Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

Der Skandal von Zabern. 
Die Einleitung einer „strengen Untersuchung“ wegen der 
neuesten Vorfälle in Zabern verbreitet hoffentlich rasch volle 
Klarheit darüber, ob Rechtsverletzungen erfolgt sind. Haben 
aber Rechtsverletzungen stattgefunden, so muß das deutsche 
Volk erwarten, daß sie ungesäumt und schonungslos gesühnt 
werden. Denn falls irgendwo, so stehen in Zabern Lebens— 
interessen der gesamten Nation auf dem Spiele. Die Be— 
richterstattung der Pariser Hetzvresse über die Zaberner Vorgänge 
und ihre protestlerische Ausschlachtung auf französischem Boden 
iassen deutlich erkennen, in welchem Maße jene Vorgänge dazu 
dienen, in Frankreich den Glauben hervorzurufen, daß die 
kᷣlsaß⸗Lothringer sehnsüchtig auf die Befreiung von der deut⸗ 
schen Hertschaft warten. Was solche Vorstellungen für die 
Pflege des Revanchegedankens und für die Neigung zur Eut⸗ 
fesselung eines Revanchekrieges bedeuten, springt in die Augen. 
Unter solchen Umständen kann die Prüfung der Frage, ob die 
im Anschluß an die Zaberner Vorgänge etwa verhängtem 
militärischen Strafen ausreichen, unmöglich Sache der be— 
teiligten Vorgesetzten bleiben. Es muß vielmehr im Gegensatz 
zu der vom Kriegsminister vertretenen Auffassung die Erwar⸗ 
tung ausgesprochen werden, daß der oberste Kriegsherr, selbst— 
perständlich ohne in irgendwelche formal⸗-rechtliche Befugnifsse 
einzugreifen, eine Nachprüfung der ausgesprochenen Strafen 
in dem Sinne vornimmt, daß er die beteiligten Vorgesetzten 
abberuft, sobald sich herausstellt, daß sie milder gexrirtpilt 
haben, als das Reichsinteresse es gestattet. 
Mit solchen Moͤglichkeiten zu rechnen, zwingt die immer 
traurigere Entwickelung, die die elsaß- lothringischen Verhält— 
nisse nehmen. Schuld daran ist zunächst eine Reichsregierung, 
deren vorzeitiger Optimismus die öfsentliche Meinung und die 
nach Wählerstimmen schielenden Parteien in dem Glauben be— 
stärkte, daß die Zeit für die Aufhebung des Diktaturparagraphen 
und die Verleihung einer reichsländischen Verfassung bereits 
gekommen sei. Schuld daran ist sodam eine elsaß-lothringische 
Regierung, deren Einflußlosigkeit gegenüber der Bevöllerung 
begreiflich erscheint, wenn ihre innere Schwäche durch die Tat— 
sache enthüllt werden konnte, daß der ärgste Deutschenhetzer im 
Gefängnis Aufmerksamkeiten von der Gemahlin des kaiserlichen 
Statthalters erfährt. Schuld daran ist endlich das agitatorische 
Treiben der meisten elsaß-lothringischen Parteien, deren maß— 
loser Radikalismus die Eingeborenen mit dem Geiste der 
Aufsässigkeit und Zügellosigkeit erfüllte. Wenn unter dem 
Finfluß solcher Verhältnisse auf militärischer Seite übertriebene 
Schneidigkeit und unangebrachte Rechthaberei sich einstellten, so 
ist dies nicht wunderbar. 
