Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

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Ausgabe 
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en 1813. 
— 
Das Ende der Korsenherrschaft in Deutschland. 
Von nun an ging es mit der französischen Herrschaft auch 
da, wo sie sich bisher noch in Deutsch'and behauptet hatte, rasch 
zu Ende. Nun folgten endlich die übrigen Rheinbundfursten 
dem Beispiel Bayerns und verlieken die Sache Frankreichs. 
Das Konigreich Westfalen, dessen König Jerome aus seiner 
Honuptstadt emwichen war, und das Großtzherzogtum Berg 
joͤsten sich stiltschweigend auf. Das Königreich Sachsen und das 
Großherzogtum Frankfurt wurden einer Zentralverwaltung 
unterstellt, an deren Spitze der Reichsfreiherr von Stein trat. 
Es galt jetzt nur den Franzosen die von ihnen noch be⸗ 
setzten Städte und Festungen zu entreißen. Die erste befestigte 
Sladt, deren Besatzung sich ergeben mußte, war Dresden. Am 
11. Nov. 1813 sah sich der französische Marschall, den Napo 
leon dort zurüdgelassen hatte, genötigt, die Waffen zu strecken 
Mit ihm gerieten 33 Generale, 33 000 Offiziere und Mann⸗ 
schaften in Kriegsgefangenschaft. Mit der Belagerung der 
drei an der Elbe gelegenen Festungen Torgau, Wittenberg 
und Magdeburg wurde General von Tauentzien beauftragt. 
Nachdem die Einschließung von Torgau am 2. Nov. begonnen 
hatte, traten für die in der Stadt dicht zusammengedrängten 
Menschenmassen entsetzliche Zustände ein. Ansteckende Krank— 
heiten wüteten derart, daß zeitweise über 300 Menschen täglich 
starben; dennoch setzten die Verteidiger den Widerstand mit 
großer Tapferkeit fort, bis die um 14 000 Mann verminderte 
Besatzung am 26. Dez. sich ergab. Nun kam Wittenberg an die 
Reihe, das nach dem Falle von Torgau mit stärkeren Kräften 
angegriffen werden konnte und das nach 14tägiger Beschießung 
am 13. Jan. 1814 erstürmt wurde. Dagegen hat Magdgdeburg 
sich bis zur Abdankung Napoleons gehalten. An eine Belage— 
rung war bei dem Umfang der Befesticungswerke und der starken 
gut ausgestatteten und für neun Monate mit Lebensmitteln ver—⸗ 
sehenen Besatzung hier nicht zu denken. In allen Ehren hat 
diese nach dem Friedensschluß in die Heimat zurückkehren durfen. 
Sie hat gezeigt, was der Kommandant der Festung im 
Unglüdsiahre 1806 bei tapferem Widerstand hätte leisten 
können. Schneller gelangten die Verbündeten an der Oder zum 
Ziel. Stettin öffnete, durch Hunger und Krankheit genötigt, 
den preußischen Belagerern schon am 30. Nov. 1813 seine Tore. 
Das starke Küstrin hielt sich zwar länger, aber im März 1814 
ging auch diese Festung wieder in preußische HSäünde über. 
Glogau, das die Aufforderung zur Uebergabe wiederholt zurüd—⸗ 
gewiesen hatte, sah sich durch Not, Krankheit und die Unzuver⸗ 
lässigkeit der bunt zusammengeletzten Garnison, und nachdem 
7000 Mann während der Belagerung gestorben waren, am 
10. April 1814 zur Uebergabe gezwungen. Belagerungen großen 
Stils mit hartnäcdigen und blutigen Kämpfen hat die Ein— 
nahme von Danzig und Hamburg erfordert. In Danzig hat mit 
einer Besatzung von 38 000 Mann, meist aus Rußland geretteten 
Truppen, der tapfere, unerschrockene französische Kommandant 
länger als elf Monate Widerstand geleistet, ohne daß es den 
Truppen der Verbündeten gelang, die Uebergabe der Festung 
zu erzwingen. Erst am 1. Jan. 1814 ist sie auf Grund eines 
Uebereinkommens mit dem Kommandanten erfolgt, nachdem 
äber 19 000 Mann während der Belagerung gestorben waren. 
