Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

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Wochentlich 13nꝛal (Wochentags morgens und 
abenbs, Sonntags morgens) erscheinend. Bezugs⸗ 
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leilungen 1Mt. d. Zeile. Tabellen⸗ u. schwieriger 
Satz den Anforderungen entsprechend höher. o o 
Amtsblatt der freien und hansestadt Lübed 163. Jahrgang Nachrichten für das herzogtum Lauenburg. die 
beiblatt: Gesetz· und Verordnungsblatt Bext ermmnngend Fürstentümer Ratzeburg, Lübec und das angren 
E00000— ARan X —IAIZe8s J zende medlenburgische und holsteinische Gehiet. 
Drud und Verlag Geb ber So: chers G. m. b. 8. m Lübed. — Geschäftsstelle Abu (Konmustr. 46). Fernspre her 9000 u. 8001. 
mittwoch, den 31. Dezember 1913. 
Beilagen: Vaterstädtische Blätter. — Der Familienfreund. 
Ibhend⸗Blatt Ar. 660. 
Ausgab⸗ 
—— klingels s t Si 
3 roßen Worte und des Phra engeklingels sagen zu können: Hier 
Erstes Blatt. hierzu 2 Blatt. d Tat! Die gewaltige Ausgestaltung des deutschen Heeres 
— — — ——— —— —— ee — ijt ebenso beispiellos in der Armeegeschichte unseres neuen deut⸗ 
Umfans der hentigen Aummer 6 Seiten. hen Reiches, wie die Bereitwilligkeit des „roten Reichstages“, 
3 ie Mittel hierzu zu bewilligen, beispiellos ist in der parlamenta⸗ 
Nichtamtlicher Teil. ischen Geschichte. Diese Tat lehrt neben vielen anderen kleinen 
Inzeichen, dah ein erfreuliches Wachstum des nationalen Ge— 
ankens in unserem Volke im Werden begriffen ist, das auch 
veiterhin seine guten Früchte tragen wird. So sind die Er—⸗ 
merungsfeiern, in deren Zeichen das Jahr stand, nicht nur auf 
ie Gefuͤhlsseite zu buchen, sondern sie tragen die volitische Hoff⸗ 
rung in sich, daß das Deutsche Volk mehr und mehr die Pflicht 
rkennt, die ihm als Erbe der Helden von 1813 auferlegt ist, 
ah es sich mehr und mehr freimacht von der ihm wesens— 
remden Sucht nach Internationalismus, daß es sich besinnt, 
aß nicht die Masse jemals aufbauende Kraft besessen hat, 
ondern dah es stets die Tüchtigsten gewesen sind, die ein Volk 
ind insbesondere das unsere zu den Höhen gesührt haben, zu 
enen es gelangt ist. Von der Massenpsychose, von dem 
Vahne, daß die Quantität das Entscheidende ist, daß das Urteil 
er Masse bedeutungsvoller ist als das des Einzelnen, gilt es 
uch weiter unser Volk zu befreien. Damit es wieder „durch 
zerz und Gemüt und Wissenschaft, durch Kraft und Willen“ das 
rste Volk wird. 
Auf dem Wege zu dieser Befreiung, die in Gemüt und Ge— 
anlen im vergangenen Jahre einsetzie, liegt die Erstarkung 
zer nationalen Arbeiterschait und die Stagnation der Sozial⸗ 
emodratie Auf diesem Wege liegen die Strebungen der einen 
Zeite durch einen Schutz der Arbejtswilligen, die wirlliche Freiheit 
»es Rechtes auf Arbeit zu gewährleisten, auf der anderen Seite 
as Suchen nach neuem Agitationsmaterial, da dort das Ver— 
zlassen der alten Kampf⸗ und Schlagworte durch innere Blut— 
loligkeit mehr und mehr fühlbar wird. Die Arbeitsbosenveriche⸗ 
ung und die Art und Weise, wie die unschönen Vorgänge in 
zabern ausgebeutet werden, geben hierfür klärende Belege. 
das Recht der Kritik an der Armee wird man nirgends, als 
iuf ultrakenservativer Seite bestreiten, gerade aus dem Gedanken 
eraus, dasß wir Denische uns in Volk und Armee eins fühlen. 