Fortdauern aber dürfen diese Zustände nicht. Es ist hohe 
Zeit, daß durch einen umfassenden Personalwechsel in Elsaß— 
Lothringen die Bahn für eine gedeihliche Entwickelung frei— 
jemacht wird. Die Rücksicht auf Personen darf weder in 
er Zivilverwaltung noch im Offizierkorps Elsaß-Lothringens 
davon abhalten, die notwendigen Vorbedingungen für die Be— 
teitigung unhaltbarer Zustände zu schaffen 
vüs liegen uns noch folgende Telegramme vor: 
Zabern, 30. Nov. Die Stimmung, die gestern noch sehr 
erregt war, hat sich inzwischen gebessert. Der heutige Tag 
ijt vollkommen ruhig verlaufen, obwohl mehr Menschen als 
jnst auf den Straßen waren. Es sind nur ein oder zwei 
Verhaftungen vorgenommen worden. Der Bürgermeister hat an 
perichiedenen Stellen der Stadt Anschläge anbringen lassen, in 
denen das Publikum vor Ausschreitungen gewarnt wird, da 
sonst Militär mit aller Schärfe einschreiten würde. Die Zivilisten. 
die verhaftet worden waren, erklärten, sie hätten nichts anderes 
getan, als gelacht und sich amüsiert. 
Fraukfurt, 30. Nov. Heute nachmittag 4 Uhr durchzogen, 
wie sich die Frankfurter Zeitung aus Zabern meiden läßt, starke 
Mintärpatrouillen mit umgehängtem Gewehr die Straßen. Ein 
Mann aus Ottersweiler, der nach dem Leutnant v. Forstner 
fragte, wurde von einer Militärpatrouille verhaftet und nach 
der Wache geführt. 
DPT. Straßburg, 30. Nov. Trotzdem Unterstaatssekretär 
Mandel dem Obersten v. Reuter bedeutet hatte, daß das 
Belizeigufgebot allein genüͤgen würde, um die Ruhe in Zabern 
aufrecht zu erhalten, hat der Oberst gestern abend Patrouillen 
zu zehn Mann durch die Stadt geschichkt. — Der Gesangverein 
„Harmonie“, der gestern abend ein Konzert geplant hatte, 
mußte dies in letzter Stunde absagen, da Oberst v. Reuter den 
Militärmusikern verbot, dargn teilzunehmen. Die Stimmung 
jjt im großen und ganzen etwas ruhiger geworden. — Beute 
indet in Mülhausen eine große Kundgebung gegen die Vor— 
gänge in Zabern statt. 
Ip. Etraßburg. 30. Nopb. Der von dem Deutschen Tele— 
zraphen nach Zabern entsandte Berichterstatter meldet: Die 
Stratzen in Zabern waren heute dicht von Leuten, die ihre 
Weihnachtseinkäufe besorgen wollten, gefüllt. Obwohl der 
Kreisdirektor darum gebeten hatte, daß deshalb das Militär 
im Interesse der öffentlichen Ruhe nicht zu PatrouillegsAnaes 
XXXW — — — —— 
werden wer Ihre Liebenswürdigkeit vielleicht aufs neue in. en⸗ 
pruch nehmen.“ F 
.„Es wird mir ein Vergnügen sein, Durchlaucht.“ 
Wie unagblichtlich tritt der Fürst ganz nahe an die Marchesa 
heran. 
„Ziehen Sie sich zurück, Frau Marchesa!“ raunt er ihr, nur 
hrem Ohr verständlich, zu. „Das Perlenhalsband, das neulich 
beim Juwelier Lablanche Ihre Rewunderung erreate. erwartet 
Sie zu Hause.“ 
In den Augen der eitlen Dame leuchtet es auf; doch der 
Fürst schneidet jedes Dankeswort nmit einer raschen Bewegung ab. 
„Jetzt will ich auch Sie heimgeleiten, Mademoiselle,“ 
wendet er sich zu Mirjant. „Sie werden müde sein von diesem 
Ihrem Debüt in der großen Welt. Konmen Sie!“ 
Zaghaft legt das junge Madchen die Fingerspiten auf den 
gebotenen Arm, und der Mann kfublt das leise Beben der 
lleinen Haände. 
„Warum fürchten Sie sich vor mir?“ fragt er weich, lich 
ief zu ihr herabbeugend. 
Ihr Biick hängt am Boden. 