Pariser Mode. 
Eigenbericht der Lübedischen Anzeigen.) 
Paris, im November. 
Leichte, zarte Chiffons, gefältelte Rüschen und gekräuselte 
Kragen, wie viele Leute halten euch für unnötig! Die Männer 
verfluchen euch in der Stunde, wo es sich um das Bezahlen 
der — manchmal etwas hohen — Rechnung handelt, aber tief in 
ihrem Innern lieben und bewundern sie euch! Sie sind dem Reiz 
einer gut angezogenen Frau sehr zugänglich, und schon allein 
dadurch wird die Koketterie zu mehr als einer Waffe, sie 
wird zur Notwendigkeit, und es wäre sehr töricht von uns, 
wollten wir uns ihr völlig entziehen. Natürlich darf man nicht 
seine Pflichten hintenansetzen und vier Stunden mit seiner 
Morgentoilette zubringen, man soll nicht von einem Anprobier⸗ 
salon in den andexen laufen und sich das geistige Niveau 
ijener Modepuppen zum Vorbilde nehmen, für die es außer 
dem Schneider, dem Tango und dem schiceen Tee kein Heil 
gibt. Aber wir müssen den Forderungen der Mode doch Rech— 
nung tragen, müssen uns feine Einzelheiten, kleine Ansprüche 
und große Irrtümer merken. damit wir uns stets auf dem 
Laufenden halten. Denn Mode jst Mode: wir ertragen lie, 
aber wir bekämpfen sie nicht. J 
Es scheint, daß wir Frauen sehr wandlungsfähig sind. 
Zur Zeit, da es zum guten Ton gehörte, eine liebenswürdige 
Fülle zur Schau zu tragen, waren die Damen alle nach Wunsch 
rundlich und fett, und wo jich die Natur nachläfsig gezeigt 
hatte, wurde durch Ausstopfen nachgeholfen. Heute sind die 
bewundertsten Frauen übertrieben schlank. Sind sie llein, so 
schadet das nichts, sie ähneln dann eben winzigen Puppen mit 
lindlichen Formen, und man mühte lügen, wollte man nicht 
zugeben, daß sie entzückend sind! Aber mittelgroße und große 
Frauen. die sich der neuen Mode beugen, sind keineswegs ver⸗ 
fũhrerisch. Die Vorliebe für den Sport hätte logischerweise 
eine Generation starker, schöner Frauen mit breiten Schultern 
und kräftigen Armen hervorbringen müssen, aber nein, das 
augenblicklich bevorzugte Frauenbild hat weder Brust, noch Hüf⸗ 
ten, ihr Rücken ist gewölbt, die Arme sind mager, das Gesicht 
knochig und ein wachsbleicher Teint läͤht sie als unvollkommen 
geheilt“ aus einem Sanatorium eben herauskommend erscheinen. 
Aber das ist nun einmal die Mode, und man beugt sich ihr, 
auch wenn die Gesundheit darunter leidet. 
Das Charakteristische an der jetzigen Mode ist das Lose, 
Locere an unseren Gewändern. Ob es fsich um den netten, 
norgendlichen Tailleur oder die Nachmittagsrobe oder die 
Toilette aus Tull und Spitzen, die uns des Abends auszieht. 
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. 
Freitag, den 28. November 1913. 
Abend-Blatt Nr. 603. 
die Lebegräfin vor Gericht. 
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Dꝑ. Barig 27. Nov. 
Nach eintägiger Ruhepause wurde die Verhandlung im 
Prozenn gegen die Grafin dischler von Treuberg heute wieder 
ufgenommen. Die Angeklagte steht heute immer sehr zuver⸗— 
ichtlich aus. Der Verlaidiger Rechtsanwalt Bahn beantragt die 
adung, noch mehrerer Zeugen, die bekunden werden, daß der 
zeuge Kirchhoff ß3 unglaubwũurdige AÄussagen gemacht habe. 
der Ferihee ait der AÄngeflagten vpot, daß sie Lt. Frhrn 
9. Moß, der, sich im September d. J. erschossen habe, arg 
ewuchert habe. Die Angeklagte bestreitet das; sie habe 
hm einmal auf einen Wechsel ein Armband gegeben, bewucher 
hjabe sie ihn aber in keiner Weise. Agent Weinberg bekunde! 
