Full text: Lübeckische Anzeigen 1913 (1913)

Deutsches Reich. 
Abreise des Kalsers nach Donaueschingen. Der Kaiser ist 
jestern abend um 10 Uhr 50 Min. von Primkenau nach Donau— 
schingen abgereist. Der Herzog von Schleswig-Holstein ge— 
eitete den Monarchen zum Bahnhof. 
Die Reichstagsersatzwahl in Kehr⸗Offenburg. Die gestern im 
Reichstage mitgeteilte Niederlegung des Mandats durch den 
Abg. Kölsch (Natl.) macht eine Nachwahl in dem badischen 
Wahlkreise Kehl-Offenburg nolwendig. Der Wahlkreis war 
zisher, und zwar seit 1888, ununterbrochen in Zentrumshänden. 
Im ersten Wahlgang erhielt das Zentrum bei der letzten Wahl 
1615 Stimmen, Kölsch 8962 und ein Sozialdemokrat 3705 
Stimmen. In der Stichwahl siegte Kölsch mit 12712 Stimmen 
zegen 12 704 Stimmen, also mit einer Mehrheit von nur acht 
Stimmen. Es wird den Nationalliberalen nicht leicht sein, das 
Mandat zu behalten. 
Die Geschäftslage im Reichs tage. Von unserem Mitarbeiter 
im Parlament wird uns geschrieben: Die Beantwortung der Inter⸗ 
zellationen zur Arbeitslosenversicherung und zur Wackeesaffäre ist 
war für die zweite Hälfte der kommenden Woche in Aussicht 
gzestellt, wird aber voraussichtlich erst zu Beginn der nächstfol⸗ 
zjenden Woche erfolgen. Die erste Lesung des Etats, die 
nächsten Dienstag beginnt, wird höchstwahrscheinlich die ganze 
Woche für sich beanspruchen. Als Redner für die elsässische 
Interpellation sind von den Sozialdemokraten die Abgg. Pei— 
rotes, Emmel und Dr. Weill bestimmt; für die fortschrittliche 
Volkspartei wird der Abg. Röser, der Vertreter von Zabern im 
Reichstag, die Interpellation begründen, von den Nationallibe⸗ 
alen spricht Professor van Calker zu ihr. In parlamentarischen 
treisen wird angenommen, daß der nächste Montag aus 
Mangel an Beratungsstoff sitzungsfrei sein wird. 
bpt. Zum Postetat. Von den 9995 neuen etatsmäßigen 
Stellen, die der neue Postetat für höhere, mittlere und Unter⸗ 
Beamte anfordert, entfallen 95 0,95 60 auf höhere Beamte, 
1178 41,85 0 auf mittlere und 5722 — 57, 20 00 auf Unter⸗ 
Beamte. Das Organ der höheren Post- und Telegraphenbeamten, 
die „Blätter füc Post und Telegraphie“, begrüßen die Vermehrung 
zer mittleren sowie der Unter-Beamten als erfreuliche Stei— 
gerungen, die teilweise die Zahlen der letzten sieben Jahre be— 
veutend überstiegen. Bei den Sekretären und Assistenten betrage 
die Zunahme gegen das Vorjahr je ein Drittel, bei den Ober— 
ekretären, Postmeistern und Landbriefträgern sogar das Doppelte, 
zei den gehobenen Unter-Beamten drei Fünftel. Den höheren 
bostbeamten aber bringe der neue Etat nicht genug. Die 
Stellenvermehrung stehe sichtbar unter dem Zeichen scharfrech- 
tender Sparsamkeit, und der Plan der Verwaltung, den letzten 
Dberpostpraktikanten im Laufe des Jahres 1917 zu befördern, 
hei den übrigen Beamten die infolge verlangsamter Beför— 
zorung eingetretenen finanziellen Ausfälle dadurch zu vermeiden, 
)aß in den nächsten 4 Jahren je 50 neue Stellen für Vize— 
irektoren und je 75 Inspektorstellen in solche für Vizedirektoren 
imgewandelt werden, könne die Beleiligten nicht zufriedenstellen. 
