Full text: Lübeckische Blätter. 1905 ; Verhandlungen der Bürgerschaft. 1905 (47)

6.14 Der große Zusammenstoß der mächtigsten Kultur- völker im Jahre 1870 hat es gezeigt, daß der Schwerpunkt der Macht sich dahin neigt, wo das Volk am meisten durchgebildet ist. Der Verlauf des jüngsten ostasiatischen Krieges bestätigt diese Er- fahrung. Das bekannte Wort: „Geld regiert die Welt“! hat eigentlich nur einen Teil seiner Wahr- heit behalten. Jeder verständige Mensch ist von der Überzeugung durchdrungen, daß eine tüchtige Bildung ein viel besser angelegtes Kapital ist als dasjenige, von dem es heißt: „Wie gewonnen, so zerronnen." Einig sind sich wohl alle über den Wert und die Macht der Bildung. Fragt man aber, was denn nun eigentlich unter Bildung verstanden wird, wer zu den Gebildeten zu rechnen ist, dann begegnet man einer solchen Menge von Auffassungen und Meinungen, daß es sehr schwer ist, sich den Weg durch dieses Labyrinth zu bahnen. Man spricht von wissenschaftlicher, ästhetischer, politischer Bildung; man unterscheidet zwischen theoretischer und prak- tischer, klassischer und moderner, ja zwischen männ- licher und weiblicher Bildung. Das sind Arten der Bildung, die ihre besonderen Grundlagen und be- stimmten Zwecke haben. Man sieht aber bald, daß man aus keiner dieser Bildungen heraus die Frage beantworten kann: Wer ist gebildet ? Diese Frage stellt sich von vornherein auf einen allgemeineren Standpunkt und sieht von jeglicher Fachbildung ab. Es gibt eine Bildung, welche die Wurzel aller jener besonderen Bildungen ist, die jeder derselben erst den rechten Wert verleiht und die eigentliche Weihe gibt; eine Bildung, die nicht die Menschen trennt in Stände und Klassen, sondern sie einigt, an der alle teilhaben, mögen sie sonst auch von noch so verschiedenen Interessen beherrscht werden. Das ist die Bildung zum Menschen. Die Frage: wer ist gebildet, gestaltet sich dann zu der andern: wer ist ein gebildeter Mensch. Wenn der französische Minister Jules Favre nach einer jener ernsten Ver- handlungen mit Bismarck bewundernd ausrief: „ein Genius ist der Mann, aber leider ein Barbar,“ so wollte er damit aussprechen, er sei ein politisches Genie, man könne aber auch trotz hoher Bedeutung ein Unmensch sein, ohne wahre menschliche Bildung. Wir erkennen den Satz, daß der Maßstab echt . ttGt:: tttmz . lde ttt, vuz tt tet Falle es dahingestellt sein lassen, auf wessen Seite der Mangel an menschlicher Bildung lag. Die menschliche Bildung hat das vor jeder anderen voraus, daß sie in jeden Kreis menschlicher Gesell- schaft eingehen kann, in die Hütte so gut wie in den Palast, daß sie jede Arbeit adelt, die höchste wie die niedrigste. Ich denke, das Vorurteil wird bald besiegt sein, daß wahre Bildung sich mit den Arbeiten der niedrigsten Volksschichten nicht vertrage Aber möchte auch das Vorurteil unter den letzteren mehr und mehr beseitigt werden, daß zu einen menschenwürdigen Dasein und zu dem Wesen wahre Bildung Reichtum und Lebensgenuß unbedingt not wendig sein müssen. Einer der reichsten Männer der Welt sprach es aus: Mein Lebenszweck ist es, tausend Millionen zu besitzen. Er erreichte seinen Zweck. Da sagte er aber nicht: Nun will ich mit meinem Besitze Gutes leisten, sondern: jetzt will ih es auf zweitausend Millionen bringen. Das ver trägt sich nicht mit wirklicher Bildung. Paulus. der Mann umfassender Gelehrsamkeit, der schärssten und tiefsten Denker, aber auch der größten Menschen freunde einer, übte am Tage seinen apostolischet Beruf aus und webte des Nachts Teppiche. Spinoza ein edler Geist, der auf die Bildung seiner Zeit einen tiefgehenden Einfluß hatte, verdiente seinet Lebensunterhalt mit Glasschleifen. Ein Sokrates war Bildhauer und Cincinnatus, der edle Römet, ward vom Pfluge an die Spitze des politijchen Lebens berufen. ö ö Wenn wir nun auch die Frage: wer ist gebildet dahin näher bestimmt haben: wer ist ein gebildete: Mensch, jo it damit doch noch nicht die scheinba! unüberwindliche Schwierigkeit aus dem Wege geräunt näher zu bestimmen, was dazu gehört, um sich zl den gebildeten Menschen rechnen zu dürfen. Die Ansichten darüber gehen weit auseinandet Die Bildungsideale sind bei den verschiedenti Völkern Europas sehr verschieden. Bei den Perjen gehörten Ehrfurcht vor den Göttern, Gehorsam gest die Eltern und Wahrhaftigkeit im Reden t! Bildung, bei den Griechen sorgfältige Pflege ! körperlichen Kraft und Schönheit, Redegabe wi Kunstverständnis. In Amerika steht der soltm Uu Mann, der es schnell zu etwas bringt, in höcst! Achtung, in England der gentleman, der it s Lage ist, seinem Sport zu leben. In Frankcei . der Gebildete der Kavalier, der in den sû h glänzende Schriftsteller und Künstler. In Deuh land galt bisher der akademisch Gebildete für ! eigentlich Gebildeten. Die Hindus und cjry dagegen suchen zu beweisen, daß ihren alten Bildu formen gegenüber der Europäer ungebildet sei. pi Ehe wir nun versuchen auseinanderzuseben jjet nötig ist, um ein gebildeter Mensch z! hs möchten wir nur noch die landläufige Weise erw in welcher man gegenwärtig von Bildung pr hört. Nach der gewöhnlichen Angicht rent u den zu den gebildeten Menschen, der die k! mi und oberen Schulen durchlaufen hät. t vrientien Grund schaftlicl Er mu heiten | wenigste eine fr gute Ur und au Eindrüc gemeink der To wählten Zeugnii dienste so geh voraus. ist es | und hö Bil Tätigk. zugleict wir sa wachs in stet mensch lichen sein, | Bild kommt wicklu; bringt Mensc fassun, ihm ei in di die U alles dem aller Stem p im ei sich c als j sich f eine ä Zussta Perss bildu; bildu Bild; zerfäl selbe)
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