ils Zeuge, er habe den verstorbenen Lt. v, Motz im Auf— 
rage seiner Mutter zu arrangieren gehabt. Er habe von der 
Angeklagten eine Menge Pfandscheine übher Juwelen und Gold- 
achen heraushaben wollen, die Angeklagte habe dies aber 
tur getan nachdem er ihr 5000 Mubezahlt habe. Lt. v. Motz 
habe auch mit den Geldverleihern Pariser und Domarus in 
Verbindung gestanden. Ob die Angeklagte zu diesen Geschäften 
Beziehungen hatte, könne der Zeuge nicht sagen. Darau 
vird als Zeuge Kaufmann Netter von der Firma Sch. zu 
zaden-Baden und Frankfurt a. M. vernommen. Er bekundet 
t. v. Motz habe eine Anzahl Juwelen und Goldsachen ir 
Baden-Baden, angeblich zu Geschenken, gekauft. Der Gesamt— 
wert betrug 50 000 M. Die Schuld sei oliczig von der 
Familie bezahlt worden. Er (Zeuge) habe keinen Schaden 
rlitten. Ob die Angeklagte Beziehungen zu diesem Geschäf 
zatte, sei ihm nicht bekannt. Veeee bekundet der Zeugt 
ruf Befragen des Staatsanwalts, die Angeklagte habe ihm 
einen Herrn v. Grosig einmal als Käufer zugeführt und dafür 
ie im voraus bedungene Propision erhalten. Der folgende 
zeuge, Kaufmann Hildebrandt, bekundet, er sei von der Mutter 
des Lis. v. Hagenow mit der Schuldenregulierung ihres Sohnes 
zequftragt worden. Er habe den Versuch unternommen, die 
Buchhandlung Schröter G. m. b. H., die dem Lt. v. Hagenow 
rus einen Wechsel von 100 000 M Bücher im Werte von 98600 M 
segeben habe, zu bewegen, den Preis herabzusetzen. Der 
Dero sei jedoch mißlungen. Er habe Schröter gefragt, wie 
er denn einem jungen Offizier eine so große Aph Bücher 
erkaufen konnte, für die dieser doch absolut keine Verwendung 
abe. Schröter habe geantwortet, er könnte doch einen Käufer 
icht fragen. ob er die gekauften Bücher verwerten könne. Der 
ztaatsanwalt bemerkt, daß die Angeklagte für die Bücher, die 
agenow von adtee rpus habe und die laut Sach— 
ersiändigenurteil einen Mert von 3800 Mäühatten, 3000 W. 
zrovision erhalten habe. Verteidiger Rechtsanwalt Dr, Klee 
emerkt. die Angeklagte hatte von den Abmachungen der Firma 
schröter keine Kenntfnis. Dr. Klee verliest darauf ein längeres 
erzeichnis der von der Firma Schröter an die Prinzessin 
uise von Belgien, den Lt. a. D. v. G. und den Lt. von 
»agenow verkauften Bücher und bemerkt, es sei undenkbar, 
aß auch nur eines dieser Bücher bei Wertheim sür den Preis 
von 10 Pfg. zu haben sei. Sachverständiger Verlagsbuchhändler 
Wilhelm Herlet bekundet, eine Anzahl der von Schröter ver— 
auften Bücher hatte überhaupt keinen Wert. Es waren alte 
zücher, in denen längst aufgehobene Gesetze enthalten waren. 
Der Prinzessin seien eine ganze Anzahl Bücher mit 40 M, be⸗ 
echnet worden, die 20 Pfg. wert waren. Aehnlich sei es 
ei einer ganzen Reihe anderer Bücher der Fall' gewesen Auf 
ßefragen des Verteidigers Rechtsanwalt Dr. Klee gibt der 
zeuge zu, daß. wenn man ein derartiges Buch im Laden kaufe, 
inen anderen Preis zahlen müsse, als wenn man die Bücher 
neiner grohen antiquarischen Buchhandlung kaufe. 