Ddas Regierungsprogramm bedeute ein totes Gleis, das bei dem 
Bizedireltor mit 6000 MuHöchstgehalt ende. Zufriedenheit werde 
inter den Beteiligten erst einkehren, wenn die alten Forderungen 
ach einer wirkungsvollen Vermehrung der mit 7200 MeSöchst- 
ehalt ausgestaiteten Endstellen und einem glatten Aufstieg in 
oiese Besoldungsklasse für alle höheren Postbeamten erfüllt 
—A 
sh. Deutjcher Vichhändlertag. Unter zahlreicher Beteili— 
rung von Miitgliedern aus allen Teilen des Reiches trat am 
Donnerstag im Berliner Musiker-Vereinshause der Bund der 
HUichhändler Deutschlands unter dem Vorsitz von Daniel (Dier— 
borf) zu seinem diesjährigen Bundestag zusammen. Aus dem 
Bericht über das verflossene Geschästsjahr ist zu entnehmen, 
dal die Erörterungen über die Ursachen der Vieh- und Fleisch— 
euerung, die Zustände auf dem Vieh- und Fleischmarkt und die 
Zurückweisung der vielen Angrifse gegen die Viehhändler die 
hdauptarbeit des Bundes im letzten Jahre gebildet haben. Der 
Bericht nimmt dann Bezug auf die Protestversammlung vom 
danuar und gibt Stichproben aus den Erhebungen über das 
Berhältnis von Stall- und Marktpreisen, aus melchen sich 
ergibt, daß von 179 Geschäften, auf welche sich die Stichproben 
hezogen, 68 mit Gewinn für die Viehhändler, 111 dagegen mit 
Verlu't abschlossen Weiter weist der Bericht die Behauptung 
— EXI — 
Theater, Kunft und Wissenschaft. 
Lübeck, 28. Nopv. 
Stadttheater. 
„Die Zauberflöte“. 
Die „Zauberflöte“, das letzte und an Wohllaut und 
eicher musikalischer Ausgestaltung vielleicht auch das beste 
zühnenwerk Mozarts, ist in seiner herrlichen Vertonung und 
einen symbolischen Beziehungen zum Freimaurertum an dieser 
Stelle so oft einer Besprechung unterzogen worden, daß man 
iich gleich der Aufführung zuwenden kann. Die musikalische 
Leitung Dr. Hartzems und des Orchesters war trefflich. 
Das war Mozartstil: ruhige breite Tempi, Wohllaut und echt 
deutsches Empfinden. Schon die Ouvertüre mit ihren drei 
breiten Akkorden und dem zweiten pochenden Thema — das 
Pochen an die Pforten der Weisheit und Erkenntnis — hätte 
reichen Beifall verdient. Die Oper war auch recht sicher ein— 
tudiert. Nur schade, daß einige der Mitwirkenden nicht den 
Anforderungen ganz gerecht wurden. Willy Kollwitz, dem 
die Partie des Tamino übertragen war, ließ beim Publikum, 
rurch Indisposition an der dollen Entfaltung seiner Stimm— 
nittel behindert, um Nachsicht bitten Marie Lambach soll 
rin fleißiges Bemühen um die Partie der Pamina nicht abge— 
prochen werden, doch von einem Mozartstil war hier nichts 
zu spüren. Es fehlte vor allen Dingen der heilige Ernst, der 
ich auch so gar nicht in den Gesichtszügen ausdrückte. Ada 
Perllnn enttäuschte uns etwas als Königin der Nacht. Immer— 
zin ist es ein Bedeutendes, die schwierige Partie in dem Grade 
zu beherrschen, wie es bei Frau Pellny der Fall ist; doch die 
chmerzgebeugte und auf Rache sinnende Königin verlangt einen 
veit größeren Ton und dramatischere Ausgestaltung der Par— 
ie. Erik Schubert, der eine gute Erscheinung abgab und 
chöne, doch nicht sonderlich geschulte Stimmittel ins Treffen 
ührte, hätte seinem Sarastro wohl noch eine größere Weihe 
verleihen können. Eine Musterleistung, weitaus die beste des 
Abends, war der Sprecher Harry de Garmos. Er traf 
den Mozartstil und wußte mit seinen herrlichen Stimmitteln und 
tadelloser Aussprache den heiligen Mann mit andachtsvoller Weihe 
zu erfüllen. „Die drei Damen“ (Tilly Schmidt, Hedwig 
Weller und Gertrud Meisner) waren sehr vorteilhaft 
besetzt. Sie sangen rein, kräftig und geschmackvoll und fügten 
ich gut zusammen. Die drei Knaben Core Botz-Gertrud 
Steinhagen und Hedwig Woblter) zogen sich ganz gut 
zus der Affäre, wenn auch der Stimmklang weit schöner und 
urück, daß die Viehhändler an der Seuchenverbreitung schuld 
eien. Entschieden sei dagegen Verwahrung einzulegen, daß der 
ßund der Fleischer in eine Opposition zum Bunde der Vieh— 
zändler getreten sei. Wenn aber der Bund der Fleischer den 
dampf wolle, dann solle er ihn haben. Hierauf referierte der 
direktor des Veterinärinstituts der Universität Breslau, Prof. 