„Ich — ich weiß nicht. Sie sind mir ja noch ein Fremder, 
Monsieur. Und alles ist so seltsam — so beängstigend seltsam —“ 
Rasche Schritte in ihrer unmtttelbaren Nahe lafsen sie ver⸗ 
tummen. Und ehe der Fürst es verhindern kann, ist Reginald 
deEsterre, der den beiden unbemerkt gefolgt ist, an Mirjams 
Zeite und reicht ihr mit einer raschen Gebärde die Hand, in die 
lde ohne Zögern die ihre legt. 
Fur einen Moment flanmen all die heißen. hellen Jugend⸗ 
gdefühle in Reginald auf. Doch er beherrscht sich. 
5Ich habe Ihnen eine Mittellung zu machen, Mabemoiselle. 
Darf ich umn eine Minute Gehör unter vier Augen bitten?“ 
Furst Orloff, der keine Selunde den Arm seiner Beglei⸗ 
kerin losgelassen, nimmt seine hochmultigste Miene an. 
WWoꝛxtlekung folat. 
ruf der Straße verwendet werden solle, wurden doch überall 
Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett gesehen. — Als ein 
Bäckeriunge vor der Hauptwache laut auflachte, wurde er ver—⸗ 
haftet. Sein Bruder, gleichfalls ein Junge, der sich nach 
dem Grunde erkundigen wollte, wurde ebenfalls festgenommen. 
kin Bürger, der ruhig seines Weges ging, wurde von Soldaten 
nitgenommen, angeblich, weil er über einen Leutnant gelacht 
hatte. Nachdem sie einige Stunden auf der Hauptwache fest⸗ 
gehalten waren, kam heute abend um 10 Uhr in das Bezirks⸗ 
jefängnis der Kreisdirektor, der sich für die Leute verwenden 
vollte; es gelang ihm jedoch nicht, die Befreiung der Ver— 
hafteten zu erwirken. Die Kunde von den neuen Verhaftungen 
hat in der Bevölkerung die größte Aufreguns hervorgerufen. 
Deutsches Reich. 
Die douusche Viilitärmision. Der Berliner Korrespondenit 
des Temps glaubt über die Verhandlungen zwischen Deutsch 
iand, Rußland und der Türkei betreffs der deutschen Militär— 
nission in Konstantinopel erfahren zu haben, daß die Verhand— 
ungen voraussichtlich auf einen anderen Weg geleitet werden, 
rämlich auf den Weg der Kompensation. Man spricht bereits 
»avon, daß Rußland solche Kompensationen in politischer und 
noralischer Hinsicht für sich für dringend notwendig erachtet. 
das Dardanellenproblem, die Reform in Armenien und ein 
russisches Kommando für ein türkisches Armeekorps sollen bereits 
vorgesehen sein. — Nach den letzten hier vorliegenden Mel— 
dungen, soll auch England sich diesen Verhandlungen voll⸗ 
ständig angeschlossen haben. Das englische Kabinett soll fest 
entschlossen sein, nicht zuzugeben, daß ein deutscher Offizier den 
Oberbefehl über das türkische Armeekorps in Konstantinopel 
Wernehme. — Es bleibt abzuwarten, was an diesen Mel⸗ 
dungen Dichtung und Wahrheit ist. Es sieht so aus, als ob 
hier der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Hoffentlich bleibt 
die deutsche Regierung stark und läßt sich eine Kontrolle der 
Mächte über Dinge, die nur die Türkei und Deutschland an—⸗ 
gehen, nicht gefallen. 