Im weiteren Verlauf der heutigen Verhandlung stellt der 
zerteidiger Rechtsanwalt Dr. Julius Meier J den Antrag, die 
zeweisaufnahme abzukürzen. Es werden eine Anzahl Zeugen 
ber Handlungen vernommen, die mit der, Angeklagten augen⸗ 
heinlich keine Beziehungen haben. Es sei doch nicht zulässig, 
ber Dinge Beweis zu erheben, wenn nicht zum mindesten der 
zerdacht vorliegt, daß die Angeklagte dabei eine strafbare 
»andlung begangen bezw. das Bewutztsein der Straf— 
arkeit gehabt habe. Der Staatsanwalt widerspricht dem An— 
rag, da festgestellt werden müsse, ob eine Beihilfe zum Wucher 
der zum verschleierten Wucher begangen worden sei. Der Ge— 
ichtshof hbehält sich die Beschlußfassung über den Antrag vor 
ind beschließt die Ladung der gestern vom Rechtsanwalt Bahn 
heantragten Zeugen abzuülehnen. da deren Befundungen ails— 
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wahr unterstellt werden. Es gelangt ein weiterer Fall wegen 
Beihilfe zum Wucher zur Verhandlung. Oberlt, der Landwehr. 
Jlexander Horlot, bekundet als Zeuge, er sei vor einigen 
Jahren nach Poisdam versetzt worden, und da seine Malchinen⸗ 
hau⸗Aktien stark im Kurfe eschen waren, brauchte er notwendia 
seld. Der verst. Lt. von Motz wies jihn an die Angeklagte. 
diefe letzte sich sofort telephonisch mit dem Agenten Domarus 
n Verbindung. Domarus führte ihn nach der Blücherstrabße 18 
u einem Herrn Germann, dort stellte sich ihm ein alter Herr 
inter dem Namen Pariser vor. Ex (der Zeuge) entlieh sich auf 
inen Dreimonatswechsel 10000 Miuund erhielt dafür 8800 M 
ofort bar ausgezahlt. 500 M, gab er sogleich dem Agenten 
domarus. Ob die Angeklagte Provifion erhalten hat, sei ihm 
icht bekannt. Die Angeklagte bemerkt, fie habe von Domarus 
ür dieses Geschäft 150 MProvision erhalten, es können aber 
uch 200 Meagewefen sein, genau könne sie es heute nicht mehr 
agen. Weiter bekundet der Zeuge Horlot, daß ihm Pariser 
uicter denselben Bedingungen noch ein weiteres Darlehen ge⸗ 
jeben habe. Auch in diesem Falle habe er eine ähnliche Pro— 
ision an Domarus agezahlt, Auf Befragen des Rechtsanwalts 
Dr. Julius Meier J bemerkt der Zeuge, daß er in, diesen Ge— 
häften, einen Wucher nicht, etblift habe. Es sei allgemein 
iblich daß der Geldgeber bei 10000 Me1500 M sofort abzieht 
ind daß dem Vermittler 500 MProvision gezahlt werden. 
zerteidiger Rechtsanwalt Jul. Meier J:, Sie sind doch oft 
nals in Baden-Baden gewesen. Soviel mir bekannt ist, existiert 
»ort ein Mann namens Rock, der den Besuchern aus freier 
vand des, öfteren 1900 Muund darüber leiht. Ist Ihnen be— 
annt, daß dieser Mann sich selbst von Millionären für 1000 
Rark, die er guf Furze Zeit, und, wenn es nur auf einige 
-tunden ist, 100 MuProvision zahlen läßt? Zeuge: Das ist 
nir bekanni. Vert.: Wird darin irgendein Wucher erblickt? 
deuge: Keineswegs- —, Die Zeugin, Modistin Marie von 
chandel, ist nicht erschienen. Nachdem noch mitgeteilt wird, 
aß die Prinzessin von VYsenburg-Vüdingen am Montag als 
Jeugin vernommen werde, wird die Verhandlung auf Freitag 
— 
Aus den Nachbargebieten. 
Schleswig⸗ Holstein. 
Neumünster, 28. Nov. Erhängt aufgefunden wurde 
m Gehölz bei Rickling ein unbekannter Mann an einem Baum. 
Beim Durchsuchen der Kleidung wurden für 2000 M Wert- 
zapiere und eine goldene Uhr nebst Kette gefunden; doch fehlt 
iber die Personalien jeglicher Anhaltspunkt. * 
Großherzogtum Oldenburg und Fürstentum Lübed. 