Or. Casper, über das Thema: „Die Schweineseuche, Schweine— 
»est und ihre Bekämpfung“. Die Versammlung trat nach dem 
Bortrage in die Beratung einer großen Reihe von Anträgen 
»in, die überwiegend fachlicher Natur sind. 
4 
Schutzgebiete. 
Deuifche erangelische Missiens-Hilft. Nachdem der Kaiser 
en Verteilungsplan der evangelischen Nationalspende für die 
hristlichen Missionen in den deutschen Kolonien und 
—chutzgebieten bewilligt und auch die Aussonderung eines 
estbetrages zur Schaffung einer dauernden Organisation zu— 
unsten der deutschen evangelischen Missionsarbeit genehmigt 
zat, soll in einer am Sonnabend, dem 6. Dezember, im 
zitzungssaale des Herrenhauses zu Berlin, Leipzigerstraße 3, 
tattfindenden größeren Versammlung von Freunden dieses Vor—⸗ 
abens über das Unternehmen und seine Verfassung grundlegend 
erhandelt werden. Die Versammlung, zu der eine große 
Anzahl interessierter Persönlichkeiten aus ganz Deutschland ein— 
zeladen sind, wird nach einem Eingangswort des Oberhof— 
nd Dompredigers D. Dryander durch den Minister des Königl 
zauses a. D., Präsident des Preußischen Herrenhauses v. Wedel, 
en Vorsitzenden des Evangelischen Arbeitsausschusses der Na— 
ionalspende, eröffnet werden. Oberpräsident v. Hegel⸗Magde— 
‚urg und der Herausgeber der Magdeburgischen Zeitung Dr. 
jaber, auf deren Initiative die Sammlung der Nationalspende 
urückzuführen ist, werden sodann das Wort ergreifen, um die 
dotwendigkeit weiterer Förderung des Missionsgedankens in 
deutschsiand zu beleuchten. Ueber die Zukunft der Deutschen 
pangelischen Mission wird Professor D. Dr. Meinhof-Hamburg 
»rechen, und Oberverwaltungsgerichtsrat D. Berner wird die 
zerfassung und Aufgaben der neu zu begründenden Organisation 
rläutern. Nach einer Aussprache soll sofort zu den Wahlen 
jeschritten werden, damit möglichst bald das neue Werk in 
dätigkeit tritt. 
Ausland. 
Desterreich⸗ Ungarn. — 
Aus der Vorgeschichte des Balkanbundes. Es ist an den 
Frafen Berchtold, wie wir aus guter Quelle erfahren, shon 
‚or, einigen Monaten die Versuchung herangetreten, den Wort⸗ 
aut der Verträge, die sich zuerst gegen Oesterreich-Un— 
rarn richteten und die der Matin, wie wir berichtet haben, 
ürzlich wiedergab, die ja seine Politik glänzend rechtfertigen, 
u puhlizieren. Er hat es aber abgelehnt, weil er schon da— 
ials darauf ausging, die Beziehungen zu Rußland wieder zu 
essern. Nun kommt ihm allerdings die Publikation, als 
eren Urheber Herr Danew immer erkenntlicher wird, nur ge— 
egen. Was aber der Matin nicht mitteilen kann, ist, daß 
kußland die Balkanperträge zur Kenntnis ge— 
ro mmen und seinerseits Abmachungen mit dem Balfanbund 
zetroffen hat, als deren Ergebnis die Probemobilifie— 
umg an der, galizischen Grenze anzusehen ist. Es ist auch nicht 
vahr, was einige französische Blätter behaupten, daß Frank— 
eich von diesen Abmachungen keine Kenntnis gehabt hätte. 
der Balkanbumnd war, sogar ein Schoßkindder fran— 
ösischen Diplomatie, die für ihn große Opfer gebracht 
hat, und mit ihm nicht nur Oesterreich-Ungarn, sondern ausch 
FJas Deutsche Reich treffen wollte. 
Frankreich. 