Eine Resolut on des Ostmarkenvereins. Am Sonnabend 
sielt der Hauptvorstand des Deutschen Ostmarken 
dereins im Klub der Landwirte zu Berlin eine aus allen Teilen 
»es Reiches zahlreich besuchte Versammlung ab, in der folgende 
öntschließung einstimmig angenommen wurde: „Der 
zauptvorstand des Deutschen Ostmarkenvereins fieht sich zu seinem 
ebhaften Bedauern genötigt, festzustellen, daß das Vertrauen 
»er ostmärkischen Bevölkerung in die Fortführung einer ziel⸗ 
bewußten Ostmarkenpolitik im. Weichen begriffen ist. In allen 
daterländisch gefinnten Kreisen, ohne Unterschied der Partei, ge⸗ 
winnt die Auffassung Raum, daß trotz der wiederholten Be— 
enntnisse der Regierung zu dem bisherigen Kurse tatsächlich ein 
Stillstand in der Betätigung einer kraftpvollen Polenpolitil 
eingetreten ist. Die deutsche Bevölkerung sieht in diesem Still— 
tand die bedenklichen Anzeichen einer neuen grundsätzlichen 
Wandlung in der vom Fürsten Bismarcdk vorgezeichneten Politik 
und droht einem gefährlichen, weil die Widerstandskraft läh— 
nenden Pessimismus zu verfallen, während das Polentum daraus 
ieuen Mut und neue Hoffnung auf die endliche Verwirklichung 
einer staatsfeindlichen Endziele schöpft. Indem der Hauptvor— 
land des Deutschen Ostmarkenvereins diese ihm allseits zugehen 
den Aeußerungen vaterländischer Besorgnis pflichtgemäß fest— 
tellt, richtet er erneut an die Königliche Staatsregierung 
und die Volksvertretung die dringende Bitte, in der Fortflih 
rung der Bismarchschen Ueberlieferung nicht nachzulassen. Al⸗ 
zauptmitte heiner erfolgreichen Ostmarkenpolitik betrachtet der 
Hßorstand nach wie vor: 1. den weiteren Ausbau der Bo⸗— 
»enpolitikt durch eine plaäanmäßige Ansiedlung von 
»eutschen Bauern unter Anwendung aller gesetzlichen Mittel, 
zurch eine auch im Interesse der Unabhängigkeit unserer Land- 
virtschakt und Industrie vom ausländischen Arbeitsmarkt not⸗ 
wendige gesteigerte Seßhaftmachung deutscher Ar— 
»eiterfamikien in der Ostmark, durch ein wirksames Par— 
zellierungsgesetz, dessen Einbringung von der Königlichen Staats⸗ 
regierung schon seit Jahren zugesichert, aber immer wieder 
»erschoben wurde; 2. die Einleitung und Ausführung einer durch 
zreifenden ostmärkischen Städtepolitik im Sinne des 
Beschluses des Abgeordnetenhauses vom 22. April 1913; 8 
die energische Fortfetzung der bisher von sichtbaren Erfolger 
zegleiteten Schulpolitik unter Aufwendung vermehrten 
Staatszuschusse. — An alle Mitglieder und Freunde des Ver— 
ins aber ergeht die dringende Mahnung, in ihrem Eifer für 
insere gerechte ostmärkische Sache nicht zu erlahmen, vielmehr 
jerade unter den heutigen schwierigen Verhältnissen mit dovpelter 
Kraft und Freudigkeit weiter zu wirken.“ 
Deuische Volksversicherung. Im Reichstag fsand am Sonn⸗ 
abend unter dem Vorsitz des Staatsministers Grafen Posa-⸗ 
dowsky-Wehner eine außerordentliche Generalver— 
dammlung der Deutschen Volksversicherung A.-G. statt. 
Als Vertreter des Reichskanzlers war der Reichskommissar Geh. 
Oberregierungsrat Dr Mürmeling erschienen. Nach dem An—⸗ 
— ü— — ⏑ 
Theater, Kunst und Wissenschaft. 
.L' Institut de Beauté“, das neue Stück von Alfred Ca— 
pus, wird zurzeit am Theater de Varietés in Paris aufgeführt 
ind bringt in einer wenig glüdlichen Fassung eine Art Altweiber⸗ 
mühle, ein Institut auf die Bühne, in dem die verblassende 
Schönheit alternder Damen sozusagen wieder aufgebügelt wird. 
Kleine Mitteilungen. Der Polizeipräsident von Ber⸗ 
rein hat dem Präsidium des Allgemeinen Deutschen 
Musikerverbandes eine lange Liste von Musikwerken zu— 
zehen lassen, die am Bußtag aufgeführt werden dürsen. Unter 
ijefen befinden sich auch „Robert der Teufel“, 
„Othello“, „Bajazzo“ u. a. — Eine Mottl⸗-Strake 
ind eine Hermann-Levi⸗Strake erhält Munchen, wie 
man meldet, zum 1. Jan. 1914. Die neuen Namen sind vom 
Ministerium de« Imern horeifts genehmigt worden. 