der gewaltige Unterschied aber in der Kritik liegt darin, daß 
zier der Vaterlandsfreund zu bitterer Rüge genötigt ist, weil ihm 
diese Einigkeit gefährdet erscheint, der internationali— 
ierende Sozialdemokrat aber hier einen Angelpunkt findet, 
im die Kluft erst zu schaffen, die er braucht, um 
einen destrultiven Ideen zum Siege zu verhelfen. So ging denn 
auch das Mißtrauensvotum im Reichstage von verschiedenen 
tichtungen aus und besagte Verschiedenes, wenn auch in der 
jorm dasselbe, richtete sich gegen dieselbe Stelle, die, und das 
st das einzig Unerfreuliche an dem Fall Zabern, das Verschie— 
enartige der einen Kundgebung nicht zu erkennen vermag. 
zerade in einer Zeit 'aber, in der alle national Einsichtigen 
mmer mehr zu der Erkenntnis kommen, daß die Macht der 
Malie gegenüber der Freiheit des Einzelnen eingedänrmt merde 
— 
Jmuß. daß sie ebenso dazu neigt, wie der Autokratismus alles 
aber einen Kamm zu scheren, wäre gerade hier an dieser höchsten 
Spitze einer verantwortungsrollen Regierung ein Ta tmensch zu 
üͤmchen, der vielleicht auf Kosten feinfinnigster Gelehrtenhaftig- 
eit den praltischen Forderungen der Politik ein praktisches 
Berständnis entgegenbrächte. Das im Deutschen wurzelnde Ge⸗ 
ühl des Monarchischen ist lange nicht so sehr eine Utopie, wie 
ozialistisch angehauchte Wissenschaftler und Politiker aus der 
istorie zu beweisen versuchen. Der Vorgänger des Kanzlers, 
fürst Bülow, erfaßte das Wesen des Deutschen sicherer, wenn er 
n seinem Buch über die deutsche Politik, das ebenfalls zu den 
olitischen Ereignifsen des vergangenen Jahres gehört, sagt: 
Das schlimmste im politischen Leben ist die Erstarrung, die 
gemeine schwũle Windstille“, und vorher: „Die Kritik, die 
ede Politik, wenn sie nicht farblos ist, auslösen muß, ist 
ein Schade, wenn auf der anderen Seite positives Interefse 
ewedt wird.“ Und dagegen die Forderung von Bethmann 
zoUiweg nach einer Entpolitisierung des Volles! Gerade das 
rangelude Interesse der großzen Summe der Gebildeten an der 
zolilit, ja stellenweise die direkte Ablehnung des polsitischen 
ebens birgt die Gefahr in lich, dah das politische Interesse 
ind damit die tatkräftige Handhabung der Politik nur dort 
ine Heimstätte hat, wo der Mangel an Verstaändnis durch 
leberschwang an Gefuchl erfetzt wird, d. h. in der Masse der 
sirtschafflich Unzufriedenen, deren zum Teil berechtigte Wünsche 
iber den Rahmen des Wirtschaftlichen hinausgreifend das na⸗ 
ionalpolitische Leben vergiften. Man fsollte an sich meinen, 
ah sich ein noch so scharfer Kampf doch abspielen kann im 
dahren eines starken Nationalitätsbewußtseins, dieses aber wird 
nstematisch herabgedrückt, und das um so leichter, da die groß 
Schar der Gebildeten und Einsichtigen im Bürgertume dem mit 
noerantworklicher Gleichgültigkeit zusieht. Hier sind die Wurzeln 
es Keimes unseres nationalen Wochsstums, die immer oufs neue 
espeist werden müssen, hier ist der Weg. der gegangen werden 
zuh. wenn wieder die Summe der Tüchtigsten Führer werden 
oul unserem Volke, auf daß fie wieder, wie 1813, die nationale 
draft zu voller Entfaltung bringen können. Die innere 
zestigung aber ist es allein, und das richtige 
Zerhöltnis zwischen Regierung und Voll, die dem 
deutschen Reiche den Platß erobern kann. der ihm gebührt 
Die äusßere Politik des Jahres war frei von großen Ent— 
ãuschungen. war aber auch frei von großen Errungenschaften. 
nicht ohne Klugheit war die Politik, die aus den Wirrnissen 
es Balkankrieges, dessen Blutrauch zu Beginn des Jahres den 
politischen Horizont tief verdunkelt hielt und der ãußeren 
Zolitik das Gepräge gab, eine Erstarkung des Dreibundes 
rwachsen ließ und eine Zerreißung der Einkreisungspolitik König 
Eduards, eine Besserung unseres Verhältnifses zu England 
zrachte. Zieht man ferner die günstige Entwickelung unferer 
Stellung zu Rußland trotz mancher Differenzen auch infolge 
Zer Ballanereignisse in Betracht, so läßt sich auch hier ein 
ezxfreulicher. nicht unbedeutsamer Fortschritt verzeichnen. von 
Tatjana. 