P0. Die Verhandlungen in der französischen Kammer. Die 
dammer Hhat gestern nachmittag die Debatte über die Anu—⸗ 
eihen begonnen. Die Verhandlungen schreiten nur sehr 
angfam vorwärts. Ein Antrag, den der Sozsialist Jaurés ein— 
»rachte, die ganze Debatte über das Projekt zu vertagen, wurde 
on der Kammer mit 439 gegen 148 Stimmen zurückgewiesen. 
dafür stimmten nur die Soziglisten und die RadikabSo- 
jalisten. Die Stellung der Regierung ist nach dem bisherigen 
Taufe der Verhandlungen eine sehr günstige. 
England. 
PC. Zu den Abdankungsabsichten des Vizekönigs von In⸗ 
ien. Die Gerüchte über eine Abdankung Lord Charles Har— 
ings verdichten sich. Wie aus bester Quelle verlqutet. wird 
dord Hardinge nach seinem Rügtritt einen längeren Erholungs⸗ 
irlaub antrefen, um alsdann den Posten des englischen Bot⸗ 
schafters in Varis zu übernehmen. Der Posten des englischen 
— — —r——— 
veihevoller hatte sein mühen. Eine sehr hübsche Leistung bot 
zans Siegle als Papageno. Stimmlich und in der Aus— 
prache gleich gut war der „Naturbursche“, von köstlichem Humor 
urchtrönkt. In Frau Lise Vogel-Mack stand ihm eine 
eizende Papagena zur Seite. Auch der Monostatos Rudolf 
danges ist zu loben. Er war recht gewandt und wußte seine 
Partie auch stimmlich in leicht beschwingter Weise zur Geltung 
u bringen. Eine etwas deutlichere Aussprache wäre zu wünschen. 
die drei Priester (Akexander Obermaier, Gustav 
gaumgarten und Franz Lösch), ebenso wie die beiden 
Geharnischten“ (WMWalter Mann und Konrad Lehmann) 
angen stimmkräftig und würdevoll. Der Chor löste die ihm 
on Mozart gestellten herrlichen Aufgaben in klangschöner, durch— 
us zufriedenstellender Weise. Die Ausstattung durch Herrn 
Aberregisseur Herm. Beyer war sehr schön und weihe— 
oll. Die schnellen Verwandlungen trugen viel dazu bei, das 
Bublikum in der nñtigen Stimmung zu erhalten. 
M. Stiehl. 
Der neue Jatendant des Frankiurteer Schanfpielhaufes. 
Dder Aufsichtsrat der Neuen Theater-A.«G. in Frankfurt a. M. 
jat, wie verlautet, mit Hofrat Behrend aus Mainz, dem 
zdeiter des dortigen Stadttheaters einen Vertrag wegenUebernahme 
es Intendanturpostens des Frankfurter Schauspielhauses abge— 
chlossen. Die städtische Theaterkommission hat noch ihre Zu⸗ 
timmung zu geben. 
Den Direktoren des Stadttheaters in Wismar, Albers und 
zartsch, wurde von der Kur⸗ und Badeverwaltung des Bades 
zreienwalde a. d. Oder die Direktion des dortigen städtisch 
ibventionierten Kurtheaters auf die Dauer von vorläufig drei 
zahren übertragen. 
Die deutsche Uraufführung des Mitsikdraentas „Cobzar“ von 
Ferrari fand Mittwoch im Kasseler Hoftheater statt und erzielte 
inen vollen Erfolg. Die Aufführung war hervorragend, die 
nwesende Komponistin Ferrari konnte mehrmals vor dem Vor⸗ 
sang erscheinen. 
Die beiden ersten Kölner „Parsifal“-Aufführumaen, für die 
ich schon jetzt ein ganz außerordentliches Interesse geltend macht, 
inden am 11. und 13. Jan. 1914 statt; sie werden vom 
restspielverein, der die gänzende Ausstattung 
ur Verfüügung stellt, und vom Opernhaus gemeinsam ver—⸗ 
enstaltet. Edith Walker singt, wie verlautet, die Kundry, 
Zeinrich Winckelshoff den Parsifal und Paul Bender den Gurne⸗ 
nanz. Gustav Brecher dirigiert. Die Chöre werden unter Mit— 
virkung des Kölner Domchores ausgeführt. 
Botschafters in Paris wird in nächster Zeit neu zu besetzet 
jein. da der ietzige Botschafter, Sir Berlie, die Allersren 
hereits überschritten hat. Es gilt als zweifellos, daß Lorp 
Kitchener der Nachfolger Lord Hardinges sein wird. 
Rußland. 
Pq. Rückehr der Zarenfamilie nach Zarskoje Selo. i 
Zaiserliche Familie wird noch vor Weihnachien aus Livadia 5. 