Die Stagione am San⸗Carlo⸗Theater in Neavel. Von 
zroßer Bedeutung wird diesmal die am 26. Dez. beginnende 
Stagione am San⸗Carlo-Theater zu Neapel sein. Als Leiter ist 
Leopold Mugnone gewonnen worden, der sich in der Stadt 
der Parthenope um die Aufführung der Wagneropern 
hohe Verdienste erworben hat. Unter den Opernneuheiten 
inden wir: „Conchita“ von Zandoni, „Amore dei tre re“ von 
Montemezzi, und „Sabha“ von Perotti, der den von der Stadt 
steapel ausgesetzten Preis erhalten hat. Von Verdi werden 
„Der Maskenball“ und,,Falstaff“ aufgesührt; mit dem „Fal— 
taff“ wird die Spielzeit erbffnet Dann folgen „Die Huge⸗ 
notien“, „Madame Butterfly“, „Tosca“, „Fedora“, „Carmen“ 
und eine Wagneroper. Unter den mitwirkenden Kunstlern be— 
inden sich Alessandro Bonci, Fernando de Lucia, Mario 
Zammarco, Ester Mazaoleni und Adelina Aaostinelli 
rage des Vorstandes erteilte die Versammlung die Genehmi— 
umg zur Uebertragung von Aktien an den Verband der 
evangelischen Arbeitervereine Bayerns r. d. R. die Evange— 
ischen Arbeitervereine (Frankfurt a. M.), die Zentralverbände 
der christlichen Holzarbeiter Deutschlands (Köln a. Rh.), den 
ßutenbergbund (Vereinigung deutscher Buchdrucker), die christ⸗ 
ichen Lederarbeiter Deutschlands, christlichen Keram- und Stein⸗ 
arbeiter Deutschlands und christlichen Bauarbeiter Deutschlands, 
zie Reichsschutzgemeinde für Handel und Gewerbe, E. V. 
Braunschweig), den Verband Deutscher Handlungsgehilfen zu 
Leipzig und den Verein für Handlungs⸗Commis 
von 1858 (Hamburg). Die Höchstzahl der Aufsichtsratsmit— 
glieder sowie der Mitglieder und Stellvertreter im Verwal⸗ 
tungsbeirat wird von bisher 25 auf 30 erhöht. In den 
Aufsichtsrat wählte die Versammlung zu den bisherigen zehn 
Ditgliedern 13 Vertreter von Korporctionen hinzu. Vorträge 
iber die Bedeutung und die Ziele der Organisation hielten der 
Reichstagsabgeordnete Behrens und der Generaldirektor des 
Nordstern“ Geheimer Regierungsrat Hacelöer-Köbbinghoff. 
In der sich anschließenden Aufsichtsratssitzung wurde 
ver Verwaltungsbeirat der Gesellschaft, über dessen Zusammen⸗ 
etzungen aus ihren eigenen Reihen die Versicherten später selbst 
u befinden haben, gewählt. Ueber die versicherungstech— 
rische Grundlage der Tarife der Deutschen Volks⸗ 
oersicherung A.⸗“G. äußerte sich ausführlich der Vertreter einer 
der größten Deutschen Lebensversicherungsgesellschaften. 