Roman aus dem Leben Petersburgs 
von Hans Vecker. 
(65. Fortseßung.) Machdrucd verboten.) 
Iwan Petrowitsch hatte den Brief schnell geöffnet, und 
nachdem er gelesen, fagte er: 
„Schneller, als ich dachte, wird sich mein Schicksal entscheiden. 
Gehen Sie ruhig nach Hause, Marfa, ich verspreche Ihnen, 
Tatjang nicht zu beunruhigen, aber ich werde Wache hallen und 
Sie, Marsa, werden mich, wenn es so weit ist, unterstützen, 
daß ich das liebe Kind mein nennen darf, Bleiben Sie gesund, 
Sie werden von mir hören. Doch noch eins, wo wohnen Sie? 
Geben Sie mir Ihre Adresse.“ 
Und als Marfa ihm diese genannt. reichte er ihr die 
Hand, und die Alte ging. Unterwegs dachte sie noch einmal 
alles durch, was Nemilow zu ihr gesprochen, daß er doch 
eigentlich ein ganz vornehmer Herr sei, daß. wenn er wirklich, 
wie er gesagt, ein wichtiger Beamter würde, ihm es auch an 
Geld nicht fehlen könnte und daß sie Tatjanag dann zureden 
würde, ihn zu heiraten. 
Inzwischen haite Nemilow den Brief nochmals gelesen, dann 
machte er sich daran, fich für den Gang zu seinem Onkel 
umzukleiden. 
Um vier Uhr stand er vor dem Hause in der Troitzkaija, 
angsam stieg er die Treppe hinauf und drückte auf den Knopf 
der elektrijchen Glocle. 
Dem öffnenden Diener seine Kaste gebend, ließ er sich von 
diesem den Pelz abnehmen und folge dann, nachdem der Diener 
ihn gemeldei, auf dessen Aufforderung mit ruhigen Schritten dem 
Vorangehenden in das Kabinett. 
Ais er eintrat, glaubte er im ersten Augenblick, daß 
liemand im Zimmer, dann sah er fseinen Onkel in einem 
iefen Seisel am Kamin sitzen und ihm nun langsam das 
Gesicht zuwenden. 
Musternd richteten sich des Geheimrats Blicke auf seine 
Gestalt. Iwan Petrowitsch fühlte förmlich, wie diese Blicke 
an seinem ganzen Körper herabglitten. und wuhte auch, was 
es zu bedeuten halte 
Es galt einer Prüfung seines Aussehens und namentlich seiner 
Kleidung. 
Nun, er konnte ruhig sein, denn wenn vielleicht auch 
nicht nach der jüngsten Mode, so war er doch gut an— 
zezogen, hatte stets auf sich gehalten und war selbst bei 
einem · wenig reichlichen Einkommen immer darauf bedacht ge⸗ 
wesen, seinen ãnsßeren Menschen nicht zu vernachlässigen. 
So tral er ruhig ein paar Schritte bis zum Kamin vor 
und begrüßte den Geheimrat. n 
„Guten Tag, guten Tag,“ erwiderte dieser den Gruß und 
deutete mit der Hand nach einem zweiten in der Nähe stehenden 
Sessel, dann, als der Neffe Platz genommen: 
„Nun, was verschafft mir das Vergnügen?“ 
„Onkel, verzeih, daß ich dich belästige, ich lomme zu dir 
nit einer Bitte — nicht um Geld,“ beeilte er sich, gleich hinzu⸗ 
zusetzen, da ihm beim Sporechen einsiel, seine Worte könnten 
o gedeutet werden, „sondern um mehr. Ich will dich bitten, 
mir aus meiner jetzigen Lebensstellung herauszuhelsen, mir 
den Weg zu einem Staatsposten zu bahnen. Ich fühle mich 
inglücdlich in meiner Lage, sie ist eines Edelmannes, der ich, 
b reich oder arm. nun doch einmal bin, nicht wurdig, und! 