Zarsloije Selo, zurückkehren. Die Generale des kaiserlichen Ge 
folges haben bereits Befehl erhalten, sich Ende Rovember ip 
Petersburg zu versammeln. 
.. PC. Die Kandidatur des Prinzen Wied. Die russische Re— 
gierung hat ihr Einverständnis zur Wahl des Prinzen von Wier 
zum Herrscher von Albanien erklärt unter der Vorausseßung 
daß Fämtliche Grohßmächte ihre Zustimmung erteilen. 
EC. Eine reyosutionäre Versammlung bei Riga aufgehoben. 
Im Bidenschen Walde wurde eine revosutionäre Versammslung 
don der Polizei überrascht und fünf Versonen verhaftet. I 
der Stadt selbst finden erneut Haussuchungen statt, wobei zahl 
reiche Briefschaften beschlagnahmt und verschiedene Verhaftungep 
vorgenommen wurden. 
Serbien. 
dok. Ein deutscher Postheamter für Serbien. Man schreib 
ins aus Belgrad: Die serbische Regierung hat sich zur Organj 
ation der Postverwaltung, in den neuen Gebieten an die 
deutsche Reichs⸗Post-Verwaltung mit der Bitte gewandt, ihr 
rinen geeigneten Beamten zu überlassen. Daraufhin hat die 
deutsche Vostverwaltung den Postdirektor, Mosemann zungcht 
auf ein Jahr nach Serbien beurlaubt. Er wird einmal den 
Post⸗ und Telegraphendienst in den neuen Gebieten organisieren 
Ind, danng guch in Altserbien eine Reihe von, Reformen im 
Vost- und Telegraphenwesen durchführen. Postdirektor Mose 
nann ist mit dieser, Mission betraut, da er als langiährigen 
Zeiter des deutschen Postwesens in Marofko sich unter schwierigen 
Dehnden im Auslandsdienst in besonderem Maße 6 
währt hat 
Deutscher Reichstag. 
Sitzung vom 27. November 1913. 
ESchluß.) 
Abg. Brey⸗(Soz.): Wir haben allen Anlaß, uns mit 
größter Vorsicht allen Anderungen der Gewerbeordnung 
gegenüberzustellen. Es nicht angängig, die Autorität des 
Bendarmen den Hausierern gegenüber weiter zu stärken. 
Gifte, gifthaltige Waren, Arzneien und Geheimmittel, die 
als schädlich für die Gesundheit des Menschen gelten, dürfen 
natürlich nur mit größter Vorsicht an die Käͤufer gebracht 
verden. Der Entwurf geht aber darüber weit hinaus, in—⸗ 
dem er auch andere Mittel vom freien Verkauf ausschalten 
vill, wie die zur Verhütung der Empfängnis. Die Dinge, 
»eren Vertrieb im Umherziehen jetzt verboten werden sollen, 
ienen zum Teil sanitären Maßnahmen, und viele Per⸗ 
onen haben nur Gelegenheit, sich diese Dinge auf diesem 
Wege anzuschaffen. Ich beantrage, die Vorlage einer Kom— 
nission von 14 Mitgliedern zu überweisen. 
Abg. Irl-Erding (Zentr.): Der Gesetzentwurf be—⸗ 
riedigt unsere Erwartungen durchaus nicht. Er 
jätte auch zu der von uns angeregten wich— 
igen Frage Stellung nehmen sollen, dem Aus⸗ 
ändertum unter den Hausierern entgegenzutreten. Da— 
u kommt, daß die Einschulung der Hausierer⸗ 
inder die größten Schwierigkeiten bereitet. Diesen Miß— 
tänden muß entschieden entgegengetreten werden. Auch sonst 
entspricht der Entwurf nicht den bei früheren Gelegenheiten 
ꝛrhobenen Wünschen des Reichstags; hier wird die Kom⸗ 
nission ergänzend eingreifen müssen. Auch hinsichtlich der 
Wanderlager reicht die Vorlage nicht aus; sie müßten rund- 
weog verboten werden. Wir bitten um Einsetzung einer Kom⸗ 
nission von 28 Mitgliedern, da vielleicht auch noch andere 
Fragen der Gewerbeordnung zu erörtern sein werden. Wir 
wollen nicht den Hausierhandel mit Stumpf und Stiel aus— 
otten; der seßhafte Erwerbsstand muß aber weitestgehenden 
Schuß finden. 