DD. Der dritte deutsche Arbeiterlongreß tagt zum zweitenmal 
eit seinem Zusammentritt in der Reichshaupistadt. Der große 
Zaal des Berliner Lehrer⸗Vereins⸗-Hauses ist dicht besetzt., Am 
Sonntag waren bereits gegen 100 Vertreter der christlichen 
hewerlschaften, der evangelischen und katholischen Arbeiter- 
pereine, des Deutschenationalen e eee Perhanden 
des Reichskartells des Verbandes der staatlichen Verkehrsbetriebe 
und einige andere Organisationen eingetroffen, eine Anzahl 
veiterer Delegierter wird, fur Montag erwartet. Unter den 
ßästen bemerkt man eine Reihe bürgerlicher Reichstagsabgeord⸗ 
neter, die Konservativen Graf Carmer, Nebbel, von Gräfe, 
den Reichsparieiler Warmuth, die Zentrumsabgeordneten Trim— 
born, Spahn, Pieper, die Rationalliberalen Bassermann, von 
Falker, Keinath, den Lizentiaten Mumm, den Grafen Posa— 
dowsky und andere. Als Vertreter der Reichsregierung ist 
der Geheime Ministerialrat Siewert erschienen, gußerdem ist 
der österreichische Landtagsabgeordnete Spalowski-Wien als 
Vertreter der christlichen Arbeiterschaft Oesterreichs zur Stelle. 
luch eine Reihe anderer Organisationen haben Vertreter ent— 
andt, so, die Gesellschaft für soziale Reform ihren Vorsitzenden, 
Staatsminister a. D. von Berlepsch. Der Vorsitzende des Ge— 
amtverbandes der christlichen Gewerkschaften, Abg, Behrens, 
rxöffnet den Kongreß mit einem Ueberblick über die Erfolge der 
hristlichnationalen Arbeiterbewegung, deren über 100 am Kon— 
jreß erschienene Vertreter ungefähr 124 Millionen Arbeiter 
ind Angestellte vertreten. Er schließt seine Ausführungen mit 
ovem Kaiserhoch. Auf seinen Vorschlag beschließt der Kon— 
greß die Absendung eines Huldigungstelegramms an den 
Kaifer, in der sich der Kongreß angesichts des gewaltigen Auf— 
schwungs, den Deutschland in den 25 Jahren der Regierung 
Wilhelms II. genommen hat, freudig zu dem Geist der Thron⸗ 
rede von 1918 bekennt und die Hoffnung ausspricht, daß der 
GFeist der sozialen Reform auch fernerhin walten möge. —, Den 
Keigen der Begrüßzungsansprachen eröffnet Geheimer Regie— 
unssrat Siewers, der im Namen des Reichskanzlers und des 
Ministers des Innern, der bedauert, infolge Krankheit am 
oersönlichen Exscheinen verhindert zu sein, für die Einladungen 
ankt und erklärt, daß die Reichsregierung die Beschlüsse des 
zongresses mit besonderem Wohlwollen prüfen wird, um 
dargus praktische Anregungen zu schöpfen. Im Namen ihrer 
Frattionen sprechen die Abgeordneten Graf Carmer, der 
ruhere AÄbgeordnete Linz (GReichspartei), Mumm (wirtsch. Ver⸗ 
ainigungh, der Zentrumsmann Spahn, der Nationalliberale 
Dr. Botiger und der frühere Staatssekretär des Innern, Abg. 
Graf Posadowsky, den der Kongreß mit lautem Beifall be— 
grüßt. Darauf folgen die Ansprachen der Vertreter der ver⸗ 
chiedenen als Gäste erschienenen Organisationen und des Oester⸗ 
zeichers Spalowski. Der Vorsitzende des Berliner Ortsaus⸗ 
schusses teilt mit, daß Oherbürgermeister Wermuth sein Bedauern 
ausgedrückt habe, infolge anderweitiger Verpflichtungen bei 
der Eröffnung nicht anwesend sein zu können, auch der Magistrat 
von Berlin sei verhindert. Unter den Begrüßungsschreiben und 
Begrüßungstelegrammen befinden sich solche der christlichen Ar— 
beiterschaft Belgiens und Hollands. Zu Vorsitzenden des Kon⸗ 
gresses werden Behrens und Stegerwald gewählt und nach Er⸗ 
sattung des Geschäfts- und Kassenberichta vertgat lich der 
Kongreß bis Montaqg früh 9 Ukr 
Ausland. 