»onn, welche Aussichten bieten sich mir? Ohne Mittel, mir je 
in Notariat erwerben zu können. müßte ich stets ein Dienender 
leiben, ein solcher darf ein Edelmann aber nur im Staats— 
ienst, im Dienste seines Kaisers sein.“ 
Er schwieg und blickte gespannt auf seinen Onkel, der ihn 
inen Augenblick wie erschrectt ansah. Die Antwort ließ aber nicht 
ange auf sich warten, vorerst jedoch, vielleicht um noch Zeit zur 
leberlegung zu gewinnen, deutete der Geheimrat auf ein neben⸗ 
jehendes Tischchen, auf welchem sich Zigarren und Zigaretten be⸗ 
anden. Beide zündeten sich Zigaretten an. Dann begann Kon⸗ 
tantin Konstantinowitsch: 
„Mein lieber Iwan, das ist alles recht schön und gut, und 
ch will zugeben, daß deine Wünsche auch berechtigt sein mögen, 
as heißt. berechtigt dam Leben gegenüber. Aber Wünsche, ja die 
erechtigtsten Wünsche, gehen im Leben fehr oft nicht in Erfüllurg, 
ind da bdleibt dann nichts übrig, als zu resignieren. Menlschen. 
iie dies nicht tun und sich nicht in die ihnen vom Schichal 
ngewiesenen Lebensstellungen jügen wollen, find die Unzufrie— 
senen, die dem Staat Schwieriakeiten machen und die der 
Staat bedampfen muß. Ich will nicht hoffen, daß du zu diesen 
gehörst, demn es würde mir schmerzlich sein, meines Bruders 
Zohn zwischen diesen Elementen zu wissen. Ich sehe jedoch 
uuf der anderen Seite auch keine Möͤglichkeit, dein jetzt auf 
innal so stark hervortretendes Ehrgefühl unterstützen vder dir 
zelfen zu können, denn, um einen höheren Posten zu erreichen, 
muß man sich doch nach und nach heraufdienen und kann nicht 
auf einmal wie ein Kunstreiter einen Sprung nach oben mochen. 
Du bist jetzt so 25 bis 26, hast in den letzten Jahren, nach⸗ 
»em ich dir in dem Notariat die Stellung verschafft hatte. 
ne eiwas von dir hören lassen, ich hielt dich somit für 
zufrieden und muß jetzt zu meinem großen Bedauern das Ge— 
zenteil erfahren. 
Ich soll dir den Weg zu einem Staatsposten bahnen. das 
pricht lich so leicht hin, ich bin aber selbst nur ein schlichter 
geamter. der seinem Kaiser mit Treue und Fleiß gedient hat 
indd urch die Gnade seines Monarchen jetzt in seinem Alter auf 
inen höheren Posten gestellt ist. Warum hast du deine Zeit 
zersäumt und nicht vorwärts gesttebt, jetzt auf einmal bist du 
erwacht und verlangst, daß dir deine Träume, die du vielleicht 
in deinem Schlummer gehabt hast, sofort in Wirklichkeit ũberfetzt 
verden sollen. 
Nein, mein Lieber, das geht so nicht. Gesetzt auch, ich 
nerschaffte dir eine Stelle in einem unserer Ministerien. was 
dmite das für eine Stelle sein. doch wieder nur eine Position, 
ihnlich derjenigen. wie du sie jetzt einnimmst, und Jahre, viele 
Fahre mßsten hingehen, ehe du dich eine Stufe heraufarbeiten 
önntest, ja, ich weiß nicht einmal, ich kenne deine Fähigeiten 
nicht, ob du nicht auf der untersten Sprosse sitzen bleiben würdest. 
Ich sehe alfso wirklich nicht, wie ich dir helfen könnte,. ich 
zerstehe zudem nicht, was dich leitet, welche Motide du hait, 
»enn, entschuldige. die von dir angeführten Gründe, das auf 
einmal erwachte Gefühl der Standesehre, erscheinen mir, offen 
gesagt, erkünstelt.“ 
Der junge Mann hatte sich erhoben und war zu dem Sefsel 
es Onkels getreten, der ganz bverwundert zu ihm aufblichte. Tenn 
ruf dem Gesicht des Neffen stand eine tiefe Rote, die Adern an 
»en Schläfen traten stark hervor, so daß eine Erregung leicht zu 
rkeimien war
	        
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