K. Ahrensbök, 28. No. Die Weihnachtsferien 
neginnen am Montag, dem 22. Dez. — Ihre goldene 
hochzeit feierten Donnerstag die Eheleute Holländer J. Hoff- 
nann sen. und Frau in körperlicher und geistiger Frische. Der 
Shemann ist 78 Jahre alt, die Ehefrau 75 Jahre. 
Grokkherzoatümer Medlenburo. 
Sternberg, 28. Nowp. Landtag. Ein Diktamen des 
Landrats von Böhl-Glave und anderer, beantragt eine Ver— 
»rdnung betr. Beibehaltung der Hundesteuer, die nach dem 
Jontributionsedikt in Wegfall kommen würde. Der Vorschlag 
vird angenommen. Ein Strelitzer Reskript schlägt, einer vor— 
ährigen Anregung der Stände folgend, eine Aufbesserung der 
sßehälter der ritterschaftlichen Lehrer und Gleichstellung mit 
denen in Schwerin vor, gegen die Schulkommitte. 
— Wittenburg, 28. Nov. Verkauft hat Hotelbesitzer 
Fr. Valentin sein Hotel „Mecklenburger Hof“ an Gastwirt 
Ebel, Lübeck, für 75 000 M zum 1. Jan, 1914. 
o0 Dasso w, 28. Noo. Im landwirischaftlichen 
Berein hielt v. Plessen-Damshagen einen orientierenden Vor— 
rag über Krankenkassen. Die zahlreichen aus der Versammlung 
an den Referenten gerichteten Fragen bewiesen aufs beste 
das lebhafte Interesse, das die Versammelten für die behan— 
delte Materie hegten 
handelt, alles scheint uns am Körper herumzubaumeln. Wir 
ehen eigentlich immer so aus wie die jüngeren Schwestern 
die die Kleider der älteren auftragen müssen. Das Jacketi 
lattert herum, die Schultern sallen ab, der Kragen steht weit 
ffen. Die Aermelausschnitte befinden sich, man weiß nicht wo, 
ind der Gürtel ist, man weiß nicht woraus. Ob man das nun 
nag oder nicht, ist gleichgültig, da es Mode ist. 
Es ist aber doch amüsant, den Veränderungen des „Trot⸗ 
eur“ zu folgen, der aus dem engen, kurzen Tailleur entstanden 
st, einem Tailleur, von dem wir heute beim besten Willen auch 
üicht die leiseste Spur mehr entdecken können. Heute hat er sich 
o verweiblicht, daß er ein viertes Gente von Kleid schafft, 
in Genre, das nicht Morgen- und nicht Nachmittagsrobe ist 
ind natürlich noch viel weniger für den Abend paßt, aber 
as doch ein Bild unvergleichlicher Eleganz ist, wie es sich 
iur Paris ausdenken konnte, wo sich Geist und Kunst wir 
ungsvoll vereinen. Fast möchte man meinen, daß sich ein 
noralischet Einfluß beim Schaffen dieser Kunstwerke geltend 
racht, die in einer Saison das Aussehen von „mir ist alles 
chnuppe“ haben, und in der nächsten wieder verblüffend prüde 
Manieren annehmen. Gibt es demnach etwas Amüsanteres als 
rrauenlleider? Gibt es etwas, das besser als sie den Geist 
iner Epoche kennzeichnet? Sich mit der Mode beschäftigen, und 
Tlen ihren Metamorphosen folgen, zeugt keineswegs von ge—⸗ 
inger geistiger Betätigung, im Gegenteil, wir wollen uns bald 
nit den Historikern auf eine Stufe stellen, da diese stets zu 
Nodedokumenten ihre Zuflucht nehmen, wenn es sich um kul⸗ 
urelle Feststellungen handelt. 
Wenn man die Frauen in diesem Winter von hinten be— 
rachtet, so gewinnitt man den Eindruck, daß ihre Kleidungs— 
rücke nicht auf ihren Körpern, sondern an Kleiderständern 
xüngen, und das Erstaunen darüber, plötzlich einen Kopf oben 
erausgucken zu sehen, ist natürlich sehr groß. Von diesen 
tleiderständern konnten wir nun die verschiedensten Exemplare 
vor durzem bei der Einweihung eines neuen Modesalons be—⸗ 
wundern. Es gibt nichts Scharmanteres, als einen Mode— 
alon. Eine warme, leichte Atmosphäre erfüllt die Näume. 