Abg. Dr. Böttger (Natl.): Der Entwurf stellt den Ver⸗ 
such dar, den Wünschen des gewerblichen Mittelstandes zu 
entsprechen. Die Kommissionsberatung wird zwar noch 
manche Underungen herbeiführen können; wir halten aber 
eine Zusammensetzung aus 14 Mitgliedern für ausreichend. 
Der Hausierhandel erfordert unbedingt eine Einschränkung, 
umal manche recht zweifelhaften Elemente in ihm zu finden 
ind. Im Gegensatz zu der Sozialdemokratie bin ich der 
MNeinung, daß der Hausierverkauf der die Empfängnis ver— 
indernden Mittel unbedingt verboten werden muß. Den 
Schiebungen mit Pfandscheinen muß vorgebeugt werden, 
und auch, die Wanderlager sind zu bekämpfen, weil sie 
neistenteils Schund auf den Markt bringen. 
Abg. v. Payer (Fortschr. Vpt.): So harmlos, wie es die 
Kegierung hinstellt, ist der Entwurf keineswegs. Eine 
Fommission von 21 Mitgliedern würde ich für ausreichend 
ꝛrachten. Wenn auch das seßhafte Gewerbe geschütt werden 
nuß, so darf doch der Hausierhandel nicht für vogelfrei er— 
lärt werden; auch ist die Annahme falsch, daß die Hausierer 
urchweg arbeisscheue Subiekte sind. Die Interessen der 
donsumenten sind überhaupt nicht berücksichtigt worden. 
zgegen das Verbot des Hausierhandels mit Gegenständen zur 
erhütung der Empfängnis haben wir nichts einzuwenden. 
dagegen halten wir es für bedenklich, den Verkauf von 
zlumensamen vom Hausierhandel auszuschließen. Gegen 
ie Wanderlager sollte man nicht so scharf vorgehen; sie sind 
ift eine direkte Notwendigkeit für die Konsumenten. beson⸗ 
ders dort, wo keine Konkurrenz vorhanden ist. Im Inter⸗ 
esse des Konsumenten können wir uns mit der diese Frage 
sitestenden Fassung der Vorlage nicht einverstanden er« 
lären. * 
Abg. Graf v. Carmer-Zieserwitz (Kons.): Die Kommission 
dird besonders darauf achten müssen, daß die Ausländer 
zeim Hausierhandel gänzlich ausgemerzt werden. Das Ver⸗ 
ot des Hausierhandels mit Blumen- und Gemüsesamen 
nöchte ich dringend zur Annahme empfehlen, da häufig von 
inzuverlässigen Elementen minderwertige Sämereien an 
denMann gebracht werden. Zu bedauern ist, daß die KRehren 
es NeuMalthusianismus, der den Kinder— 
egen einschränken will, immer weiter in unsere Volkskreise 
indringt. Die Haltlosigkeit dieser Lehre, die darauf hin⸗ 
veist, daß bei Einschränkung des Kindersegens die Rasse 
räftiger werde, beweist ein Blick auf Frankreich, wo der 
eur-⸗Malthusianismus in vollster Blüte steht, 
durch die Befolgung dieser Lehre wird, die Wahrhaftigkeit 
ines Volkes und seine sittliche Kraft abgeschwächt. (Sehr 
ichtigh) Wir müssen deshalb auch den Hausierhandel mit 
gegenständen verbieten, die die Empfängnis verhüten sollen. 
)urch die Wanderlager werden die kleinen Kaufleute und 
zewerbetreibenden, die zwar reelle Ware haben, aber nicht so 
illig verkaufen können, wie die Wanderlager, arg ge— 
chädigt. Deshalb geht uns die Vorlage nicht weit genug. 
die Prüfung der Bedürfnisfrage der Wanderlager muß von 
steichswegen fortgesetzt, und nicht dem Ermessen der Landes— 
zentralbehörden überlassen werden. 
Abg. Dr. Hegenscheidt (Kpt.): Wir begrüßen die Ände— 
rungen, die der Gesetzentwurf vorsieht, mit Freuden. Auch 
»ie Uhren sollten von dem Hausierhandel gänzlich ausge— 
schlossen werden. 
Darauf wurde die Sitzung vertagt. 
Nächste Sitzung: Freitage1 Uhr pünktläich: Kurze 
Anfragen, sozialdemokratische Interpellationen betr. Zabern 
und Rüstungskommission, Wahlprüfungen, Fortsebung der 
zeutigen Debatte, Gesetz betr. Wiederaufnahme im Beamten- 
disziplinarverfahren. 
aip sah Schluß 614 Uhr.
	        
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