ich, daß sie den elementarsten Anfor- derungen in den beiden entscheidenden Punkten : Lie- ferung und Übernahme des Erforderlichen, Beseiti- gung der Klassen, einer freien und modernen Auf- fassungsart des Begräbnisses nicht im entferntesten irgendwie Rechnung trägt. Unsere neue Ordnung widerstreitet in jeder Beziehung allen anderen Be- gräbnisordnungen, die in neuerer Zeit erlassen sind, und sie stellt sich auf einen so veralteten Standpunkt, daß ich eine Verbesserung derselben durch Anträge kaum für möglich halte. Es ist mir undenkbar erschienen, Anträge stellen zu können, durch die die uns heute vorliegende Bestattungsordnung in der von mir dargelegten Weise, die ich für allein richtig halte, verbessert werden könnte. Es bleibt mir darum nichts anderes übrig, als folgenden Antrag zu stellen: Unter Ablehnung der Senatsvorlage ersucht die Bürgerschaft den Senat, ihr eine neue Vor- lage auf der Grundlage der Übernahme der ge- samten Totenbestattung auf die Stadt bei gleich. zeitiger Unentgeltlichkeit zu unterbreiten. Der Wortführer erklärt, daß er geschäftsord- nungsmäßig diesen Antrag als einen Widerspruch gegen die sämtlichen in der Vorlage zusammen- gefaßten Senatsanträge behandeln, demgemäß eine Abstimmung über jeden derselben vornehmen und tt e be» hot, zzett vutsgtuger. kehr werde. Senator Dr. St o o s 8 : Die Vorwürfe, die der Herr Vorredner gegen die gesamte Vorlage erhoben hat, treffen weniger den Senat als die gemeinsame Kommission, die Senat und Bürgerschaft vor einigen Jahren eingesettt haben zur Prüfung der Frage, wie das Begräbniswesen neu zu regeln sei. Ich kann aber die Vorwürfe des Herrn Vorredners nicht für begründet halten. Ich habe mir uatürlich sagen müssen, daß es schwer sein würde, eine Vorlage zu schasffen, die auch dem Herrn Vorredner und seinen Freunden genehm sein würde. Der Senat hat Ihnen eine Vorlage entgegengebracht, von der er er: wartet, daß sie der großen Mehrheit der Bürger- schaft in der Hauptsache genehm ist. Daß sie ein- zelnen nicht gefällt, können wir beklagen, aber nicht ändern; allen zu gefallen ist eben nicht möglich. Den Vorwurf, daß ein unsozialer Geist durch die Vorlage gehe, muß ich als unbegründet zurück- weisen. Die Anregung des Herrn Vorredners, dem Schweizer Vorbild nachzueifern, wird hier kaum auf Beifall stoßen. Die Durchführung dieses Gedankens des Herrn Vorredners würde der Stadt außer- ordentlich große Lasten aufbürden. Er würde sicher schon an der Kostenfrage scheitern. . Was die Klassen bei den Beerdigungen betrifit, so bestehen sie seit über 70 Jahren in Lübeck, viel- leicht noch länger. Die fünf Klassen finden Sie bereits in der Kirchhofs. und Begräbnisordnung vom Jahre 1834. Die Klassen sind bis jet so ge‘ blieben, und ich habe nie gehört, daß im allgemeinen diese Einrichtung hier Mißfallen erregt hat. sind auch, soweit mir bekannt iist, keine Anträge, oder Anregungen gekommen, in dieser Beziehung An i rungen zu treffen. Natürlich brauchen es rió] gerade fünf Klassen zu sein; man hätte auch eu andere Hahl von Klassen schaffen können. i: Wege führen eben nach Rom. Die Vorwürfe
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