Rußlands Sympathi Jug 
ßzlands Sympathie für garien. Anläßlich eines Ar⸗ 
tikels der Wiener Reichspost über das eed e xussischen 
Mobilmachung und des Bemühens einiger bulgarischer de 
Rußland anzutlagen, daß es das Anolück Buigariens verschudet 
habe, schreibt die Rossija: Die Bulgaren möchten sich selbst 
aus der Fälschung der Tatsachen, die man ihnen täglich auf—⸗ 
tische, herauswirren. Das starke Volk werde das Ende seines 
gegenwärtigen Unglüds erleben und jene Lebenskraft beweisen, 
die immer die Syimpathie und Unterstützung des großen Ruß— 
land finden werde. Dennog so fährt das Blatt fort, können 
wir eine Bemerkung, über die politische Richtung Richt„Unter⸗ 
lassen, die in Fuee die Vorherrschaft anstrebt. Die Männer, 
die jetzt an die Oberfläche des politischen Lebens in Bulgarien 
gelangt find, geizen nicht mit Versicherungen gegenüber der 
rufsischen Regierung, daß ihnen der Gedanke fernliege, Rußland 
wegen irgend etwas anzuklagen, und daß sie nur eine intime 
Ideengemeinschaft mit uns wünschten. Allerdings läßt man in 
einer anderen Hauptstadt andere, Beteuerungen dören, die viel⸗ 
scht don der Abal beglenet sind, hre Aufrischtigkeit zu, de— 
weisen; wir überlassen es jedem, ob er —238 diese Art zu han— 
deln verlassen will. Wir wollen jedoch, daß man sich in Sofia 
darüber klar wird, daß Rußland niemand auf dem Wege vo⸗ 
lischer Intrigen und dioppelten Spieles folgen kann. Wir 
können nicht glauben, daß dem, Zaren der Bulgaren die lug— 
nerische Behauptung angenehm sein könne, er habe aus einem 
Gefühl persönlicher Furcht heraus gehandelt, und nicht aus 
rigener Ueberzeugung von dem, was seinem Lande fromme, 
das seine neue, Heimat ee ist. Alle Dpingen über 
die Rolle Rußlands, s Bulgarien oezwungen haben soll, 
die Militärkowwention mit Serbien abzuschlieben, und über 
den HZusammenhang der bulgarischen Mobilmachung mit der 
russischen Probemo en sind reine Erfindung, ebenso wie 
die Berufung auf eine angebliche Rede des Kriegsministers, die 
seinerzeit oe demennett worden ist. Konig Werdinand 
nn vicht fuͤr dielenigen einstehen, die ihren Monarchen au 
ß grobe und ungeschiate Weise beruhigten, indem sie zu seinen 
chon bestehenden Schwierigkeiten neue hinzufügten. namentlich 
die Noiwendigkeit, die Inseressen Bulgariens streng von denen 
ber Tlique zu srennen, die im Namen Bulgariens zu reden unter⸗ 
immt. Wir siehen der gegenwärtigen antirussischen Agitation 
in Bulgarien vollkommen ruhig und, dalthlutig gegenüber, in 
der iefen Ueberzeugung, daß, fie künstlich gemacht ist: sie 
sann keine tiefen Würzeln in Bulgarien schlagen. Ueber kurz 
oder lang wird Bulgarien den altgewohnten Weg wieder ein— 
schiagen der es zu Rußland führen wird, das immer bereit ist 
ihm die Bruderband entgegenzustreden. 
Mexnilo. 
pC. Niederlage der Rebelien. Nach den letzten qus Wexziko 
in Rewyort eingetroffenen Vestunaen verfuchten die Rebellen 
ach der Eroberung von Mazatlan die Stadt Altata an der 
Bucht Altata Salinas des Golfs von Kalifornien einzunehmen. 
die geringe Besatzung der Stadt, die sich mit den Einwohnern 
um Wibderstande verbunden hatte, hatte jedoch rechtzeitig von 
dem Pian der Kebellen Kenntnig erhalten und wiesen Jie nach 
heihßem Kampfe mit blutigen Köpfen zurüd. Die Rebellen 
inten schwete Verluste, während die Zahl der Toten und 
arvundelen auf seiten der Verteidiger nur gering is
	        
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