Die Verkäuferinnen ähneln alle Theatersoubretten oder den 
Srisetten von Anno dazumal, die plötzlich in einem für sie 
gemachten Rahmen wieder auferstanden sind. Modefalons Es 
gibt hohe und sehr große, und wie Boudoirs intime, weiche 
„.. die einen im Louis⸗XV. Stil, die anderen modern. 
Also, in der Rue Ronale herrschte Feststimmung. Ein 
rroßes Pariser Modehaus weihte zwölf neue Salons ein und 
»at auf schönen, goldumränderten Einladungskarten „ihm die 
khre zu aeben und eine Tasse Tee bei ihm zu trinken.“ Sarah 
— 
Bernhardt sollte kommen! Und Punkt 7 Uhr hielt die „Gött— 
liche“ auch wirklich ihren von zwei „sterblichen“ Schauspiele— 
rinnen angekündigten Eintritt. So wird wohl die letzte Kaiserin 
der Franzosen in den Tuilerien ihre Untertanen beg ühßt haben. 
Lächeln und Maiestät. und hier und da ein huldvoller Hände— 
druck: 
„Guten Tag, lieber Freund!“ 
Da ... ein Kameliendamen-Schrei! 
„Ach, Lewis, wenn ich schon mal hier bin, muß ich auch 
'aufen ... ich kann nicht anders! Den himmlischen, ent⸗ 
zückenden, wunderbaren kleinen Hut dort mit den Parma— 
»eilchen ... ja, den da ... schicken Sie den mir! Wann ich 
hn aufsetzen werde, weiß ich noch nicht, aber haben muh ich 
hn! Und den Helm da auch! Schicken Sie mir den Helm ... 
venn „mein ist der Helm, und mir gehört er zu!“ Ach, und 
ßie Studentenmütze ... und die Charlotte da, Lewis, Lewis, 
die müssen Sie mir alle, alle schicken!“ 
Und wie Sarah Bernhardt ging es allen Damen: sie 
lonnten dem Wunsch nicht widerstehen, die Samtmützen mit 
den roten Teufelsaigreisten aufzuprobieren, und ... zu kaufen. 
Denn bei dem Modekünstler Lewis deckt sich Aufprobieren mit 
Kaufen. Und ungeachtet all der steifen Maitres d'Hotel, die 
mit ihren vollen und leeren Teetassen durch die Gruppen 
eilen, reißen sich die Pariserinnen mit fast wilden Bewegungen 
ihre Kopfbededungen von den Häuptern, wersfen sie den gerade 
oporübergehenden, verblüfften Dienern auf die Tabletts, arran⸗ 
zieren sich mit verständnisvollen Gesten die unordentlich ge⸗ 
wordenen Haare und rufen kategorisch: „Fräulein Lilia, pro⸗ 
vieren Sie mir das Samtkepi auf!“ 
Und es wird spät und immer später, aber die Damen 
önnen sich nicht trennen. Unten warten die Ehemänner unge— 
zuldig in den Automobilen, und zu Hause steht das Essen auf 
»em Tisch und wird kalt. Da .. die große Hermelinane- 
none, die plötzlich, man weiß nicht wann und wie, auf dem 
chwarzen Samthut emporblühte, die mit Skunks umran—⸗ 
deten, seidenen Musselinrosen, die scharmanten weiken Spitzen⸗ 
olumen, deren Kelchblätter sich um ein schwarzes oder gelbes 
Samtherz formen, die Strakßcabochons, die, gleich Tautropfen, 
mif dem Kelchgrunde glitzern, sie alle müssen noch ein letztes 
Mal in Augenschein genommen werden. Es geht nicht anders! 
Und es wird spät und immer später ... Unten warten die 
Ehemänner ungeduldig in den Automobilen ... Ihre Schuld! 
Wenn sie raufgekommen wären, würden sie wahrscheinlich jetzt 
ioch da sein! ... Lulun
	        
Waiting...

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